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Die Wahrheit · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 4. , Die Wahrheit Mach einiges zürn Ostfndenproblem.*) Vom Gouverneur v. Puttkamer Zn eiiteiit früheren Aufsatz habe ich bereits auf die große Bedeutung der Ostjudenfrage hingewiesen. Auf Grund zahlreicher mir zugegaugener Zuschriften komme ich nochmals auf die Angelegenheit zurück. Nachrichten, die aus Polen zu uns herüberdringen, bestätigen immer mehr, wie wichtig es ist, in den von uns -ejetzten und verwalteten Gebieten schon jetzt geeignete Maßregeln zum Schutz der dort lebenden nationalen Minoritäten zu treffet!. Maßregeln, welche geeignet sind, die praktische Durchführung der beabsichtigten und durch die künftige Verfassung festzusetzenden Sicherungen zu ermöglichen. Der großen Bedeutung dieser besonders im Hinblick auf bie jüdische Be? völkerung überaus schwierigen Frage hat die Reichsregierung dadurch Rechnung getragen, daß sie bereits vor längerer Zeit einem bekannten jüdischen Reichstagsabgeördneten das Referat über jüdische Kultus- und Schulaugelegenheit beim -Generalgouvernement Warschau anvertraut hat. Es scheint aber dies noch nicht zu genügen; einmal übersteigt die mit der Aufgabe verbünde Arbeit entschieden die Kräfte eines einzelnen; sodann aber kommen außer Kultus- und Schulsachen noch eine ganze Menge anderweitiger unendlich wichtiger Dinge in Frage, wie Vereins- und allgemeine Wohlfahrtsangelegenheiteu, Beschaffung Und Verteilung billiger Lebensmittels Volkshygiene, Verteilung und Besiedlung von Land, Anlage von Gärten zum Anbau von Gemüse u. dgl. Dies alles und noch manches andere ist nötig, um die Lage der jüdischen Bevölkerung' zu einer erträglichen zu machen, die Leute im Lande festzuhalteu und sie kulturell zu heben. Und zwar tut Eile not, wenn größtes Unheil verhütet werden soll. Was Warschauer Zeitungen berichten und Privatnachrichten bestätigen, ist nicht allzu erfreulich. Wenn man den Gedanken an eine etwa mögliche Wiederkehr der Rnssen, die natürlich ein jüdisches Massengemetzel mit sich bringen würde, nicht ernstlich aufkommen läßt, so hört man . doch vielfach die Ansicht, daß es speziell den dortigen Juden. unter der russischen Herrschaft gerade in Polen wirschaftlich eigentlich besser ergangen sei als jetzt. In vielen Gegenden des Landesscheinen die Zustände allerdings entsetzlich zu sein, insbesondere Verpflegung und Hygiene nahezu alles zu wünschen übrig zu lassen. In einzelnen Gegenden ist die Kindersterblichkeit ungeheuer — Kinder unter fünf Jahren sieht man kaum noch. Frauen und Kinder müssen oft 25 Kilometer weit zu Fuß gehen, um in der jüdischen Volksküche der nächsten Stadt eine warme Suppe zu erhalten. Zwar fehlt es nicht an einem Hilfskomitee in Warschau, dem zur Linderung der schlimmsten Not bis jetzt etwa 11 Millionen Rubel (der sogenannte Tatjana-Fonds) zur Verfügung standen, die auch unter der Aufsicht des Erzbischofs von Warschau zur Verteilung gelangt sind. Obwohl aber etwa 2^/z Millionen dieses Betrages von jüdischer Seite aufgebracht wurden, befindet sich doch kein Jude im Komitee, und nur 150.000 Rubel sind den Juden für Hilfszwecke übergeben worden, was allgemein Erbitterung und Bestürzung erregt hat und auch kaum zu rechtfertigen ist in Anbetracht des Umstandes, daß 15 v. H. der Gesamtbevölkerung Polens Juden sind. Das Schlimmste von allem ist die Unsicherheit der Lage im'allgemeinen. Dies würde sich mit einem Schlage bessern, wenn die Regierung heute schon mit einem festen Programm für die Zukunft auftreten könnte, das mag jedoch aus politischen Gründen noch nicht möglich sein und entzieht sich jedenfalls der öffentlichen Besprechung. Wie die Dinge liegen, haben die Juden Furcht vor den Polen und noch kein rechtes Vertrauen zur deutschen Regierung. Wie sollte auch dies feit Jahrhunderten geknechtete und geschundene Volk Vertrauen haben! Man darf nicht vergessen, daß ein unerhört grausames Schicksal die polnischen Juden zu dem gemacht hat. was sie heute sind — eine geäugstigle und gequälte Masse, in der das Ringen um die Existenz vielfach auch eine unerfreuliche moralische Verwilderung hervorgerufen hat. Um hier Wandel zu schaffen, um vor allem Vertrauen herzustellen, gibt es nur einen Weg. Man sollte nicht nur den Kreis der mit den Verhältnissen und der Eigenart der jüdischen Masse vertrauten Beamten erweitern, sondern auch den unmittelbaren Verkehr mit dem Volk durch Anstellung von Vertrauensmännern auch in der Provinz und auf dem Lande erleichtern. Dies dürfen natürlich keine Eingeborenen sein, sondern reichsdeutsche Inden von zuverlässiger Gesinnung, die gleichzeitig aber auch gute Bezihung im Laude haben und die Bedürfnisse und den Charakter der Leute kennen, demnach imstande sind, sich auch deren Vertrauen zu ge- *) Vergleiche den Artikel „Eine Kultursrage im Osten" in der „Wahrheit" vom 81. Dezember 1915.

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