Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 9 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 9. Seite 8. Das silberne Verdien st kreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille in Anerkeunuug besonders pflichtireuer Dienstleistung vor dem Feinde dem Landsturmfeldwebel Max Groh s bei der Perjonalsammelstation, früher in Slavonisch-Brod, derzeit in Sarajevo. Herr Max Grohs ist Oberkantor der Kultusgemeinde in Neuruschein. Wien. Freitag abends Predigt im großen Leopoldstädter- Tempel, Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d; XVI.. Hubergaffe 8, Rabbiner Dr. Max Bach; XVÜI., Schopenhauerstraße 39, Rabbiner Dr. David F e n ch r w a n g. Dien. Samstag, den 11. März 1916, */,8 Uhr (am Borabend des Tan) fand im Gemeindetempel, 1. Bez. Sellenstcttengafse, eine Gedächlursfeier für die >m abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitglieder der „Chewra-Kadischa" statt. Die kantorale Funktion versah I. Kantor Ma tya s mir dem Chora. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Taglicht. Dien. Der israelitische Tempelverein für den XIX. Bezirk in Wien, Dollingergaffe 3, veranstaltelete Sonntag, den 12. März d. I. um 6 Uhr abends, in seinem Gotteshouse eine Tranerfeier für die Gefallenen des XIX. Bez rkes, zu welcher viele Gemeiudemitglieder und Angehörige der Verblichenen teilnahmeu. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. F e u ch l w a n g. Wien. Letzter populä r-w i s s e u f ch a f t l i ch e r Freitag» a b e n d -V o r r r a g in dieser Wiutersaison. Derselbe sinder am 17. d. M. im Bethamidrasch „Talmud-Thora", H., Malzgasse 16, statt und ist auch Frauen zugänglich. Es spricht Herr Prof. Moritz A n t s ch e r l über Puri m-E r e l g u i s s e und P u r i m-D i ch l u n g e n. Beginn 8 Uhr abends. Wie«. (Döblinger Frauen - Wohltätigkeitsv e r e i n.) Sonntag den 5. März hielt dieser Verein seine Generalversauliuluug nn stimmungsvollen kleinen Bersaal des Döblinger Tempels ab. Dieselbe harre einen ungemein regen Besuch aufzuweisen; es waren u. a. anwesend: Vertreter des Tempelvereiiies Döbling, des Wiedner, Hietzinger, Währmger Franenvereines (Frau Dr: Feuchtwang), des „Franeuhorles", der „Weiblichen Fürsorge" (Regine U l m a n n und Regine May), Dr. Moriz Löwy von der Zenrralstelle für das jüdische Armenwesen, Frau Dr. Frankfurter. Die Tätigkeit der Präsidentin Frau Dr. Sldouie Kahn wurde nach Genehmigung des Berichtes der Schriftführerin Frau Dr. Annie K o h n und des Kassenberichtes der Kassier!» Frau Rosa Sp ira sowohl von Herrn Doktor Jacob K o h n als Vertreter des Tempelvereines, als von Frau Ulmann namens der „Weiblichen Fürsorge" gefeiert, deren jüngstes, aber geliebtes und hervorragend tüchriges Mitglied der Döblinger Verein ist. Frau Benedikt begrüßte den Verein als geborene Döblingeriu, in deren Geburtshaus sowohl der Hausbesitzer Moses H i r s ch l als auch der damalige Prokurist des Hauses Rothschild, Ritter v. G o l d s ch m i d t, keinen Wiener jüdischen Armen uubeschenkt entließen, ferner aber in Vertretung des „Frauenhortes", welcher als nächster Anrainer besonders in der Lage ist. die Verdienste des eifrigen Schwestervereines zu würdigen. Herr Dr. Moriz Löwy gab eiu Exposen der Aufgaben, welcher der jüdischen Wohltätigkeit nach dem Weltkriege harren werden, und kündigte eine baldige Recherchenaktion der Zentralstelle nach dieser Richtung hin an. Der Döblinger Verein gibt von den 7137 Kronen Jahresbudger, die ihm zur Verfügung stehen, 1740 Kronen auf Pensionen aus, eine höchst rationelle Gebahrung, und beschränkt sich durchaus nicht aus seinen Bezirk. Der Verein hat leider noch nicht alle besitzenden Kreise seines Bezirkes, der doch heute fast die reichsten des Judentums umfaßt, zu seinen Gönnern, aber er wird zweifellos bei den Gebern so vopnlär werden wie bei den Nehmern. Zum Schlüße hielt Rabbiner Dr. Feuchtwang einen glänzendeil Bortrag, in welchem er im Laufe vou nur drewiertel Stunden eine Geschichte der philosophischen Anschauungen aller Völker und Zeiten gab, und dartar, wie sich wieder die Anschauungen dieser Philosophen zum Probleni des Krieges stellen mußten. Die Anschauung des Judentums deckt sich am meisten mit dem kategorischen Imperativ der Deutschen und billigt nur einen Krieg aus Notwendigkeit und der durch Wahrheit zu einer größeren Kultur wie früher führt, lieber die Stellung des Judentums nach dem Kriege denkt Redner sehr skeptisch und hebt vervor, daß das Judentum nur die Stelle einnehmen werde, die es sich selbst durch Selbsterkeniituis, Erziehung der Ostjuden und strenge Selbstzucht erringen wird. Literatur. vis Geschichte der kleinen Fliege. Ein Heine-Roman von Doris Witluer, Gretleiu & Co. G. m. b. H. in Leipzig. „Der Roman baut sich voller Willkür auf Heinrich Heines Leben auf. Der letzte und verwunderlichste Abschnitt im Liebesleben des Dichters, die Leidenschaft zu der „letzten Blume seines traurigen Herbstes", der vielgenannten „Mönche", hat dem Buch das Leitmotiv geschenkt. Die unaufgeklärte Erschelnnnz dieser rätselhaften Frau psychologisch zn deuten, gab den Anreiz zu der frei erfundenen, sich nur au wenige karge Tatsachen anlehnenden Fabel vom Leben und Liebe» der „kleinen Fliege". Nicht, wie die Dinge und Menschen waren — nach historisch nnd philologisch verbürgten Ueberliefernngen — wird in diesem Buch erzählt; sondern wie sie hätten sein können, von Gnaden der poetischen Wahrheit, der einzigen, die es für den schaffenden Künstler gibt. Mit freier Wahl sind in den Roman verflochten Worte von Heine selbst,. Stellen aus seinen Werken und Briefen; mit sichtender Freizügigkeit auch ist der kulturhistorische Hintergrund benützt worden, der Heine, seine Zeit und seine Entwicklung beeinflußte. Geschichtlich und literaturgeschichtlich bekannte Persönlichkeiten sind nach Belieben verwendet, gemodelt und je nach den Erforderniffen der dichterischen Freiheit — aus den Grenzen des Biographischen herausgerückt worden. Und dann noch eins : in der großen Zeit vaterländischer Erhebung und nationaler Sammlung schien es verlockend und nicht unnütz zu zeigen, daß auch im Herzen dieses Mannes ein heißer deutscher Blutstrom pulste.. Heut ein Weiser, morgen ein Tor, heut ein Fassender, morgen ein Liebender: er war ein Dichter, nehmt alles in allem — ein Dichter dessen Lieder vielfach tief ins deutsche Bolksgemür und Volksleben eingedrungen sind. Und darum möge das deutsche Volk unter dem Zeichen des Burgfriedens — bereit sein, diesen seinen Dichter im Lichte gerechten Verständnisses. nicht einseitiger Verherrlichung, zn sehen. Es ehrt in dieser Gerechtigkeit nicht ihn, sondern sich selbst". Diesem Programme ist Doris Wirtner gerecht geworden. Es ist ihr gelungen, den Helden ihres Romans, fast 500 Seiten lang, in heimischem Geiste, in Heines Terminologen, in Heines seelischer Disposition sprechen zu lassen. Mit einer sattsarbiqen Dinersceue bei Salomon, dem wohlgeborgenen Obeim eines schiffbrüchigen Neffen, setzt das Buch ein. Personen, die in Wirklichkeit nur flüchtig den Lebensweg des Dichters kreuzen, werden phantasievoll erkannt ilnd ausgestalter: so Therese Peche, Eveliua, die Fürstin Solms, Wit. v. Döring in Deutschland/ Karoline Zaubert und insbesondere die Mouche, die kleine Fliege. Mir kurzen Worten ein Roman, in dem seelenschärfende Kunst steckt, ein Buch von dem mau vielleicht trotz der ernsten Zeiten lange und viel sprechen wird. Kurt Waller. Dr. Joh. Christ. Aug. Heyses Deutsche Grammatik oder Lehrbuch der deutschen Sprache. Achliiiidzwailzigste Auslage der schulgrammatik Heyses. Auf Grund der Bearbeitung Otto Lyons heransgegeben von Dr. Willy Scheel, Direktor des Realgymnasiums zu Nowawes. Hannover nnd Leipzig, Hahnsche Buchhandlung, 644 S. 8°. Wer die Entwicklung unserer deutschen Grammatik aufmerksam verfolgt, der wird erkennen, daß unter den Männern, welche sich um die Erforschung unserer Sprache und um die Verbreitung einer besseren Einsicht in den Bau und die Formen derselben verdient gemacht haben', Christian Heyse und sein Sohn Karl Heyse einen ehrenvollen Platz einnehmen. Was sie geschaffen haben, ist znm Teil von bleibendem Werte, und keine Zukunftsgrammatik unserer Sprache wird die Heyseschen Werke unberücksichtigt lassen dürfen, wenn sie ihrer Aufgabe vollkommen gerecht werden will. Auch die historische Schule erkennt die Bedeutung der Heyseschen Grammatik ohne Rückhalt an. Es sei hier nur darauf hingewiesen, daß ausgezeichnete germanistische Forscher, anerkannte Zierden unserer Wissenschaft, wie Karl Weinhold, Wilmanns, Andersen u. a.. sich in ihren Werken wiederholt auf Heyse stützen oder ausdrücklich aus ihn berufen. Vor allem hat Heyse — und das ist wohl sein Hauptverdienst — niemals das praktische Bedürfnis außer acht gelassen, und wenn heute auch im Auslande die deutsche Sprache geachtet, geliebt und fleißig gelernt wird, so gebührt vor allem Heyse das Verdienst, durch einfache, klare und feste grammatische Bestimmungen das Erlernen unserer Sprache erleichtert nnd so zn ihrer Verbreitung im Auslande beigetragen zu haben. Aber auch der Deutsche ist ihm zu lebhaftem Danke verpflichtet; denn es ist heute doch wohl eine unbezweifelte Tatsache, daß nur eine klare Einsicht in die Gesetze unserer Sprache zn voller nnd freier Beherrschung derselben führt, und daß wir gerade heute, wo unser Sprachgefühl schon in der Kindheit durch das Erlernen fremder Sprachen nur allznleicht getrübt wird, eine solche Einsicht nur gewinnen können, wenn wir diese Gesetze an einfachen, klaren, nicht verwirrenden Bestimmungen zu erkennen Gelegenheit haben. Und diesem praktischen Bedürfnisse kommt eben Heyse in seiner Grammatik in vollem Umfange entgegen. In der 27. Auslage war vor allem die neue einheitliche deutsche Rechtschreibung behandelt und allenthalben durchgeführt worden. Die uns nun vorliegende 28. Neuauflage bemüht sich im Sinne der Bearbeitung Otto Lyons das bewährte Buch auf den Stand der heutigen Wissenschaft zu bringen. Dem Herausgeber hat sich bei seiner Arbeit mit vollem Recht immer mehr die Ueberzeugnng gefestigt, daß es unmöglich, aber auch unnötig war, an dem System der Einteilung zn rütteln. Gerade die Heranziehung der neuesten Literatur hat gezeigt, daß die feste Fügung der Darbietungen Heyses, die sich an Jakob Grimms grundlegende Arbeiten anlehnt, auch jetzt noch durchaus ihre Berechtigung hat. Der Neudruck der Grimmschen Grammatik III.. IV. in der' Bearbeitung von Edw. Schroedter und Gustav Roethe ist ihm hierfür maßgebend gewesen. Daß der „Jahresbericht über die germanische Philologie, den die Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin (Leipzig, Reisland) herausgibt, ihm die neueste» Erscheinungen vermittelte und dankbar benutzt wurde, ist bei der zielbewußten Leitung eines Willy Scheel selbstverständlich. Möge also unser „Heyse" in der neuen geschmackvollen Ausstattung des Verlegers bei dem bescheidenen Preise recht viele Leser und — Käufer finden. Armin Redab.