Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 6 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. ' Die Wahrheit Nr. 6. Emauuel Stern. Mit vierzehn Jahren übernahm Stern statt seines erblinde teu Vaters, den Unterricht an der Preßburger jüdischen Normalschule und war bis 1838 mit Unterbrechungen immer Lehrer in Eisenstadt und in der großen mährischen Gemeinde Tri es ch und kam 1838 zu dauerndem Aufenthalte als Korrektor au die Schmidsche Druckerei nach Wien und arbeitete dabei rege ans jüdisch-literarischem Gebiete, 1846 erhielt Steru die goldene Medaille für 15 diverse Schriften, die er Kaiser Ferdinand überreicht hatte. An der hebräischen Zeitschrift,, Kochbs Jizehak", die fast drei Jahrzehnte lang M. E. Stein herausqab, arbeitete die damalige fast gesamte jüdische Intelligenz, zu deren Atheneum gewissermaßen obige Zeitschrift wurde. Auch Stern ruht aus dem Währiuger Friedhöfe, wo er, 62 Jahre alt, sein Ruheplätzchen fand. Das Epitaph auf seinem Grabe beginnt mit schönen inhaltsreichen hebräischen Zeilen und schließt mit den Versen: Seine ganze Lebenszeit — Weihte er der Wissenschaft, — Reichlich hat er ausgestreut — Früchte seiner Geisteskraft, — Ihn umgab der Dichterkranz — Und der höhere Menschenglauz. Wien. (Verein Kinderheim für K r ü p p e l k i n d e r.) In der Heimstäfte Laa bei Neuleugbach des Vereines Kinderheim für krüppelhaste und rekonvaleszente Kinder jüdischer Konfession sind gegenwärtig zehn Plätze frei. Kinder, welche den Ansnahmsbedingungen entsprechen, erhalten in der erwähnten Heimstätte unentgeltliche Verpflegung und Behandlung. Aufnahmsgesuche sind per Post an das Bereiusbnreau: DL, Uuiversitätsstraße 8, zu richten. Budapest. (Wohltätikeitskozert der Oberkantoren, Kantoren und Chorsänger.) Das unter der bewährten Leitung des Chordirektors, Ludwig Burger, stattgchabte Konzert hatte sowohl in künstlerischer als auch m materieller Beziehung einen glänzenden Erfolg. Der hauptstädtische Redoutensaal war dicht besetzt und das Publikum nahm sämtliche Darbietungen des ebenso geschmackvollen, wie interessanten Programmebeifallsfreudig auf. Die Einnahmen betrugen X 5340.—, die Auslagen K 2229.—. Es verbleibt somit ein Reinertrag von K 3111.—, welcher zu verschiedenen wohltätigen Zwecken verwendet wird, und ein Restbetrag der zum Stammfonde eines zu gründenden ' Gesangsveremes der Oberkantoreu, Kantoren und Chorsänger verwendet wird. Dieser Verein hat stch bereits konstituiert und sind die Ausarbeitungen der Staturen bereits im Zuge. Nagy-Kanizsa (Das Andenken an Oberkantor K a r r s ch m a r o s f.) Im israel. Tempel in Nagy-Kauizsa hat Sonntag, am 6. Februar eine ergreifende Feier stattgefunden, welche die israelitische Gemeinde zum Andenken an ihren verstorbenen Oberkautor Leon Kartschmarofs veranstaltete. In dem dichtgesüllten Tempel bemerkte man auch viele hervorragende Persönlichkeiten anderen Glaubens. Für die trauernde Familie war die erste Bankreihe reserviert. Die Witwe des Verstorbenen liegt krank in Wien und konnte nicht erscheinen. Der älteste Sohn Dr. Sandor Kanizsai, Oberstabsarzt, blieb auch der Feier fern. In dem an die Gemeinde gerichteten Telegramme sagt er: „In heiliger Pflichterfüllung dem Baterlaude gegenüber (im Felde) bin ich im Geiste^ zuhause und bete mit der Gemeinde für das Seelenheil meines verstorbenen Vaters." Die Feier wurde durch ein vom erweiterten Tempelchor mit großer Präzision vorgetragenes Trauerlied eingeleitet. Diesem folgte ein solcher Teil der Feier, welcher lange in Ermnerung der Nagy-Kanizsaer bleiben wird. Prof. Adolf Lazarus der weltberühmte Oberkantor am Budapester Tempel, trat vor den Altar und als er mit dem Trauergesaug begann, ward er Herr der Herzen und Seelen. Mit seiner breiten Skala, mit der bewunderungsvollen, klingenden Stimme, mit seiner vollendeten Gesangstechuik, bat er die Feier auf ein wahrhaft künstlerisches Niveau erhoben. Besonders aber durch den Bortrag einer orientalischen, altjüdischen Melodie (a'öfn tfbtt *?K) ergriff er die Herzen Aller. Prof. Lazarus übernahm freiwillig, m uneigennütziger Weise, blos zur Ehrung des verstorbenen Kollegen die Funktion. Mchher folgte die großangelegte von hohem Schwünge und poetischem Geiste beseelte Rede des im Laude namhaft bekannten Oberrabbmers Dr. Eduard Neumauu, in welcher er die Verdienste des Verstorbenen wahrend seiner mehr als ein Halbjahrhnndert andauernden Tätigkeit in der hiesigen Gemeinde würdigte mid damit sich ein ewiges Denkmal errichtet hat. Nach der zu Tränen rührenden Rede exekutierte der Chor in dieser glanzvollen Tempelfeier einen wunderbar klingenden Choral und mit einem von Pros. Lazarus herrlich vorgetragenem Schnßgebete erreichte dieselbe ihr Ende. Durch die künstlerische Mit» wirkmlg vornehmer Damen aus der Gesellschaft anläßlich dieser Feier wurde erwiesen, daß ihre fernere Mltwlrknng bei allen Gottesdiensten ein Gewinn für dieselben wäre. Ktteratur. Me talmudische Pädagogik als Wegweiser für Schule und Haus im Lichte der Gegenwart von I. Sie r, Breslau, Selbstverlag des Versasiers 1915. Zum erstenmale ein systematisches Lehrbuch der jüdischen Pädagogik auf Grundlage der talmudischen Welt- und Lebensauschauuug. Keine komzilarorische Arbeit, wie wir sie bereits in zahlreichen mehr oder weniger gelungenen Versuchen von Darstellungen der talmudischen Erziehuugs- und Unterrichtsprinzipien besitzen, sondern ein Durchdriugeu und geistiges Verarbeiten des Stoffes, welchen der Verfaffer unter Beleuchtung moderner pädagogischer Resultate stellt. Was Lazarus im zwefteu Teile der Ethik des Judentums von den talmudischen Lehrern sagt: „Das Moderne ist nur in der Form, es ist bloßer Schein; der Kern ist derselbe, wenn man ihn redlich herausschält", wird durch dieses mehr als 400-Seiten starke Buch erhärtet,. In zehn Abschnitten, die sich in Kapitel gliedern, werden das Erziehungsziel, die Erziehungsfaktoren, die Erziehungsmittel, die körperliche und geistige Erziehung, das Gefühls- und Trieblebeu, der Wille, die Diedaktik und Methodik in der Weise behandelt, daß der Verfaffer am Anfänge eines jeden Kapitels zunächst die Grundfrage und Ergebnisse der modernen Pädagogik anschaulich darlegt, um im weiteren Verlaufe zu zeigen, wie oder inwieweit schon die talmudische Anschauung diesem Standpunkte Rechnung trägt. So weist der Verfasser nach, daß schon die alten Lehrer das Gesetz von der Enge des Bewußtseins auf dem Gebiete des Unterrichtes zur Geltung brachten. Es ist jedenfalls für' das tiefere Eindringen deö Verfassers in die Gedankenwelt der Rabbinen bezeichnend, wenn er diese psychische Eigentümlichkeit auch der Lehre zu Grunde legen möchte, nach welcher gleichzeitig nicht mehrere religiöse Handlungen vvrgenommen werden sollen. (S. 171—178.) Bei der Dar» legung der Begriffe der Apperzeption zeigt der Bersasser, wie i£>re- Berschmelzung mit der Neprodukrion, die als Ergebnis der erleuchteten Neuzeit gepriesen wird,' schon in Bibel und Talmud auf didaktischem Gebiete als selbstverständliche Voraussetzung erscheint. (S. 184.) Das Ergebnis neuerer Versuche, daß die Sichtbarkeitsdauer des einzn» prägenden Wortes bestininienden Einfluß ans das Behalten hat, findet der Verfasser keimartig in einem Anssprnche R. Jochanans enthalten^ (S. 197.) Nur ein Mann, dnrchträiikt von rabbinischem Wissen nnd zugleich mit gründlicher Kenntnis der modernen pädagogischen Literatur ausgerüstet, konnte ein solches Buch schreiben und zeigen, daß die Erziehuugs- und Unterrichtsprinzipien der alten jüdischen Lehrer durchaus nicht so gering einznschätzen sind, wie manche glauben. Was der Verfasser am Ende seines Buches über die Methodik des Talmudiiiiteirichtes sagt, verdient vollste Beachtung und sollte namentlich in den Vorbereitnngsschuleu für die Jeschiboth und in diesen selbst, wü es vielfach noch in rationeller Behandlung des spröden Unterrichtsstoffes mangelt, beherzigt werden. Die Darstellung ist anschaulich, die Sprache fließend, das ganze Buch von echt jüdischem Geiste durchweht und daher allen, welche ihre Kinder im Geiste der Tradition erziehe» wollen, auss wärmste zu empfehlen. Es ist nur zu bedauern, daß diese ehrliche nnd fleißige Arbeit, ans der so reiche Erkenntnis und reise Erfahrung spricht, vielleicht die Lebensarbeit eines alten Schulmannes^ ■ mitten im wilden Kriegslärm erschienen ist, sie hätte es wohl verdient mit dem Jntereffe und der Sammlung einer ruhigen Zeit gelesen zu werden. Bei einev Neuauflage wäre mancher Druckfehler zu verbessern und aus eine genauere Quellenangabe zu achten. Zn dem Gespräche zwischen Ri Akiba und Turnusrufus fehlt die Angabe der Quelle ganz. Angaben wie Pesikta (S. 91), Jer. Kethuboth (S 95), Jer. Berachoth (S. 197) genügen nicht. An letztgenannter Stelle ist un Zitate das Wort Halacha in Hagadah zu verbessern. Auch das Zitat ans Sabbath 10 (S. 42) ist nicht genau. Die Begründung des Gesetzes, warum dem jüdischen Knechte, der die Freiheit verschmäht, das Ohr durchbohrt' werde, (S. 231) ist nicht von R. Simon, sondern von R. Jochanan b. Zakkai (Jer.Kidduschin1.2). Die Schlußworte des Satzes Schirl. 10 werdon im Midrasch nicht aus die Jngendlehrer, sondern auf die Schüler bezogen (S. 100). Diese wenigen Ansstelluilgen tuen dem vorzüglich ausgestatteten Buche keinen Eintrag. L. W i esne r. Heinrich Heine der deutsche Jude. Bon Max Fischer. 1.—3. Tausends Verlag des I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und Berlin. In feinem Pappband 80 Pfennig. Die Schrift trägt als Motto diese Worte Heines: „Die Geschichte der neueren Juden ist tragisch, und schriebe man über dieses Tragische, so wird man noch ausgelacht — das ist das Allertragischste." Auch auf die Gefabr hi», „ansgelacht" zu werden, hat der Verfaffer versucht, das tragische Problem des deutsche» Jude» zu gestalten und Heine als Symbol desselben darzustellen. Fischer weist in seiner Studie nach, daß die Ironie Heines nicht aus frohem Uebermut geboren wird^ sondern aus weher Dissonanz. Wer eine Heine-Apologie erwartet, kommt ebensowenig ans seine Rechnung wie jener, der eine antisemitische Parteischrift vermutet.' Mit einer herben Sachlichkeit, die bei diesem Problem ganz außergewöhnlich ist, ignoriert der Autor die Kämpfe des Tages und die verzerrende Leidenschaft der Parteien. Er will deuten, nicht richten» Dennoch schwingt in der Darstellung Heines trotz aller strengen Kritik ein Empfinden einsühlender Liebe mit — jener Liebe, aus der allem die Kraft historischer Gestaltung strömt. llstjuden ist der Titel des soeben erscheinenden Februarheftes der Süddeutschen Monatshefte (Preis eine Mark-fünfzig, Verlag Leipzig nnd München), das folgende» Inhalt bat: Die Bedeutung der Ostjudeu für Deutschland von Dr. Adolf Friedemann, zurzeit in Warschau; Der alte Jude und der russische Offizier, von Octäve Mirbeau; Die Juden in Polen. Ein geschichtlicher Ueberblick von Wladimir W» Kaplun- Kögan; Der ostjüdische Rabbiner von Lazar Äbramson; Der Chassidismus von Alexander Eliasberg; Angelus: Gedicht von Jehojosch; Die jüdisch-deutsche Sprache der Ostjudeu von Dr. Heinrich Loewe, K. Bibliothekar in Berlin; Mein Jingele. Gedicht von Morris Roseilfeld; Vom Selbstlob (Chassidlsche Legende); Nationale Autonomie für bie Ostjuden von Dr, med. und ph>l. Franz Oppenheimer, Privatdyzent der Universität Berlin; Frieden von I. L. Perez; Einwanderungsbeschränkung der Ostjuden von Jnstizrat Dr. M. I. Bodenheimer^ ehemaligem Vorsitzenden des jüdischen Nationalsvilds, zurzeit in Warschau; Das neue russische.Paßgesetz; Die Inden, in Kurland von Silvio