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Die Wahrheit · 1916-10-20 · Heft 27 (20.10.1916) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 27 (20.10.1916)
Date
1916-10-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27. Die Wahrheit Seite ö. Aphorismen. XL Die unbezähmbare Gewinnsucht gewisser Agrarier. Der Ungenügsame, dessen ganzes Streben ausschließlich dahin gerichtet ist, irdische und zeitliche Güter zu erwerben, der vor dem Goldklumpen hinfällt und ansruft: „Mein Fels und Schutz, meine Zukunft, mein Alles bist du", wird von der unbezähmbaren Gewinnsucht derart ergriffen, daß er vor keiner Tat, mag sie auch noch so schändlich sein, erschreckt und sich nicht scheut, auf Kosten anderer sich 511 bereichern, die momentane Verlegenheit seiner Nebenmenschen ansznbenten. Besonders oft pflegt diese gräßliche Leidenschaft in agrarischen Kreisen zu grassieren und heillosen Schaden anznrichten. Während draußen aus dem Felde der Ehre die wackeren Truppen heldenmütig kämpfen, um das teure Vaterland, das von ruchlosen, ranbsüchtigen Feinden überfallen wurde, zu schützen, zu verteidigen, finden es im Hinterlande gewisse gewinnsüchtige Agrarier für angemessen, sich durch Preistreiberei zu bereichern. In Deutschland hat neulich der Chef der Lebensmittelorganisation einen Appell an die bäuerische Bevölkerung, besonders an die Frauen der Landwirte gerichtet, mit dem Ertrag ihrer Aecker und Ställe nicht zurückznhalten. Er ersuchte die Bäuerinnen, bei jedem Butterbrot, das sie ihren Kindern streichen, der Kinder in der Großstadt zu gedenken, die Hunger leiden. Er rief das vaterländische Gefühl der Ackerbau- und Landwirtschafttreibenden auf und bat sie, der Allgemeinheit die rechtschaffene Hilfe, derer sie seitens aller Produzenten von Lebensmitteln bedürfte, nicht zu versagen. Wahrlich, ein überaus milder Richter! Leute, die es in einer so furchtbaren Zeit wagen, die Anshungernngspolitik unserer grausamen Feinde zu unterstützen, um ein gntes Geschäft machen zu können, verdienen nicht so milde behandelt zu werden, sondern strenge Bestrafung. Gewinnsüchtige, engherzige, neidische Agrarier hat es seil grauer Vorzeit gegeben, der Strafe aber konnten sie sich nicht entziehen. Der erste Brndermvrd war eine Folge der Gewinnsucht und des Neides. Kain war ein Agrarier, obed adomo (ein Ackerbauer), hatte aber kein Herz für edle Taten, Abel aber war ein Schafhirte nnd für höhere Ideale im vollsten Maße begeistert. Wohl sah sich Kain einmal veranlaßt, ein Opfer zit bringen, es war ihm aber kein Herzensbedürfnis dies zu tun, denn er hatte nicht „das Schönste und Beste, sondern was ihm zur Hand kam, zum Opfer gebracht; Abel hingegen brachte von den Erstlingen seines Kleinviehes und und von ihr nt Fettstücken zum Geschenk".. Die Folge davon war. daß Kains Geschenk abgewiefen, Abels Opfer aber wohlgefällig angenommen wurde. Vom Neide ergriffen war Kain snrchtbar erregt nnd erbittert. Und als sie beide auf dem Felde waren, erhob sich Kain und erdrosselte feinen Brilder. Der Strafe konnte dieser erste Bauer nicht entgehen. Die göttliche Stimme rief ihm zu: „Wo ist dein Bruder Abel", und er antwortete: „Ich weiß es nicht, bin ich denn der Hüter und Wächter meines Bruders?" Und Gott sprach: „Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun sollst du verflucht sein auf der Erde, hie. ihren Mnlld anfgetan und deines Bruders Sölut von Händen lempfangen hat. Wenn du den Acker bearbeiten wirst,, soll er dir nicht mehr seine Kraft geben, unstet nud flüchtig sollst du wandern von einem Ort zum andern, d. h. dein Gewissen soll dich quälen, martern und foltern lind nirgends sollst du Ruhe finden." Auch Esan. der berüchtigte Materialist, der alles Höhere imd Heilige, alles Erhabene nnd wahrhaft Göttliche verhöhut, verspottet und verlacht hatte und nur, wenn ihm ein materieller Vorteil in Aussicht gestellt wurde, sich maskierte und als Choffid erschien, war in einem gewissen Sinne ein Agrarier, ein „Isch. sode", ein Mann des Feldes, ein Mensch, der sich auf dem Felde herumgelrieben, der Jagd wie der Genußsucht fröhnte. Und ater erfuhr, daß Jakob, der fromme, gottesfüechtige. für höhere Ideale begeisterte Mann vom Vater den Segen erhielt, geriet er — obwohl er ebenfalls vom Vater gesegnet wurde — so sehr in Zorn, daß er sich vornahm, nach dem Tode des Vaters seinen Bruder zu vernichten. Mail sieht also, welche Früchte die Gewinnsucht zu allen Zeiten gezüchtet hatte. XII. Die gefährlichsten und verächtlichsten Feinde der menschlichen Gesellschaft sind die Verräter und Verleumder. Ein Blick in die Geschichte genügt, um uns zu überzeugen. daß Verräter und Verleumder ihre gefährlichen Geschosse zumeist geaen hochangesebene, verdienstvolle, allgemein geachtete Persönlichkeiten lichten, um sie vernichten zu könnett. Neid, Haß, Mißgunst. Ehrgeiz mit) Herrschsucht sind die Triebfedern der Handlungsweise verabscheunngswerter Verleumder und Verräter. Bekanntlich wurde der große nnsterbliche Lehrer Moses am königlichen Hof in Egypten erzogen. Als er heranwuchs und selbstständig wurde, verließ er eines Tages seine prachtvollen Gemächer nnd ging nach Pilom, dem Arbeitsgebiete seiner Stainmesgenossen hinaus, um zu sehen, wie „seine Brüder", die dort schwer arbeiten mußten, behandelt werden. Und da sah er zu seinem tiefsten Bedauern, wie ein Egypter einen seiner hebräischen Brüder mißhandelte. Er eilte dem in Gefahr schwebenden Bruder zu Hilfe, versetzte dem Barbaren mit der Faust einen Schlag, so daß er '.liedersant. Am andern Morgen ging er abermals hinaus und sah. daß zwei Hebräer miteinander heftig stritten, da rief er dem Ungerechten zu: „Warum schlägst du deinen Nächsten? Seid ihr nicht genug geschlagen, da ihr hier geächtet nnd geknechtet werdet?" Der Bösewicht aber entgegnete ihm: „Wer hat dich zum Vorsteher nnd Richter gemacht? Denkst du etwa auch mich niederzuschmelteru, wie du gestern den Egypter niedergestreckt hast? Hüte dich." Angst und Bangen bemächtigten sich des edlen Moses nitb er sprach: ochen noda hadowor. Nun ist es mir klar, warum die Sohne Israels, die würdigen Nachkommen der großen Patriarchen, hier soviel leiden müssen. Sie haben Verräter in ihrer Mitte! Es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als sofort die Flucht zu ergreifen, sonst hätte ihn Pharao gewiß hinrichten lassen. Aber allch vieizig Jahre später, nachdem er von der göttlichen Vorsehung berufen wurde. Israel ans Egypten zu befreien nnd zum Sinai zu führen, woihnen die Thora — eine Verfassung, die heute noch geeignet ist das geistige und körperliche Heil nnd Wohl aller Menschen ohne Unterschied der Klasse und Rasse zu fördern — verliehen wurde, haben neidische, ehrgeizige und herrschsnchtige Verleumder es gewagt, diesen großen hochverdienten Gottesmann zu verleumden, zu verdächtigen, in seiner Ehre und Würde tief zu verletzen. Korach und seine Anhänger, besonders die berüchtigten Verräter Daran nnd Abiram, zettelten gegen ihn nnd seinen Bruder Aron eine Berschwörnug an, gaben vor, daß Moses nicht von Gott znm Führer Israels erncnrnl wurde, daß er vielmehr ein Usurpator sei, der das Volk despotisch beherrschen will. Do gelang es diesen Hetzern, das Volk anfznregeu und eine Revolution hervorMufeu. Wie schmählich aber hatte Korach mit seiner Rotte geendet. Run. den Diplomaten und

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