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Die Wahrheit · 1916-11-17 · Heft 29 (17.11.1916) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 29 (17.11.1916)
Date
1916-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Je mehr das religiöse Leben aus dem jüdischen Hause schwindet und je weniger wir imstande sind, dieser betrübenden Erscheinung Einhalt zu tun, desto mehr tritt in neuerer Zeit das Bestreben hervor, den religiösen Aeußerungeu innerhalb des Gotteshauses, dem synagogalen Gottesdienste, erhöhte Pstege und Aufmerksamkeit zu widmen. Diese in unseren Zeitverhältnissen vollauf begründete Notwendigkeit tritt uns in Ansehung unserer Heranwachsenden Jugend nur noch ernster nnd dringender entgegen. Wie fremdartig uns auch ein rein fynagogales Judentum anmntet und wie fest wir auch davon überzeugt sein mögen, daß jüdische Religiosität ihrem Wesen nach nicht im Gotteshause, sondern im Familienhause wurzelt, so können und dürfen wir uns dennoch der Tatsache nicht verschließen, daß bei dem bei weitem größten Teile nnserer Jugend, der leider keine Gelegenheit mehr hat, die Eindrücke einer jüdischen Häuslichkeit in sich aufznuehmen lind dem die mannigfachen Ausdrucksformen des jüdisch-religiösen Lebens kaum mehr als dem Namen nach bekannt sind, das Bewußtsein religiöser Gemeinschaft fast ausschließlich auf dem synagogalen Gottesdienste beruht. Durch den Zwang der Verhältnisse ist der synagogale Gottesdienst für unsere Jugend leider zur einzigen sinnfälligeu Erscheinungsform religiöser Betätigung geworden. Wofern uns also die Erhaltung und Kräftigung des religiösen Bewußtseins nuferer Jugend am Herzen liegt, haben wir in dem synagogalen Leben, im Gottesdienste, einen überaus wichtigen Faktor zn erblicken und diesen umso höher einzuschätzen, als wir heute mehr denn je auf ihn „ angewiesen sind. Das Gotteshaus bildet für uns derzeit sozusagen die Rettungsstation, in welcher unsere Kinder gebracht werden müssen, um sie nicht der Gefahr auszusetzen, nnter den Trümmern der zusammenstürzenden jüdischen Häuslichkeit für das Judentum ganz verloren zu gehen. *) Die folgenden Ausführungen bildeten einen vor wenigen Jahren im Religionslehrervereine „Esra" gehaltenen Bortrag. Da diese Ausführungen seudeni an Aktualität nichts verloren haben, gelangen sie hiemit über Anregung von befreundeter Seite zur Veröffentlichung. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erscheint der | in unserer Gemeinde seit Jahrzehnten bestehende und für unsere Gemeinden des In- und Auslandes vorbildlich >j gewordene Jugendgottesdienst als eine Institution von | eminenter Bedeutung. x '.ji Selbstverständlich hat die Würdigung des hohen : | Wertes des Jugendgottesdienstes zur Voraussetzung, daß dessen Organisation und Gestaltung möglichst wirkungsvoll j sei. Nicht nur soll die erziehliche Absicht für das spätere J synagogale Leben in seinen eizelnen Teilen deutlich hervortreten, sondern eS muß sich auch in einem seinem erhabenen | Zwecke entsprechenden ästhetischen Gewände präsentieren, also im Ganzen in würdigen religiös-kräftigen Formen auf die Jugend wirken. ' Daß unser Jngendgottesdienft diesen Forderungen nicht voll und ganz entspricht und seit einer Reihe von Jahren nicht mehr auf der Höhe seiner ehemaligen Borbildlichkeit steht, wird niemand, der die Dinge unbefangen sieht, in Abrede stellen. Des Oefteren schon waren einzelne beim Jugendgottesdienste wahrgenommene Mängel und Uebelstände Gegenstand von Erinnerungen, Zuschriften und Konferenzberatungen, ohne daß durch die vörgeschlagenen und in Anwendung gebrachten Mittel eine wesentliche und nachhaltige Besserung erzielt worden wäre. Das Grundübel, an welchem unser JugendgotteSdienft leidet, liegt, unserer Ansicht nach, darin, daß sein edler Kern, der religiöS-erziehliche Gehalt nicht recht zur Geltung kommen kann. u. zw. aus dem sehr bedauerlichen Grunde, weil er von der disziplinlosen unästhetischen Form, die ihn umgibt, ehe er sie durchdringt, erstickt wird. Sollen religiöse Eindrücke auf unsere Jugend wirksam sein, dann müssen sie in einer tadellosen ästhetischen Form vermittelt werden. Wer an einem Sabbathe vor Beginn des Jugendgottesdienstes ein Gotteshaus betritt, wird, wenn er nicht bereitan dem sich ihm darbietenden Anblick gewöhnt und gegen diesen abgestumpft ist, sich erstaunt umsehen und kaum glauben können, daß er sich an einer der Verehrung Gottes geweihten Stätte befindet, noch weniger aber wird er begreifen, daß hier eine Handlung von religiös-erziehlicher Einwirkung auf die Jugend vor sich gehen soll. Summen und Stimmengewir, erfüllen den ganzen Tempelraum. unruhige, in permanenter Bewegung sich befindende Kinder in den Bankreihen, zuweilen wildes Hineinstürmen in das

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