Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 28 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrveit Nr. 28 bmatsaffeffor der Berliner Jüdischen Gemeinde, Dr. Michael Sachs s. A., der Aufführung des Händelschen Oratoriums Judas Makkabäus unter Leitung des Direktors Rungenhagen beiwohnte. Der Chor „Seht, er kommt, mit Preis gekrönt!" gefiel Sachs so gut, daß er die Bitte an den Gemeindevorstand richtete, diese Händelsche Melodie dem Gottesdienste - in der Heiderenter-Synagoge einzuverleiben. Die Bitte wurde erfüllt, und der damalige Dirigent Louis Lewandowski verwendete die Melodie „Seht, er kommt," sowie die Melodie „Rings um den Erretter tönt" ans die Hallel-Verse Odecho ki anissoni und ewen moasu habonim. Diese Händelschen Melodien erklingen noch heute an Feiertagen beim Hallel- Gebet in der hiesigen „Alten Synagoge." Der zu dieser Zeit in der Heidereuter-Synagoge amtierende Chordirigent Louis Lewandowski besuchte die Königliche Mademie. Sektion für Musik, unter Rungenhagen und Grell. Somit hatte er auch Zutritt zu dem Nachlaß Zelters, dem Vorgänger Rungenhagens. Unter den Zelterschen Kompositionen fand Lewandowski Melodien, die sich für den jüdischen Gottesdienst eigneten. So benutzte er für den reorganisierten Gottesdienst der „Alten Synagoge" Zeltersche Me- . lodien auf die Texte Ki mizion für Simchas Thora, Wejeossew, Mechaikel chajim und Heje im pipijos. Diese Melodien in der Lewandowskischen meisterhaften Bearbeitung erbauen noch heute die Beter im Gotteshause. Andererseits suchte der jetzige geniale Leiter der Berliner Sing-Akademie, Professor Schumann, für sein'Oratorium „Ruth", das im zweiten Festkonzert zur Aufführung kam, nach Melodien, die im jüdischen Gottesdienste gesungen werdeil. Und dieser Gedanke war ein glücklicher; denn Texte, die sich auf dem palästinensischen Boden.abspielen, erheischen für ihre ' Vertonung die Benutzung von spezifisch-jüdischen Melodien. Solche suchte und fand Meister Schumann im Schir Zion von Salomon Sulzer und erhielt dort viel Anregung für sein Oratorium „Ruth". Eine Sulzer-Melodie aus 'Wes’earaw - l’foneeho attirossenu JD, laß Dir Wohlgefallen unser Beten," tritt zuerst iu der Szene „Auf dem Felde" auf. Mit dieser altjüdischen Gesangsweise charakterisiert Schumann in reicher musikalischer Fülle das Landvolk, bei welchem gewöhnlich der Gesang die Arbeit begleitet. Die hierbei oft wiederkehrende übermäßige Sekunde verleiht dem Gesänge eine spezifisch orientalische Färbung, und man wird in das alte Bethalls versetzt, wo die Meschorarim (Chorsänger) ihre genialen und originellen Melodien anstimmten. Einer zweiten Sulzer-Melodie in Ruth begegnen wir in der fünften Szene „Auf der Tenne," und zwar der Kaddisch-Melodie nach der, Toravorlesnug am Rausch-Haschonoh und Jom Kippur. Diesem uralten Gesänge legt Schumann für das nächtliche Bild des Südens, das Gebet aus Maariw „Gelobt seist Du bei Tage, gelobt seist Du bei Nacht," unter und läßt dasselbe nach einleitenden leisen Harfentönen vom Priester verkünden. Der Chor der Tempelwächter antwortet darauf unter Posauneubegleitung im p. P. Amen, wie im Kaddisch-Gebet. Für die Fortsetzung der Kaddisch-Melodie benutzt Schumann als Text das Haschkiwenu- Gebet: „Gib, daß wir uns hinlegen zum Frieden." Nach diesen Worten, wie auch nach den Worten „und breite Deines Friedens Zelt über uns," antwortet der Chor jim p. p. Amen. Die hierbei hervorgezauberte Stimmung erinnert den jüdischen Zuhörer an den Sabbatansgang vor dem Selichoth-Gottesdienst, wo der Borbeter diese Texte durch besondere musikalische Ausgestaltung zum Vortrag bringt, um die Gemeinde für die kommenden heiligen Tage vorzubereiren. Den Schluß des Schumann-Oratoriums, wo der Anbruch des Morgens geschildert wird, bildet ebenfalls ein Sulzerscher Gesang und zwar die Borchn-Melodie von Scholansch Regolim. Bevor diese Melodie beginnt, hört man einen Ton des HornS, der an den Schofar erinnert, erklingen. Dann beginnt das Solo, „Herr, geprieten seist Du, Schöpfer des Himmels und der Welt, der Du bereitet und geschaffen hast das Licht", in der Sulzerschen Borchn-Melodie. Von Harfenakkorden begleitet, wiederholen Tenor und Baß die vom Priester gesprochenen: „Sende ans die Strahlen des Lichtes über Dein. Volk", mit der Sulzerschen Loruvh adonoj harnv^aurooh-Melodie. Dann spinnt Schumann den Feiertagsgesang für den ganzen Chor in geradezu meisterhafter Weise aus, und nach den Worten, „In Flammen nahet Gott, empfanget ihn, Morgentöne", wobei der Komponist seine eigene reiche musikalische Phantasie im Chor und Orchester entfaltet, schließt das Werk mit den Worten, „Herr, gepriesen seist Du", in der Sulzerschen Borchn-Melodie von Scholansch Regolim. Die Jubelfeier der Sing-Akademie fand mit dem Schumann-Oratorium einen würdigen und erhebenden Abschluß. Verschiedene Nachrichten. Wien. Ein schöner Akt dankbarer Anerkennung wurde im Neudegger-Tempel am verflossenen Jom-Kippur geübt. In Würdigung der großen Verdienste, welche sich der ReichsratS- und Landtagsabgeordnete, Herr Nikolaj Ritter von Wassilko, namentlich in dieser Zeit der großen Not um unsere Glaubensgenossen in der Bukowina erworben hat, wurde über Anregung des Herrn Max Roth aus Czernowitz gelegentlich der Thora-Borlesung ein feierliches Gebet für die baldige Genesung des erkrankten Ritters v. Wassilko gesprochen, welches von der versammelten Gemeinde stehend angehört wurde. Seitens der Tempelvorstehung wurde dem Herrn Abgeordneten hievon offizielle Mitteilung gemacht worauf dieser in einem überaus warm gehaltenen Schreiben für die ihm gewordene Ehrung dankte und bat, die Versicherung entgegenzunehmen, daß er für diese Auszeichnung besondere Dankbarkeit bewahren und beweisen werde. Dieser wahrhaft edle Menschenfreund nennt sein warmes namhaftes Eintreten für die Juden „seine pflichtgemäße bescheidene Tätigkeit". Möge das Gebet erhört werden mrd Herr von Wafiilko sich recht bald wieder seiner schönen Tätigkeit widmen können! Limvsro dsjumsuu. 6-. Wien. Wie wir erfahren, hat das k. k. Kriegsministerium angeordnet, daß in Würdigung des religiösen Empfindens der Kriegsgefaugenen israel. Glaubensbekenntlufies sür dieselben der Samstag als allgemeiner Ruhetag zu gelten hat. Es ist streng darauf zu achten^ daß die Israeliten an Sonntagen zu allen Diensten und an ihrem allgemeinen Ruhetagen nur zu dringenden Arbeiten herangezogen werden. Für Israeliten ist daher der Samstag als allgemeiner Ruhe-- tag anzusehen. Für die Katholiken gilt der Sonntag, für die Mohamedaner der Freitag als allgemeiner Ruhetag. Wien. (Große S p e n d e des Herrn Salomon Herzl.) Zum Andenken au seinen im Felde gefallenen Sohn, Einj.- Freiw.-Bormeister Josef Herzl s. A., hat Herr Salomon Herzl beim Gottesdienste des ersten Neujahrstages anläßlich seines Aufrnfens zur Thora nachstehende namhafte Beiträge gespendet: 1. per Nominale X 5000.— Kriegsanleihs für die Chewra-Kadischa. 2. per Nominale X 5000.— Kriegsanleihe für die Bersorgungsanstalt der israelitischen Knltusgemeinde in Wien. 3. per Nominale X 2000.— Kriegsanleihe für jüdische Witwen und Waisen ans diesem Kriege; X 50.— für den Verein „Einheit", K 50.— für Palästina. X 50.— für den Verein alter Männer. X 50.— für die notleidenden Kantoren. X 50.— für Witwen und Waisen. Das Prändinm der israel. Knltusgemeinde hat aus diesem Anlafie Herrn Salomon Herzl in einem besonderen Schreiben den Dank der Gemeinde zur Kenntnis gebracht. Wien. (Vorträge über Geflügelhaltung.) Der vom „Galizischen Hilfsveceine" errichtete Kurs für Flüchtlinge, au den der Konluleut für Geflügelzucht im k. k. Ackerbauministerium^ Herr Georg Wieninger, „sechs^Borträge über Geflügelzucht und Geflügelhaltung" halten wird, begmnt am 7. November d. I. um 4 Uhr nachmittags im Josefine Mendlschen Wohlfahrtshause, XX. Bez.,. Deuisgaffe 33. Anmeldungen im Vortragslokale vor Beginn der Vorträge. Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, die restlichen Abonnementsbeträge einsenden zu wollen.