Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 18 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 18. seinem Feigenbaum und seinem Weiustocke ruhig leben. In der alten Heimat hingegen dürft ihr eS nicht einmal wagen, eure Kinder in Rot oder Blau zu kleiden, ohne sie änszusetzen, zerbläut oder rot geschunden zu werden. Darum müßt ihr ärmlich und zerlumpt einhergehen. Alle eure Tage sind düster, auch die Sabbate und Festzeiten. Fremde genießen euer Vermögen. Was nützen dem reichen Inden seine Schätze? Er bewahrt sie nur zu seinem Unglücke auf und an einem Tage ist's verloren."Ihr neunts euer? Nein, ihr ist's. Lügenhafte Beschuldigungen erfinden sie gegen euch. Sie achten nicht Alter, nicht Wissen. Und wenn sie dir eine Zusicherung mit sechzig. Siegeln geben, so brechen sie sie doch. Sie legen immer Doppelstrafen auf, schmerzhaften Tod und Güterberanbung. Sie untersagen den Unterricht in Lehrhänsern, stören das Gebet, verbieten den Juden an nichtjüdischen Feiertagen zu arbeiten. Und nun Israel, warum schläfst du? Auf und verlasse dieses verwünschte Land." (Gr' Gesch. 8, 289.) Aus Zarfatis Schilderung ist klar und deutlich zn ersehen, daß die Türkei, nachdem das byzantinische Reich vernichtet wurde, für die Juden ein Eldorado war. Der bereits erwähnte Sultan Mohamed H. war bei jeder Gelegenheit redlich bemüht, feinen Liberalismus linb Gerechtigkeitssinn zu bekunden. Er hatte einen jüdischen Leibarzt, H kim Jakob, den er auch zu seinem Finanzminister ernannt und öfters durch allerlei Ehrenbezeugung ausgezeichnet hatte. Seine Toleranz konstatierte er, bald nachdem er in den Besitz von Konstantmopel gelangte, dadurch, daß er einen griechischen Patriarchen znm Oberhaupt sämtlicher im Lande wohnenden Griechen und einen O b e r r a b b i n e r für die Inden des türkischen Reiches ernannte. Letzterer wurde sogar im Divan mehr bevorzugt als der griechische Patriarch. Dieser von Mohamed H. ernannte Oberrabbiner hieß Mostes Kapsali (geb. 1420). Kapsali hatte sich durch gründliche, weit umfassende Gelehrsamkeit, wahrhafte ungehenchelte Frömmigkeit und sonstige herrliche Tugenden vorteilhaft ausgezeichnet. Große Bescheidenheit, ungewöhnliche Herzensgute, tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh, Gerechtigkeitssinn, Berufseifer, gewissenhafte Pflichterfüllung bildeten die schönsten und herrlichsten Blumen in dem Kranze der Tugenden, den sein Haupt zierte und schmückte. Obwohl er als reich begüterter Mann in der Lage war, auf großem Fuße leben, einen riesigen Luxus entfalten, den Kelch der Freuden bis zur Neige leeren zu können, trug er doch freiwillig das Joch der Entsagung und Entbehrung, wie der Aermste im Volke, führte eine sehr asketische Lebensweise, kasteite seinen Körper durch fleißiges Fasten und weihte seine Zeit und Kraft, sein Wissen und Können, sein Fühlen und Wollen, sein ganzes Sein, ausschließlich dem Studium der Thora, wie der Förderung des geistigen und physischen Heils und Wohl seiner Glaubens- und Stammesgeuossen. Ueberhanpt war stets sein ganzes Streben dahin gerichtet, seinen mächtigen Einfluß zugunsten seiner bedrückten und verfolgten Brüder geltend zu machen. Was Wunder also, daß er sich als w ah rer, echter und rechter Priester einer ungewöhnlichen Popularität zu erfreuen hatte. Nichtsdestoweniger hatte es die Lästerzunge gewagt, auch ihn, den edlen, allgemein gefeierten, wahrhaft frömmelt, hochgelehrten Rabbi zu beflecken, zu beschmutzen und zu verketzern. Die Verleumder, vier an der Zahl, die sich sogar zu den achtbarsten Persönlichkeiten Konstantinopels zählten, haben sich sogar erkühnt, zu behaupten, daß der fromme, für die Lehre und Ehre des Judentums hochbegeisterte Rabbi, destruktive das Judentum in seinen Grundfesten erschütternde Neuerungen eiugeführt Habel Freche Lügen, die jeder Begründung entbehrten. Diese vier Verleumder entblößten sich nicht ein Memorandum abzufassen, in welchem sie die lügenhaften, rein aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen anseinandersetzten und es einem aus Jerusalem ausgewanderten Bettler, namens Moses Vierundzwanzig — von dem, der sich als frommer Rabbi gerierte, eS sich nachträglich herausstellte, daß er ein ganz gemeiller kenntnisarmer Schwindler, ein echter Hochstapler war — zu übergeben, damit er esdem in Italien hochgefeierten Rabbi Josef Kolon unterbreite. R. Josef Kolon, der einer französischen Familie entstammte und in Deutschland in den Schulen der berühmten Geistesheroen Jakob Weil und Israel Jsserlein den Talmud mit heißem Bemühen studierte, hatte sich durch Scharfsinn, tiefe Gelehrsamkeit, profundes Wissen, hohe religiöse Begeisterung und sonstige priesterliche Tugenden vorteilhaft ausgezeichnet, daher es ihm. als er nebst anderen Stammesgeuosseu nach Italien auszuwaudern gezwungen war, bald gelang, die Aufmerksamkeit der angesehensten Gemeinden dieses Landes auf sich zu lenken. (Fortsetzung folgt.) KriegsMrsorge-Akliorrerr. Stand a m 24. Mai 1916. 1. Notstandsaktion (Effekten K 7900.—) K 65545.19' 2. Galizische Aktion (Effekten K 2100.—) „ 6217.39 3. Galizische Souderaktion „ 860.— 4. Aktion für Internierte „ 253.90 5. Souderaktion 625.— 6. Aktion Augsburg „ 389.02: 7. Spenden für Kriegswaisen „ 1076.— 8. Fond für Hinterbliebenen nach gefallenen Kriegern „ 800.— 9. Spenden für: dekorierte Soldaten „ 745.— 10. „ „ erblindete „ 782 — 11. „ „ Invalide 1010.— 12. „ „ Kriegsgefangenen H 500.— K 78903.50 Hilfsaktion Vierer-Komitee (passiv) K 142.50 Wien, 25. Mai 1916. Verschiedene Nachrichten. Wien. (M ä d ch en ko n f i c ma t i o ».) Unsere die öffentlichen Schulen besuchenden Mädchen haben in dieser Feier einen würdigen. Abschluß ihre- Religionsunterrichtes. Die Feier machte wie in den Vorjahren auch heuer tiefen Eindruck ans die Heranwachsenden Töchter, die vom Vorstände der Wiener Gemeinden mit dem Mannheimer- Gebetbuch und des inhaltsreichen „Beruria" von Rab. Dr. Grnnwald beschenkt sich an diesem Tage den Barmizwa-Knaben würdig anreihen. Im ^tadttempel waren 50 Mädchen, an die Herr Rab. Dr. T a glrcht, am 4. d. M., eine sehr inhaltsreiche Ansprache hielt. Den kantoralen Teil besorgte der I. Kantor Herr Matyas, alles klang so feierlich. — Im Leopoldstädter in der Tempelgasse sprach am 1. Juni Herr Rab. Dr. Grnnwald zn den 100 Schülerinnen in gediegenen Worten über die hohe Bedeutung der Religion und sang Herr Oberkantor M o r g e n st e r n sehr warm und schön. Unser Tempelchor > leistete in beiden Tempeln das Möglichste. Das Publikum füllte beide großen Gotteshäuser bis auf den letzten Platz und war vollauf befriedigt, ja ergriffen, von dieser Feier, die zu den schönen, zur Belebung des religiösen Bewußtseins geschaffenen Institutionen unserer Wiener Großgemeiude gehört. Die für alles Gute empfänglichen Gemüter, auch Mädchen, werden die empfangenen Lehren im Leben gewiß auch treu befolgen. A. Wien. (Das „Allgemeine ö st e r r e i ch i s ch e israelitische T a u b st n m m e n - I n st i t n t" i n W i e n, III., Rndolfsgasse 22), hat einen schweren Verlust erlitte». Herr Heinrich Stern,, der seil 9 Jahren verdienstlich am Institut gewirkt und es verstanden hatte sich die Zuueignng seiner Vorgesetzten und die Liebe der Zöglinge zu erwerben, ist im Alter von 36 Jahren als Kadett in Brixen (Südtirol) nach einmonatlicher schwerer Erkrankung gestorben und mit allen soldatischen Ehren auf dem dortigen Soldatensriedhof beerdigt worden. Stern war etn Neffe des Buczaczer Bürgermeister und Reichsratsabgeordneten Bernhard Stern und hinterläßt trauernde alte Eltern, eine Witwe und Geschwister. Seine Wirksamkeit am Wiener israelitischen Taubstummen-Jnstitnt war eine erfolgreiche. Sie soll ihm nicht vergesien werden. . Wien („K aiser Franz I o s e f s - F e r i e n h e i m.") Am 6. Juni ging die erste Serie von 140 Schulkindern, welche wegen ihrer körperlicher Schwächlichkeit, schulfrei gemacht werden konnten, zu einmonatigem Ferialausenthalt nach Schloß Borkloster-Tischnowitz in Mähren in das eigene Heim obigen Vereines ab, in welchem im vorigen Jahre 140 nervenkranke Krieger liebevolle Aufnahme gefunden habem Es ist dem Vereine trotz der schwierigen Berpflegsverhältniffe gelungen, den Konsum für einen dreimaligen Serienwechsel und alle übrigen.