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Die Wahrheit · 1915-10-15 · Heft 33 (15.10.1915) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 33 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ir. 33. Die Wahrheit Seite 11. Hle galipschen Kriegsflnchllinge im Egerer Keprke. Bon Armin Wilkowitsch, Eg er. Es waren böse Zeilen über unser schönes Vaterland gekommen. Die Riesenheere des russischen Generalissimus Nikolai Nikolajewitsch rissen beim Rückzüge unserer tapferen Armeen nach der Schlacht bei Krasnik die Grenzschranken Oesterreichs gewaltsam nieder. Entsetzt stoben die friedlichen Einwohner Galiziens und der Bukowina vor den russischen Horden. Aber auch von unseren Behörden wurden ganze Dörfer evakuiert, die Einwohner abtransportiert, um sie vor -den Gewalttaten der Kosaken zn schützen. Wo dies nicht geschah, waren Mord und Brand, sowie Schändung von .Frauen und Kindern durch die russische Soldateska an der Tagesordnung. Baliuschkas Getreue schwelgten in solchen Greueln und verkündeten es triumphierend der Welt: „Propalo Awstria!" („Oesterreich ist verloren.") Eine förmliche Völkerwanderung begann. Wien, die Haupt- und Residenzstadt unseres Reiches, mußte für mehr als 120.000 Kriegsflttchtlinge ihre Tore öffnen und, als Ihre Anfnahmsfähigkeit versagte, gewährten alle anderen Städte unserer Doppelmonarchie willig ven Heimatlosen 'Gastfreundschaft. Am 17. November des Jahres 1914 berichtete die „Egerer Zeitung" von der Ankunft der Flüchtlinge in Eger folgendes: Sonntag, den 15. d. M. kamen im Verlaufe des -Vormittags 335 polnisch-jüdische Flüchtlinge an und wurden in der alte» Vlgognespinnerei »ntergebracht. Es sind zumeist ältere Leute. Frauen und eine Unmasse von Kindern verschiedenen Alters. Sie waren mehrere Tage ans dem Transport. Ihre christlichen Leidensgenossen stiegen in Olmütz. Chotzen und Pardubitz aus, die jüdischen wurden nach Karlsbad, Kaaden und Eger gebracht, woselbst ihnen vermutlich ein längerer unfreiwilliger Aufenthalt beschiedeu sein wird. Die meisten sind ans den Bezirkshauptmannschaften Tarnow und Bochnia und wurde ihnen von den Behörden die Flucht aufgetragen. Einer der Flüchtlinge erzählte, daß er bereits neunzehn Tage in Knlbuszowa bei Rzeszow unter der brutalen Herrschaft der Kosaken das Leben fristen mußte. Es war eine Schreckenszelt, versicherte der Erzähler. Mord, Raub, Brand und Schändung der Frauen waren von den Wüstlingen täglich verübt. Ganz besonders scharf gingen die Rohlinge gegen Juden, die überall als österreichische Patrioten gelten, vor. Drei angesehene Juden wurden am Marktplatze niedergeknallt. Auch vier polnische Notabeln wurden als Geiseln nach Rußland geschleppt. Von ihren irdischen Gütern konnten die Armen nur wenig mitnehmen, sie mußten alles stehen und liegen lassen. Nur den Kinderreichtum (viele von ihneli besitzen zehn, auch zwölf Kinder) retteten sie voll und ganz, mit Ausnahme von ein. zwei Parteien, die bei Herrn Rabbiner Dr. Grünseld in Eger deil Verlust einiger Kinder anmeldeten. Einigen Frauen offenbarte sich auf der langwierigen Reise der Storch und sie mußten auf verschiedenen Stationen auswaggonierl werden. Am Bahnhof empfing die Flüchtlinge Herr Knltnsvorsteher Löwy mit einigen Vorstandsmitgliedern, auch erschienen von der k. k. Bezirkshauplmannschaft in Eger die Herren k. k. Bezirkskommissär Dr. Neudert. k. k. Oberbezirksarzt Dr. Beck und k. k. Statthaltereikonzipist Dr. KöPPl. Natürlich fehlte es bei dieser Gelegenheit auch an Neugierigen nicht. Das Aussehen dieser Aermsten war ein so klägliches, daß man viele von den Zuschauer» laut schluchzen hörte. In der Bigognespinnerei fanden sich sogleich mehrere Vorstandsdamen des israelitischen Franenvenvereines ein und verabreichten den ansgehnngerten und vor Kälte halb erstarrten Flüchtlingen eine Jause. Gegen Abend erschien Herr k. k. Konzipist Dr. Köppl und verzeichnete die Generalien derer, die in Hotels zn übernachten würischten. Diese Parteien mußten sich ausweisen, daß sie über eine Mindestsumme von 200 Kronen verfügen. Alle anderen mußten sich mir einem Strohlager begnügen. Am 18. November berichtet weiter die ..Egerer Zeitung": In der Vigognespinnerei surrt und summt es wie in einem Bienenhaus den ganzen Tag bis in die späte Nacht hinein. Nicht nur von Flüchtlingen, auch von anderen Leuten wimmelt es dort. Sie bringen Schnhwerk, Kleider und Wäsche, Brot und Obst; ja Soldaten selbst, nicht gerade jüdischer Konfession, kommen und bringen den Armen Kommißtabak. „Wer ist der Herr?", fragte ein alter Jude einen Soldaten, den Spender mehrerer Tabackpackeln. „Ich bin kein Herr", gab der Soldat zurück, „ich bin ein gewöhnlicher Soldat und habe in Galizien, wo ich meine Militärzeit verbrachte. viele Wohltaten von Inden genossen, also möchte ich meine Schuld halbwegs auf diese Weise abtragen". In einem Zimmer des ersten Stockes etablierte sich ein Franeukomilee. das die Spenden entgegennimmt und sie an die Dürftigsten verteilt. Allerdings bedauf es einen besonderen Scharfblickes, wenn auch Buch über die abgegebenen Gegenstände geführt wird, um Jrnüiner zu vermeiden. Denn die einen stürmen heran, so oft etwas zur Verteilung gelangt, die anderen sind verschämt und verabscheuen das Sich- Bordrängen, weswegen sie in den meisten Fällen — bis die Kontrolle klappen wird — die Verkürzten bleiben. Ein etwa dreizehnjähriges Mädchen wurde von einer alten Frau gedrängt: „Gai doch, Maiderle. du kriegst a Jäckel." Nur mit Widerwillen ging die Gedrängte hin. Und als man ihr das „Jäckel" anpaffen wollte, fing sie bitterlich zu weinen au. „Ach Gott, ich soll.nehmen' müssen! In meinem Elternhause hatte ich alles und auch die Armen verließen vollbeladen unser Haus!" Auch sonst wurde beim Verteilen von gesottenen Eiern und Tee bemerkt, daß mehrere Leute abseits standen; befragt, warum sie nicht ihre Portionen abverlangen. erwiderten sie, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nicht die Hand nach einer fremden Gabe ausstrecklen. Biele von den Flüchtlingen haben sich übrigens bereits in Privatwohnnugen einqnartiert und lehnen jede milde Gabe und Unterstützung rundweg ab. Montag wurden sämtliche Frauen und Kinder auf ihr dringendes Verlangen in Dampf- und Wannenbäder geschickt; eine Dame vom Komitee beschäftigte sich mit dem Waschen und Reinigen der Kinder, deren Mütter nicht zn-- gegen sein konnten und Dienstag wurden auch die Männer dahin geschickt. Mau kann sich denken, wie ungemütlich

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