Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 39 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. .39. Die Diskussion eröffnete Prof. Dr. Ludwig Stein Berlin durch eine Darlegung seiner Auffassung der neuen Lage. Nach einigen Einschränkungen hinsichtlich des Tätigkeitsgebietes der „Union" empfahl er anfs wärmste deren Förderung. Herr I. Basch, München begründete die Notwendigkeit der Verständigung aller jüdischen Organisationen zur Erreichung des geplanten Zweckes. Im Mittelpunkte der Debatte stand die mit lebhaflestem Beifall aufgenommene Ansprache des Landtagsabgeordneten R. A. Dr. Cohn, Dessau, der die wärmste Unterstützung der zeitgemäßen neuen Idee befürwortete. Unter den zahlreichen folgenden Rednern erweckten Rabbiner Dr. Kopfstein Beuthen und Feldrabbiner Dr. Sonderling, Hamburg, durch ihre Schilderung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten des Ostens warme Teilnahme. Chefredakteur I. Landau Berlin widerlegte manche Bemerkungen von Professor Dr. L. Stein und beleuchtete in beredter Weise die große Tragweite der Bestrebungen der „Union". Sehr lehrreich waren die Ausführungen von Zuft.-Rat Dr. Horwitz—Berlin, der eine Reihe von in der Diskussion anfgetanchten Fragen zusammenfassend beleuchtete und mit der nachdrücklichen Aufforderung schloß, daß die deutschen Juden aller Richtungen unter dem Banner der „Union" sich vereinigen mögen. Diesen Ausführungen schloß in längerer Anssprache Geheimer Zust.-Rat Timendorfer—Berlin sich an. Er brachte nachstehende Resolution ein: „Die am 12. Dezember 1915 im „Brüderverein" zu Berlin Versammelten begrüßen auf das lebhafteste den durch die „Dentsch-Jiraelitische Osmanische Union" vertretenen Gedanken der Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Juden Deutschlands und der Türkei. Demgemäß gedenken sie die gemeinsamen Interessen in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zu wahren und zu fördern, um auf dieser Grundlage in den Stand gesetzt zu sein, auch das Los ihrer osteuropäischen Glaubensgenossen bessern zn können. Sie erklären sich bereit, diesen Gedanken zu unterstützen und für ihn zu werben, und fordern alle Glaubensgenossen in Deutschland zum einmütigen Zusammenschlüsse im Rahmen der Deutsch- Israelitisch Ösmanischen Union auf." Die Resolution wurde von der Versammlung einstimmig angenommen. Nachdem noch Dir. Stern—Berlin gesprochen und Rabbiner Dr. Hildesheimer—Berlin den Dank für die Initiatoren der Konferenz und der neuen Organisation beantragt hatte, schloß die Versammlung am späten Nachmittag. Unmittelbar darauf folgte eine Besprechung der auswärtigen Teilnehmer an der Konferenz, um sich hinsichtlich der Grundzüge der Werbe- und Organisationstätigkeit zu Gunsten der neuen Bewegung und der ^Union" zu verständigen. Die Ansprachen der zahlreichen Redner, unter denen Herr Albert Rothschild—Frankfurt a. M-, Konsul Dr. Schopf—Danzig. Großherzogl. Landesrabb. Dr. Mannheimer—Oldenburg. Rabbiner Dr. Vogelstein—Königsberg, Dir. Eiseustädt—Fürstenwalde, Rabb. Dr. Kaelter—Danzig. Hermann Rosenthal—Würzburg, Rabb. Dr. Berger—Görlitz, Rabb. Dr. Rosenthal—Köln, Prediger L. Weiler—Paderborn, R.-A. Dr. Ist Kahn—Köln, Dir. Rosenthal—Posen, Landtagsabgeordneter Är. Cohn—Dessau. Kommerzienrat Lademg— Chemnitz angeführt werden sollen, ergaben die übereinstimmende Anschauung, daß in ganz Deutschland baldigst Ortsgruppen der „Union" ins Leben gerufen werden müssen. Die Werbetätigkeit soll nicht nur durch Drucksachen, sondern auch durch Versammlungeis, Vorträge und Wauderredner ohne Verzug eröffnet und in intensiver Weise geführt werden. Die Anstrengungen sind darauf zu richten, die sinanzielle Fuudierniig der Union in einem, ihren großen Zielen entsprechenden Maßstabe noch vor Beendigung des Weltkrieges zu sichern. Nach seinem Ansgang soll zur Gründung eines kommerzieller» Institutes geschritten werden, das den jüdischen Einwanderern Erwerbsmöglichkeiten in Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handwerk schaffen soll. Es folgte eine gemeinsame Mahlzeit der Konfereuzkeilüehmer, woran sich ein Lichtbildervortrag des kaiserlich ösmanischen Jngellienrs Santo Bey de Semo anschloß. Die Tagung, welche nach dem Worte von Pros. Lrldwig Stein einen neuen Stimmung-Rhythmus erzeugte und zahlreiche neue Anregungen brachte, wrrd das tiefgehende Interesse für die jüdisch-osmanischen Beziehungen und die Uebersiedlrurg östlicher Juden nach der Türkei zweifellos in alle Zentren jüdischen Lebens hinanstragen. Verschiedene Nachrichten. Vien. Am 17. d. M. erlag Herr Moriz Czucka, Kantor am Mariahilfer-Tempel, einem langen schweren Leiden. Der Verblichene hat seit 21 Jahren sein Amt mit hingebungsvoller Pflichttreue versehen und war durch seine Bescheidenheit, Herzensgute und stete Dienstbereitschast bei seinem Vorstande und Kollegen sehr beliebt. Dies zeigte sich auch bei seinem am 19. d. M. stattgesundenen Leichenbegängnisse, dem der Gesamtvorstand des Mariahilfer Tempelvereines mit dem Präsidenten Herr» Kulmsvorstand Dr. Jakob Engel an der Spitze, viele Bereinsmitglleder, ferner Herr KnltuSvorsteher Samuel Steiner, Amtsleiter-Stellvertreter Herr Heinrich Engel und viele Berufskollegen beiwohnten. Die kantoralen Funktioileii versah an Stelle des durch Krankheit verhinderten Oberkanlors Dünne in a n n. Herr Kantor Leo Heller in würdigster Werse. Herr Rabbiner Dr. Drobiusky kennzeichnete in einem meisterhaften, tiesempfundenen Nachruse die schlichten Tugenden dieses allzufrüh seinem verdienstvollen Wirken und seiner Familie entrissenen Funktionärs, dessen Andenken stets in Ehren gehalten werden wird. B—y. Wien. (Jüdische Toynbeehalle, 20. B e z. Denisgaffe Nr. 33). Herr Oberkantor M. Kaufmann bildete den Höhepunkt im letzten Sonntagskonzerte am 18. d. M. Sein äußerst schmiegsamer und modulativussähiger lyrischer Tenor gelangte in den mit tiefer Eulpfiiidnng gesungenen Liedern von Grieg und Schubert zu reicher Entfaltung. In Professor Menzer, der jeden Hauch des Sängers nachfühlt, fand Herr Kaufmann einen würdigen instrumentalen Begleiter. Lobend erlvähnten seien auch die gesanglichen Leistungen der Damen Frau Radosch, deren Mezzosopran von schöner dunkler Färbung gefiel und die jugendlich dramatische Sängerin Frl. Kühnberg. Beide Damen gereichen ihrer Lehrerin Frau Dr. Kauner, die selbst die exakte Klavierbegleitung besorgte, zur hohen Ehre. —o— Das Wochenprogramm lautet: Samstag, den 25. d. M., Konzert. Sonntag, den 26.. Dr.jnii. Adolf Grünberg : „Das Verbrechen, dessen Vorbeugung und Sühne". Mittwoch, den 29., Frau Marie Goldsarb: „Lemberger Kinderhorte während der Russeuherrschaft". Frau Goldsarb, welche die Schreckenstage der Rufseninvasion mitgemacht hat. sprach vor kurzem über dieses interessante Thema im Gewerbevereinssaal. Der Bibelvortrag am 31. d. M. entfällt. Wien. Das K o m i t e e zur Aufklärung über o st - jüdische Fragen teilt mit, daß in dem von ihr veranstalteten Vortrags-Zyklus in der nächsten Zeit folgende Vorträge stattfinden: Donnerstag, den 30. d. M., Herr Privatdozeut Dr. M. Schorr über „Die Geschichte der Ostjudeil"; Mittwoch, den 12. Jänner 1916, Herr Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) über „Die Sprache der Ostjuden"; Donnerstag, den 20. Jänner 1916, Herr Abraham Sonne über „Das Hebräische und seine Literatur bei den Ostjuden". Sämmtliche Vorträge finden im Saale des Ingenieur- und Architektenveremes, Wien I. Eschenbachgasse 9 statt und beginnen präzise 1/a8 Uhr abends. Besuch aller, die au jüdischen Dingen Interesse nehmeil. wird erbeten und erwartet. Wien. Fräulein Thekla Saphir wurde am 20. d. M. zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert. Wien. Kürzlich ist der Teinpeldiener der Wiener Kultnsgemeinde, Herr Jakob Nessel, der volle 50 Jahre seine Dienste versah, gestorben. Interessant ist, wie er zur Anstellung bei der Gemeinde kam. Als Soldat hatte er mehrere Feldzüge mitgemacht, wurde verwundet und erhielt die goldene Tapferkeitsmedaille. Er kam dann zur Wiener Polizei als Korporal und hatte am Nordbahnhose Dienst. Damals war der Präsident der Wiener Kultnsgemeinde, Herr Sichrowski, Generalsekretär der Nordbahn. Der Mann, von dein der sei. Prediger Maitnheimer sagte, daß er einen eisernen Moach hatte und einen edlen Charakter besaß, beorderte Nessel, daß er ihm arme Glaubensgenossen zuführen möge, die würdig seien, Freibillete für die Fahrt zn erhalten. Nessel hatte diese Bertranensstellung immer aufs gewissenhafteste ausgeführt und als er sich um eine vakant gervordene Tempel- und Friedhossdienerstelle bewarb, »vurde ihm dieselbe über Befürwortung des Präsidenteu verliehen. Er bekam die Aufsicht im Mittelschiff des Stadttempels wo die alten Patrizier-Familien saßeit und später auf der ersten Frauengallerie. Ec lvar die lebendige Chronik der vornehmen Wiener jüdischen Familieu und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Erst in den letzten Jahren haben die Altersschrullen, die bei ihm eintraten, manchen Anstoß erregt. Bor zwei Jahren fing der trotz seines hohen Alters noch sehr rüstige Mann an, dem Siechtum zn verfallen, versah aber seinen Dienst- bis zn den letzten hohen Feiertage»!. Nun ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Seine Frau »oar ihm vor Jahren im Tode vorausgegangen und da er kinderlos war, setzte er seinen Neffen als- Erben ein.