Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 33 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 3S. Seite.8. Nicht allem auf dem kantoralen Gebiete, sondern anch in anderen heiligen Institutionen unserer erhabenen Religion erwarb sich Linhardt große Verdiuste. So führt er die neugeborenen jüdischen Knäblein in den Bund Abrahams ein. Auch im weltlichen Beruf eines beeidigten Dolmetschers der ungarischen und hebräischen Sprache für die Gerichte der königlichen Landgerichts-Bezirke und Standesämter Hannover und Lindau ist Linhardt unausgesetzt tätig. Au kantoralen Standesinteressen nimmt Linhardt regen Anteil nnd hat oft in den Versammlungen durch sein fachmännisches Urteil und seine praktischen Anregungen große Beachtung gefunden. Linhardt kann mit großer innerer Befriedigung auf feine 25-jährige Amtstätigkeit zurückblicken. Möge der Allgütige den Jubilar an der Seite seiner Gattin, mit der er in glücklichster Ehe vereint ist, seiner intelligenten Gemeinde und dem Kantorenstande noch recht viele Jahre erhalten! Uerschiedene Nachrichten. Wien. (Makkabäerfeier der Wiener Zionisten.) Am 20. d. M. fand im Saale des Hotel „Continental" die zionistische Makkabäerseier unter zahlreicher Beteiligung statt. Es ist sehr schade, daß gerade diese Feier, die doch am besten geeignet ist, zu zeigen, daß wir Jude» uns auch in Ordnung und Disziplin lügen können, daß gerade diese Feier an dem Mangel der Ordnungslosigkeit litt. Im Publikum herrschte ein Chaos! Warum? Hätte» nicht gerne einige stramme „Blau-Weiße" den Ordnungsdienst und das Numerieren der Sitze übernommen? Viele Evisodeu erwähnter Ordnungslosigkeit raubten einem leider gleich zu Beginn jegliches Channkaideal! — Die Darbietungen waren allerdings wohl gewählt und fanden auch den wohlverdienten Beifall. Wenn auch Fräulein Elie Stern an manchen Stellen ihrem Instrument nicht die rechte Wärme entlocken konnte, so hat sie technisch eine sehr schöne Leistung geboten. Den Kristallisationsvunkr des Abends bildete die Festrede des Herrn Adolf Stand. Präsidenten des Exekutivkomitees. Zu Beginn die Schilderung der Geschichtsepisoden war kühle objektive Darstellung; als die Rede aber daun im weiteren zu den brennendsten Fragen der Gegenwart hinüberglitt, da merkte man, wie Herr Stand mit begeistertem Herzen in begeisternden Worten seine Uederzengung kundgab; man fühlte die Berautwortuug. die jetzt aus dem Judentum lastet, wenn es sich nicht, ohne Unterschied der Parteischattierung, raschest organisiert, um beim bevorstehenden Frieden sein Recht, das es auf Grund seiner Opfer an Gut und Blut verdient, geltend machen zu können. — Die Ausführungen des Herrn Stand wurden an vielen Stellen von langanhaltendem Beifalle unterbrochen. — Eine Programmüberraschung waren die ausgezeichnet geschulten sechs jüdischen Turner nnd vier jüdischen Turnerinnen. Es war ein schöner Ausblick auf das Muskeljudentnm der Zukunft! — Herr Feiwisches sang ganz nett einige wohlbekan^MWidlsche Volkslieder, worauf zum Schluß Herr Torczyner von den ÄWMrspieleii in künstlerischer Weise Gedichte von Münchhausen, ZuWWMnu und eine kleine Erzählung von Perez vorlas. — So wäre Veranstaltung besprochen — bis auf den ersten Programmpnnkt: „Lichterzünden". Ist dieses schon an und für sich infolge seines synagogalen Gepräges für Veranstaltungen nicht geeignet, so hätten sich trotz alledem in Wien genügend Kantoren gefunden, die diese Ebrenfunktion sreudigst überuommeu hätten. Merkwürdig aber auch, daß die Juden wohl wisieu, daß man anfsteht, wenn man jemanden ehren will, es aber nicht im geringsten wißen wollen, daß es gar nicht unfein wäre, beim Lichterzündeu den Kopf zu bedecken. „Dieses Lichterzünden soll nicht ein äußerliches sein, es solle»! im jüdischen Herzen die Lichter gezündet werden", um mich der Worte des Hern Staub zu bedienen! H. K. Wie«. (C h a u u k a s e st.) In den Räumen der Talmud-Thora der türkisch-sephardischen Gemeinde fand am 24. d. M. eine Chanukafeier statt. Dieselbe wurde mit dem Anzünden der Channkalichter durch Oberkantor Bauer eröffnet» worauf Schulvorsteher Herr D. S. A lb a ch a r y, der im Vereine mit dem Lehrkörper da» Fest arrangiert hat, eine Ansprache an die zahlreich versammelten Schulkinder hielt, die mit einer ausgiebigen Jause bewirtet wurden. Rabbi Papo und Sekretär Dr. H a l f o n betonten die erhebenden Momente der schönen echt jüdischen Chanukafeier, an welcher auch mehrere Damen mit der Präsidentin des neugegründeteu Frauenvereines, Frau Anitra H a l f o n teiluahmen. Mit dem Bortrage von Gedichten durch die Schulkinder schloß die Feier. Wie«. (Chanukafeier des I s r. Humanitären Unterstütz un g »Vereines der Kolomeaer.) Aul 25. Dezember 1916 veranstaltete der Jir. humanitäre Unte rstütznngsvereln der Kolomeuer in Wien im Cafe „Prückel" eine imposante Cbarmkafeier unter überaus zahlreicher Beteiligung der jüdischen Gesellschaftskreise. Die Israelitische Kultusgcmeinde Kolomea war durch Herrn Kultusrat Mendl Fricdmanu und der Verband Jüdischer Galizischer Vereine in Wien war durch den Obmann, Herrn Hofnstd Gerichtsadvokaten Dr. Max Jakobsohn, vertreten. Unter den Anwesenden bemerkte man ferner die jüdische Kriegsheldin Fräulein Sara Ester Schor aus Pistyn bei Kolomea und den k. u. k. Fähnrich Kaspar Blond, deffen Helden-- brust das Eiserne Kreuz nnd der kaiserlich ottomanische Medjidjeorden schmückt. Nachdem Dr. Arnold Friedmann die Anwesende» begrüßt hatte und den im Felde befindlichen und gefallenen Bereinsmitgliedern tiefempfundene Worte des Ged'enkenS gewidmet hat, verrichtete Herr Oberkantor Grob die Zeremonie' de» Lichterzündens und erfreute dann das Publikum durch seinen meisterhaften Vortrag jüdischer Volkslieder. Hierauf trug Herr I. Zimbler auf einem eigenartigen Instrument aus Holz nnd Stroh einige jüdische Weisen vor und erntete reichen Beifall. Nach dem jungen Opernsänger Herrn Ed. Reiinar, welcher in dem vorgetragenen Prolog aus „Bajazzo" großes Können zeigte, kam die Reihe auf Herrn Josef Boksenbaum, Oberbeamten des „Phönix", der in gewohnter Weise durch seine aktuellen Improvisationen einen unbeschreiblichen Jubel der Versammlung auslöste. Den Höhepunkt erreichte der Abend während der Borträge des Herrn Oberregisseur Egon Brechen von den Jarno-Bühnen. Der für die Pflege jüdischer Kunst unermüdlich kämpfende Mime wählte zu seinem Programm die von Simson handelnden Kapitel aus dem Buche der Richter, das unsterbliche Gedicht „Makkabäer 5675" von Hugo Zuckermanu. den Schwanengesang des großen jüdischen Dichterhelden und die köstliche Geschichte ans Kolomea „Es ist nicht wahr" von Schalem Alejchem. Das Schlummerlied ans der „Afrikaneriu" gesungen von der Opernsängerin . Fräulein Hirsch und die von dem Violinvirtuosen I. Königfest gespielten Zigeunerweisen von Sarasato und „Lauzonetla" von Tjchaikowsky fanden ebenfalls ungeteilte Anerkennung beim dankbaren Publikum. Die artistische Leitung des Abends lag in den bewährten Händen des Herrn Schriftstellers S. Haber. Dr. A. F. Wie«. Herrn Josef B o x e n b a n m, Organisationsbeamten des „Oesterreichlschen Phönix", wurde die silberne Ehrenmedaille vom Roten Kreuze mit der Kriegsdeeoration verliehen. Herr Boxeubanm hat sich insbesondere bei der Ausspelsung Von Flüchtlingen betätigt. Anfrns der Kriegsmültersiaffe. lIn rührender Weise hat sich öffentliche nnd private Fürsorge der Kriegerwitwen nnd -Waisen angenommen. Soi wie sie, ist aber sicher auch Pie Mutter eines G efallenen oder Kriegsinvaliden zu beklagen, der keine Hoffnung, Erwerbsmöglichkeit und Zukunft Hrer Kinder «mehr winU, die dien Gegenstand jahrzehntelanger mütterlicher Liebe, Pflege und Sorgfalt verliert,die in echt jüdischem Geiste, statt einen Sparpfennig für das Alter sich zurückzulegen, ihr - kärgliches Einkommen der Erziehung und höheren Ausbildung des Sohnes geopfert hat. Zur Unterstützung dieser Mutter hat sich schon im ersten Kriegsjahre über Anregung des Rabbiners Dr. Feuchtw ang unsere Kriegsmütterkasse gebildet, die Seiner Ehrwürden auch den Grundstock ihres Kapitales verdankt, welches die Kasse zu Monatspensionen und Unterstützungen von Müttern von gefallenen verwendet hat. Mit der Länge des Krieges wächst die Zahl dieser Mütter, auch> solcher, die zwei oder drei Söhne dem Baterlande opfern mutzten. Da unsere Mittel nicht mehr ausreichen, richtet sich unsere Bitte an die, welche ihr Liebstes gesund wiederzusehen hoffen, an alle Helden, die an der Front gegen den Feind, an Frauen und Mädchen, die im Hinterland so tapfer gegen Krankheit und, Not ankämpfen. Wir bitten um eine, wenn auch noch so kleine Gabe, MonatsspenÄe oder Subvention im Interesse der bedauernswerten weiblichen Opfer Ws jnoch im«mer tobenden Weltkrieges. Gütige Speichen, welche die Administration dieses Blattes gerneausweist, nimmt entgegen Herr Rabbiner Dr. Feuchtmang, 18. Bezirk, Edelhofgasse 36, Frau Berta Donreffch, Kassaverwalterin der KriegÄnütterkasse Feuchtwangfouds, 20. Bezirk, Dresdenerstratze 77, und die nachstehenden (Damen: ^Jeanette >Feu chtwan g, Präschentin der Kriegsmütterkasse (Dr. Fcklchtwang-Fonds), Regine May, Vizepräsidentin, Ida Berliner, Fanny Dreikurs, AM« Hirsch, Frau Kaprallt, Sofie Wal tuch. Für die Weibliche ^Fürsorge: Regine Ullmann, Vorsitzende; Helene Kur anda, Kassierin; Röse Schur, Schriftführerin.;;