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Die Wahrheit · 1916-05-05 · Heft 14 (5.5.1916) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 14 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14. Die Wahrheit Seite 9. In den Vorstand wurde Herr Ignaz Glück neugewählt und die Revisoren Armin W a l l e s z und Ignaz Urbach wurden in ihrer Funktion bestätigt. Mit Worten herzlichen Dankes an die erschienenen Damen und Herren schloß der Vorsitzende die Versammlung. Der Papst and die Indeu. Der Vorstand des amerikanischen jüdischen Ausschusses hat sich mit einer Bittschrift an den Papst gewendet, worin er dessen. Vermittlung nachsncht, daß den in gewissen kriegführenden Ländern an den Inden verübten Grausamkeiten Einhalt getan werde. In dem vom 30. Dezember 1915 datierten Schreiben, das der „Temps,, jetzt veröffentlicht, heißt es: „Die Bittsteller. Bürger der Vereinigten Staaten Amerikas und Anhänger des jüdischen Glaubens, haben mit wachsendem Entsetzen die namenlosen Grausamkeiten und Härten erfahren, die gegen ihre Glaubensgenossen in verschiedenen kriegführenden Ländern seit Beginn des Weltkrieges, verübt worden sind. Weit über die Leiden hinaus, die dieses Unglück den 'Andersgläubigen zngefügt. hat, und außer den Zerstörungen, die durch den Anfeinanderprall der kämpfenden Armeen allen verursacht werden, die sich im Bereich der Feindseligkeiten chefinden, sind die Inden für eine besondere Verfolgung bezeichnet und Unterdrücknngsmaßregeln unterworfen worden, die ihre Landsleute anderer Religionen nicht erlitten haben. Die Leidenschaft und Vorurteile sind gegen unsere unglücklichen Brüder entfacht worden oft von denen, welche demselben politischen Hnldignngseid unterstanden, bis ihr Los nicht mehr erträglich war. In einigen Ländern, wo sie seit langem wohnten, haben ihre nächsten Nachbarn ihre Vernichtung betrieben, gegen sie die ausgesuchtesten Grausam- # keilen, angewandt und in vielen Fällen sie daun mittels ihres wirtschaftlichen Boykotts zum Hungertode verurteilt. Wir fügen dieser Bittschrift ein Verzeichnis beglaubigter Tatsachen bei, die nnr einen kleinen Teil der scheußlichen Wahrheit sagen." Davon überzeugt, fährt die Bittschrift fort, daß der Papst sofort seinen großen, moralischen, ethischen und religiösen Einfluß gegen diese Verfolgung der Juden, au der sich leider auch Katholiken beteiligt hätten, geltend gemacht hätte, wenn er darüber unterrichtet gewesen wäre, bittet der jüdische Ausschuß Benedikt XV. dies jetzt noch zu tun, insbesondere auch durch Vorstellungen an die Kardinale, Erzbischöfe, Bischöfe und Priester der katholischen Kirche, daß sie ihren Gläubigern den Abscheu vor solcher Verfolgung der Inden predigen. Im Namen des Papstes beantwortete Kardinal Gäsparri die Bittschrift am 9. Februar, indem er bekannte, daß der Papst nicht in der Lage sei, sich über die in der beigegebene Denkschrift berichteten besonderen Tatsachen ansznl'prechen. aber im Grundsatz als Haupt der katholischen Kirche getreu ihrer Lehre und ihren ruhmreichen Ueberliefernngen alle Menschen als Brüder ansehe und deshalb jede Vergewaltnng der natürlichen Rechte der Kinder Israels ebenso verurteile, wie die aller anderen Menschen. 'Schmerzlicher als jemals fühle der Papst angesichts des gewaltigen schrecklichen Krieges die Notwendigkeit für alle Menschen, sich wieder zu errinnern, daß sie Brüder seien. Er bete zu Gott, damit der Friede endlich erscheine zum Glück der Menschheit. Indeu Oesterreichs! In ernster Zeit tritt der „Jüdische Nationalverein in Oesterreich" an die österreichischen Inden mit dem Mahnrufe heran, sich zu sammeln und zu organisieren. Die alte Habsburger-Monarchie wird nach dem Kriege nach siegreicher Ueberwindung ihrer äußern Feinde an ihren inneren Umbau zu einem modernen Bölkerstaate, zu einem Rechts-, Kultur- und Wirtschaftsstaate schreiten müssen. Anläßlich dieses historischen Momentes werden alle Nationalitäten mit ihren Forderungen heranlreten. Berücksichtigung aber werden nnr jene finden, hinter welchen starke Organisationen als Machtfaktoren stehen. Die Inden der Monarchie werden dann trotz ihres während des Krieges mit den größten Opfern von Blut und Gut betätigten österreichischen Patriotismus einen harten Kamps für die Gleichberechtigung als Nation, Religion und Staatsbürger führen müssen. Der „Jüdische Nationalverein in Oesterreich", der ans reichstreuer und volksrrener demokratischer und sozial-reformatorischer Grundlage fnßt, erstrebt in erster Linie die Anerkennung der Inden als gleichberechtigte Nationalität m unserer Monarchie. Um diesen Kampf für seine jüdisch-nationalen, modernösterreichischen, demokratischen und fozial-reformatorischen Anschauungen' energisch führen zu können, ist es unerläßlich, daß dies durch Maffenbeirrilt der Juden Oesterreichs ermöglicht wird. Schon jetzt harren der „Indischen Nakionalvereine„ wichtige Aufgaben sozial-wirtschaftlicher und nattonalpolitischer Natltr, an deren Lösung er jedoch natlirgemäß während des Krieges unmöglich herantreren kann. Umso früher uub intensiver wird daher seine Wirksamkeit auf allen diesen Gebieten nach dem Kriege einsetzen müssen. Nlin gilt es die gegenwärtige Kriegszeit gehörig ansnützen, diese Arbeiten vorzubereiten. sich gleich den anderen Völkern der Monarchie zu sammeln und zu organisieren. Mögen sich allerorts die gesunden, treujüdischen Elemente in den Dienst dieser wichtigen Organisierungsarbeit stellen. ^Besonders aber die Juden im Osten der Monarchie, die sich gerade während dieses Krieges vom Wert einer politischen Reichsorgauisation mit dem Sitze in der Reichshauptstadt, welche ihre Interessen und Beschwerden direkt und nachdrücklich bei den Zentralstellen zu' vertreten in der Lage ist, überzeugen konnten. Der „Jüdische Nationalverein in Oesterreich" ist ein politischer Verein. Sein statutarischer Zweck ist die Stärkung des jüdischen Stammesbewußtseins, die Wahrung und Förderung jüdisch-nationaler Bestrebungen und Einrichtiiugen, sowie die Geltendmachung der Interessen der Juden Oesterreichs ans politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete. Die Mittel zur Erreichung dieses Zweckes sind: s.) Abhaltnng von Versammlungen; b) Veranstaltung von Vorträgen und geselligen Zusammenkünften; o) Aufstellung unh Unterstützung gesinnnngstüchtiger Kandidaten für die verschiedenen öffentlichen Vertretungskörper in Oesterreich; d) Herausgabe und Verbreitung von Flugschriften, Broschüren und anderen Druckschriften gemäß den Vorschriften des Preßgesetzes; f) Gewährung von Rechtsschutz an eines solchen bedürftigen Inden. Mitglied des Vereines kann jeder großjährige, eigenberechtigte jüdische Mann sein, der das Staatsbürgerrecht in Oesterreich besitzt. Der mindeste Jahresbeitrag beträgt K 1. Juden Oesterreichs! Wollt ihr in dem werdenden Neu-Oesterreich einen Anwalt eurer nationalen, politischen und wirtschaftlichen Interessen, wollt ihr die Zusammenfassung aller Inden des Reiches, dann schaffet durch Beitritt zum „Jüdischen Nationalverein in Oesterreich" eine starke politische Reichsorganlsatiou. Für den Ausschuß: Ingenieur Robert Stricker, Obmann; Advokat Dr. S. Kaßner, Obmann-Stellvertreter; Redakteur M. Henisch, Sekretär. Beitrittserklärungen sind an das Bereinssekretariat, Wien, II. Znkusgasse Nr. 33, zu richten.

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