Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 14 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wietr, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.888. ^«abhängige Aeikfchrist für jübifche Bezugspreis: Ganzjährig.K 15.— Halbjährig.K 7.50 Administration Aut. 47.654$ fl. k. österr. Postsparkassa- Scheck-flonro Nr. 100.918. Hntere^err. Für Kttitttsbeamte: Ganzjährig.K 10.— Inserate: Erscheint jeden Areitng. — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 2b Heller. Für Ausland: j Abonnements- und JnsertiouS» Ganzjährig.8 Mark j betrüge sind in Wien zahlbar i und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder 18 FrcS. Ur. 14. Wien. 3. Mai Inhalt: Moderne Sckützer des Völkerrechtes und der Menschlichkeit. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Zentralstelle sür das jüdische Armenwesen. — Verein „Kinderheim". — Der Papst und die Juden. — Verschiedene Nachrichten. Moderne Schützer des Wlkerrechtes nnd der Menschlichkeit. Am meisten wird das rechtliche Gefühl des schlichten Bürgers durch tendenziöse Heuchelei verletzt und zur Empörung gereizt. Die Tatsachen des letzten Jahrzehnts, welche den fürchterlichsten Weltbrand aller Zeiten vorbereiteten, spielten sich vor den Augen aller Welt offen ab, so daß Verdunkelungs- Versuche hinterher wohl wenig nützen können. Die mißgünstige und habsüchtige britische Regierung entschloß sich bereits unter König Eduard, als einflußreicher Dritter in den unnatürlichen Bund der Franzosen mit dem moskowitischen Zarismus zu treten, um dadurch Unheil über das kräftig aufstrebende Deutsche Reich und seine Verbündeten zu bringen. Vor allem wurde ein Kesseltreiben gegen das sich verjüngende Osmanische Reich eingeleitet, das man längst schon als „kranken Mann" reif für die Sense erachtete. Die russische Regierung weckte den Landhunger der jungen Balkaustaaten, welcher diese Exekution erleichtern und es schließlich dem Zaren ermögliche:: sollte, den Löwenanteil mit dem schönen Byzanz für sich zu behalten. Wohl war Rußland kurz vorher durch die ostasiatischen Ereignisse militärisch ernst geschwächt worden und konnte noch nicht selbst eingreifen, doch arbeitete der russische Rubel gewaltig durch Bestechung nnd nationale Aufstachelung seiner national verwandten Völkerschaften in den westlichen Nachbarländern, um auf diese diabolische Weise seinem. Ziele näher zu kommen. Die österreichisch-ungarischen Diplomaten sahen das Unheil herankommen und beeilten sich, die seit 30 Jahren auf Grund eineeuropäischen Mandates okkupierten bosnischherzegowinischen Länder zu annektiere n, um nicht in die Gefahr zu geraten, für die mit gewaltigen Kosten dnrchgeführten Kulturverbeffernngen in diesen Ländern des Kuckucks Dank zu ernten. Kurz daraus erklärte bekanntlich die italienische Regierung den Türken den Krieg und raubte ihnen Tripolis. Die italienische Regierung fand es schon damals nnnötig, ihr räuberisches Vorgehen zu entschuldigen nnd führte fr.', und kühn den^ „heiligen Egoismus" als Ursache dafür an. Alle europäischen Staaten schwiegen dazu nnd niemand fühlte die Pflicht oder den Beruf, das verletzte Völkerrecht zu schützen. Dies machte nun Schule und die vier Balkanstaaten Serbien, Bulgarien, Montenegro nnd Griechenland vereinten sich blitzschnell gegen das türkische Reich und es ist heute noch nicht genügend aufgeklärt, wo diese Staaten so schnell die jedenfalls gewaltigen finanziellen und militärischen Mittel hernahmen, um eine so große Aufgabe zu lösen. In. diesem Feldzüge hatten sich die Bulgaren am lapsersten und kühnsten gezeigt nnd drängten bereits drohend gegen Koustantinopel. Damit hatten sie aber den besonderen Groll der russischen Bären erregt, der nun durch seine Intervention den Krieg beendigte. Gleich darauf wurden jedoch die anderen Teilnehmer des „Balkanbnndes" ermuntert, den Bulgaren große Teile ihrer Kriegsbeute wieder abznuehmen und auch Rumänien sendete nun seine Kriegerscharen nach Bulgarien, um eine ansehnliche Landstrecke zu besetzen und zu — annektieren. Niemand kümmerte sich um das verletzte Völkerrecht und die rnssische Regierung regte sich nicht einmal darüber ans, als die türkischen Heere Adrianopel wieder Zurücknahmen. Die „Entente", diese privilegierten Schützer der Völkerrechte und der Menschlichkeit, gingen nun an die Ausführung ihres eigentlichen, grandiosen Ranbplanes. Oesterreich-Ungarn, dieser nationalitätenreiche Doppelstaat, sollte ebenfalls aufgeteilt werden und Serbien sollte zu diesem Behnfe die Rolle des russischen Fanghnndes übernehmen. Dem serbischen Könige, der über Königsleichen ° hinweg seinerzeit den Thron bestieg, mutete mau die Eignung zu und angestifteten politischen Mordversuche und Morde waren seither an der Tagesordnung. Der Prinzenmord zu Sarajevo zerriß endlich die Geduld der österreichisch-ungarischen Regierung nnd sie forderte energisch von der bemakelten serbischen Regierung und vom serbischen Könige Sühne. Selbst die allezeit perfide britische Regierung schämte sich und scheute davor zurück, der österreichisch-ungarischen Regierung dieses Recht zu bestreiten, aber die rnssische Regierung ermunterte die serbische durch die offene Solidaritätserkläriuig dazu, den Kamps auszunehmen. Die russische Regierung hatte auch in den nördlichen österreichisch-ungarischen Ländern den Rubel mächtig rollen lassen und ihrer Ansicht nach alles Erforderliche zur Kriegsvorbereimug getan. Das verräterische Italien war wahrscheinlich früher schon gewonnen worden und durch Bekriegung seines einzigen verläßlichen Verbündeten sollte hauptsächlich das deutsche Reich getroffen werden. Doch nach 21 fürchterlichen, allschädigendeu Kriegsmonaten stimmt die Rechnung der Entente nicht. Der britische „Schützer der Menschlichkeit nnd der - Völkerrechte" kann trotz seiner willkürlichen Behandling aller seefahrenden noch neutralen Staaten tzie bekriegten gegnerischen Völker noch