Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 24 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Diesen Satz schrieb einst der „Mann von Blut und Eisen", der deutsche Reichskanzler Fürst Bismarck, an den Rand eines Berichtes über erhaltene unzutreffende 'Informationen, den ein deutscher Geschäftsträger im Auslande eingesendet hatte und in dem derselbe seiner Entrüstung über die gemeldeten Tatsachen Ausdruck gab. Dadurch belehrte der große Staatsmann den jungen Diplomaten, der vielleicht noch moralische Grundsätze besaß, daß in der internationalen Diplomatie gar manches geschieht, was die Entrüstung eines moralisch normalen Menschen anslösen muß. Wollte man alle unmoralischen Praktiken der Politik beschreiben, welche in der Welt dnrchgefnhrt wurden, dann müßte eine solche Chronik ein umfangreiches Werk bilden. Noch ist eine Geschichte des letzten Weltkrieges nicht geschrieben, noch sind alle geheimen Ursachen desselben nicht ans Tageslicht gezogen worden, aber selbst die wenigen Ursachen, die man bisher einwandlos kennt, lösen bereits die Entrüstnng jedes ehrlichen, moralischen Menschen im hohen Grade ans. Vor allem liegt vor den Augen der ganzen Welt die Tatsache klar, daß bereits gegen Ende des siebenten Jahrzehnts des abgelaufenen Jahrhundertes, Rußland und England aus Neid und Mißgunst gegen das kräftig aufstrebende Deutschland den Zorn des gedemütigten französischen Staates dazu ausuützten, feine Revanchhoffnnngen zu beleben und die „Einkreisung Deutschlands" zu beginnen. Dadurch konnte die junge französische Republick, zu welcher damals alle Freiheitsfrennde erwartungsvoll anfblickten, so verhängnisvoll tief sinken, sich mit dem moskowitischen Zarismus, diesem bluttriefenden Tyrannenstaate, innig zu verbinden. In vorausschanender Erkenntnis und zur Abwehr der von dieser Seite den Zentralmächten drohenden Gefahren schmiedete Bismarck im Vereine mit Andrassy das deutsch-österreichisch-nngarische Bündnis, dem sich auch der junge italienische Staat, welcher der deutschen Hilfe seinen ungeheuren nationalen Aufschwung verdankte und der sich lange schon durch Frankreich und England bedroht sah, in seinem eigensten Interesse auschloß, vielleicht schon damals mit dem hinterhältigen Gedanken, dem Bundesgeuosfen bei Paffender Gelegenheit die Treue zu brechen. So entstanden zwei mächtige, mit einander rivalisiereude Staatengruppen, die wohl noch Frieden hielten und den „Status quo“ aufrechtznhalteu Vorgaben, aber in Rüstungen einander überboten. Es entstand jener langjährige „bewaffnete Friede" der immer größere Militärforderungen und materielle Opfer verursachte, die Zollschranken wurden besonders gegen das gegnerische Ansland immer höher errichtet und dadurch der Weltverkehr und damit auch die wirtschaftliche Wohlfahrt empsindlich unterbunden. Wohl wetterte es schon früher bald da, bald dort, insbesondere durch die panslavistischen Agitallonen und durch den Balkankrieg wurden wiederholt höchst kritische Situatlouen für die Weltlage geschaffen, aber erst das Sarajevoer Verbrechen entfesselte den lange schon vorbereiteten Weltkrieg, znm Verdrusse der Entente-Staaten sogar etwas zu früh für dieselben, wie sie nun zugeben. Schon gelegentlich der Kriegserklärung beschuldigte bekanntlich der deutsche Kaiser den Zaren aller Reußen der bewußten Hinterhältigkeit und als die deutschen Heere in Belgien einmarschierlen, was der deutsche Reichskanzler bekanntlich selbst als eine Vertragsverletzung deklarierte, zu welcher die Deutschen dltrch eine ihnen rechtzeitig bekannt gewordene Hinterhältigkeit der französischen und belgischen Kriegsdiplomaten momentan gedrängt feien und welche sie nach dem Friedensschlüsse wieder gut machen wollten, organisierte die belgische Regierung in gewissenloser Weise den Volkskrieg, welcher die deutsche Heeresverwaltung natürlich zu den schärfsten Abwehrmaßnahmen zwang. Das perfide England, dem infolge des Mangels der allgemeinen Wehrpflicht das Kriegführen unglaublich hohe Kosten verursacht, sendete in das bedrängte Belgien und Ostfrankreich durchaus n n g e n ü g en d e Kriegshilfe. Die Gegner der Zentralstaaten setzten ihre ganze Hoffnung ans die gewaltige „russische Dampfwalze", die über Berlin, Budapest und Wien dahinsansen sollte. Da die russischen Heerführer Menschenschonnng nicht kennen, brachen . die russischen Kriegshorden zeitweilig auch rrach Ostpreußen, Galizien, in die Bukowina und sogar in Ungarn ein. Der sehr gelehrige Bundesgenosse und Schüler Englands, das furchtbar moderne Japan, nahm den Deutschen das ferne Kiaotschau weg und der englische Seeriese führte ohne die geringste Rücksichtnahme auf bestehende Verträge und auf neutrale Staaten die vollständige Blokade der Zentralstaaten zwecks A u s h u n g e r u n g ihrer ganzen Bevölkerung durch. Die Entrüstung in Deutschland löste darauf bekanntlich heroische Taten seiner Seemacht im Großen Ozean aus. und es begann der kühne U n t e r s e e k r i e g, der dem stolzen