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Die Wahrheit · 1915-09-17 · Heft 31 (17.9.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 31 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I {Nedaktioii imd Administration: 3$ieu, 11., Nvvarägasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Auakhängige Aeflschnft für jüöische Bezugspreis: Ganzjährig.K 15.— Halbjährig.K 7.50 Administration Aut. 47.554? K. k. österr. Postsparka ssa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Interessen. Für Kultttsbeamte: Ganzjährig.K. 10.— Inserate: — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile W Heller. Erscheint jeden Areitag. Für Ausland: Abonnements- und JnsertionS- - Ganzjährig.8 Mark betrage sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Rubel oder 18 Frei. Ur 31. Wien. 17. September UUS Inhalt: Der Zar verlängert den Krieg. — Die Gottesstimme. — Tinnius Rufus. — Deutsche und Juden in Polen. — Der Kaftanjude. — Isaak Jakob Reines. — Internationale wissenschaftliche Bereinigung israelitischer Kantoren. — Aufruf. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Aviso! Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, die restlichen Abonnementsbeträge einsenden zrr --------------- wollen. - Der Zar verlängert den Krieg. Der Zar, welcher bekanntlich die Züchtigung der serbischen Regierung und Dynastie wegen gerichtlich nachgewiesener Unterstützung politischen Meuchelmordes offen und schamlos zum Weltkrieg erweiterte und nicht nur Millionen seiner Krieger, sondern auch vieler anderer europäischer Staaten dadurch mutwillig in den blutigsten und verderblichsten Krieg verflocht, hat trotz der entsetzlichen Niederlagen und schweren Verluste, die sein Mammutreich nach 13% Monaten erlitt, noch nicht genug und erklärte, früher keinen Frieden schließen zn wollen, bis der letzte feindliche Krieger den heiligen russischen Boden verlassen habe. Dus Manifest, mit dem er die Uebernahme des Oberbefehles über die ganze russische Macht v-rkündete, enthielt folgende Worte: „Heule (5. September) habe ich den Oberbefehl über die gesamte bewaffnete Macht zn Wasser und zu Lande, die auf dem Kriegsschauplatz operiert, übernommen. Mit festem Glauben an die Gnade Gottes und mit unerschütterlicher Zuversicht auf den schließlichen Sieg (?) werden wir unsere heilige Pflicht der Verteidigung des Vaterlandes bis zum äußersten erfüllen und das russische Land nicht entehren. (?)" Hätte der Zar seine Gegner nicht gezwungen, ihre Reiche gegen seine wilden kriegerischen- Einbrüche zu verteidigen, dann würde er diese „heilige Pflicht" nun ersparen, aber der Schluß seines letzten Manifestes schlügt daneben, denn der Zar hat durch die Art seiner Kriegführung, durch Ermöglichung, ja Gutheißung der zahlreichen Pogrome gegen Inden und Deutsche, durch gewalttätigen Wortbruch gegen Nichtrussen, durch boshafte Zerstörnug und Einäscherung aller Habe in feindlichem und eigenem Laude, durch barbarische Behandlung' der durch den Krieg von ihrer Scholle verdrängten Flüchtlinge und durch die unglaubliche Behandlung der zahlreichen jüdischen Untertanen in seinem Reiche, aus die er durch meist unbewiesene Massenbeschnldignngen die Wut des Volkes zu lenken suchte, durch feige Verfolgung aller freigesinllten Russen sein Land längst schon gründlich entehrt. Viele Leitte bezweifeln die großen geistigen und moralischen Fähigkeiten des Zaren und behaupten, er sei immer ein willenloser Spielball der Macher gewesen, die sich Einfluß aut Zarenhofe zu verschaffen wußten. Zwischen recht und schlecht vermag aber in der Regel auch ein beschränkter Mensch zn unterscheiden und was in Rußland unter der Regierung Nikolaus H. im Frieden und im Kriege geschehen konnte, deutet aus ungewöhnlichen Barbarismus. Wenn der Zar trotzdem im Ernste auf die Gnade Gottes und den schließlichen Sieg hofft, weil er den Oberbefehl übernommen hat, dann kann man schließen, daß er mit einer großen Portion Größenwahn behaftet sei. Es gehört wirklich im gegenwärtigen Momente nach so schrecklichen Niederlagen viel Mut dazu, den Oberbeseht über die geschlagenen russischen Armeen zu ergreifen, umsomehr, wenn man sich früher nie mit militärischer Praxis befaßt hat. Die Zarenbesuche in Przemysl und Lemberg können doch nicht als militärische Schulung gewertet werden, zumal er sich dort durch großsprecherische Versicherungen über die endgiltige unzerreißbare Einfügung R o t r n ß l a n d s, wie er Galizien umzutaufen beliebte, in den großen russischen Reichskörper nur unsterblich lächerlich machte. Mau kann auf die Nachricht begierig sein, wie es der Zar an der Front anstellen wird, um vor der Verirrung einer tückischen Kugel sicher zn sein, nachdem er sich überall, wo er erschien, nach allen Richtungen vor dem geliebten Volke dicht abschließen ließ. Doch lassen wir den Zaren selbst in Rußland für sein teures Leben sorgen! Den. Mund mag der Zar ebenso voll nehmen, wie dies die französischen und englischen Machthaber tun. Praktischen Wert haben schließlich doch nur die Tate n. Niemand kann im gegenwärtigen Momente Voraussagen, wie sich der Weltkrieg nun weiter euuvickeln werde, aber sicher ist es, daß der Zar den Krieg verlängert und verschärft und dadurch die ungeheure Blutschuld, die er bisher auf sich geladen, vermehrt und vergrößert. Es gibt auch boshafte Leute, welche den letzten Schritt des Zaren als ein Symptom der Verzweiflung deuten, die ihn bewog, sich vor seinen „geliebten Völkern" in die Armeen zu retten. Wenn alle Stricke reißen, kann er sich ja auch vom Feinde fangen lassen, wie dies bekanntlich Napoleon III. tat. Die Reichsdeutschen oder Oesterreich-Ungarn würden ihn in einem solchen Falle in irgend einer sicheren Festung glimpflich behandeln. Vielleicht hat Gott sein Herz ebenso wie einst das Herz Pharaos verhärtet, um seinen Fall desto fürchterlicher zrt gestalten. So viel weist man mit Bestimmtheit, daß die Kriegswtlt nun vom Zaren neu augefacht erscheint und daß noch viele Ströme Blut fließen werden. „Es ist der

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