Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 21 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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I. hat bekanntlich der italienische Botschafter in Wien die Kriegserklärung Italiens überbracht. In derselben wird erklärt, die österreichische Regierung habe den Bündnisvertrag verletzt (?), weswegen die italienische Regierung den Bündnisvertrag für nichtig und wirkungslos erkläre und sie hätte nunmehr die Psticht, „gegen jede gegenwärtige nnd zukünftige Bedrohung zum Zwecke der Erfüllung der nationalen Aspirationen jene Maßnahmen zu ergreifen, die ihr die Ereignisse anferlegen." Der König betrachte sich demgemäß als im Kriegszustände mit Oesterreich-Ungarn befindlich. Durch die energische Aufforderung Oesterreich-Ungarns au die verbrecherische serbische Regierung, sich wegen des angestifteten Prinzenmordes zu Sarajewo zu verantworten mld das Verbrechen voll zu bestrafen, hat also nach italienischer Auffassung Oesterreich-Ungarn den Bündnisvertrag verletzt. Diese Logik und Moral reiht sich inhaltsmäßig au die bekannte russische Erklärung im Juli 1914 au, Oesterreich- Ungarn habe durch das Ultimatum an Serbien Rußland zum Kriege heransgefordert. Italiens wie Rußlands Diplomatie erklärt also klipp und klar,- politische Verbrechen müssen als straflos gelten, sobald sie der Ersüllung ihrer „nationalen Aspirationen" förderlich scheinen. Die italienische Diplomatie zeigt sich übrigens moralisch gar nicht zimperlich, denn sie erklärt in der angezogenen Kriegserklärung, sie sei „fest entschlossen, mit allen Mitteln, über die sie verfügt, für die Wahrung der italienischen Rechte und Interessen Sorge zu tragen". Das verbündete Italien verlangte vom friedsertigen österreichisch-ungarischen Bundesgenossen für die U n t e r l a s s n n g d e s T r e n b r n ch e s nicht nur die sofortige Ueberlassnng des Trentino, einschließlich Triest, Pola und Fiume mit mehreren Adriainseln, sondern auch die Abtretung der M a r i u e st a t i o n e u an der da! m at in ischeu Küste (!), den Verzicht auf jede direkte nno indirekte Einmischung in die Angelegenheiten Serbiens (!!) mid die Freiheit für Italien, seine Interessen im östlichen Mittelmeere gegen die Türkei gemeinsam mit den D r e i v e r b a n d s m ä ch t e n wahrzlinehmen (!!!) und schließlich Handlungsfreiheit für ben kommenden Friedenskongreß, wo Italien sich Vorbehalt, die Sache Serbiens und Belgiens zu unterstützen. Das rnssische Regiernngsblatt „Rjetsch" mag ausnahmsweise mit der Behanptnng recht haben, der italienische Trenbrnch sei in Petersburg perfektioniert worden und Saffanow habe an dessen Znftandekommen das größte Verdienst. Nur der dahinterstehende rnssische Koloß mag den italienischen Bravo zu derart kolossaler Frechheit ermuntert und ermutigt zu haben. Um die sich naturgemäß überall ansdrängende Anschauung zu zerstreuen, die italienische Regierung sei von den mächtigen Ententeregiernngen zu dem schändlichen Umfall gepreßt worden, erklärt nun der „Temps", Italien habe der Entente seine Kriegshilfe freiwillig (?) angeboten, es konnte nur deshalb nicht früher Farbe bekennen, weil es nicht genügend militärisch gerüstet war. Italiens schändlicher Trenbrnch gilt dem „Temps" übrigens als sittliche Größe(!). In der französischen Kammer erklärte der Präsident Deschauel sogar, Rom zeige sich wieder als die B l n tu e der Moral, es stehe jetzt an seinem wahren Platze gemeinsam mit den Vaterländern des Rechtes, des Ideales und des Geistes (??). „Frankreich, das sein Blnt /.i.hi für seine Freiheit (ahnt es dies schon?), sondern für die Freiheit der anderen und für die Ehre Frankreichs vergießt, begrüße brüderlich den Flug der römischen Adler als Vorzeichen des triumphierenden Rechtes (?). Der arme Deschanel sieht wohl schon schlecht, denn er hält einen heißhungrigen Aasgeier für einen Adler. Herr Deschanel erzählt in feiner begeisterten Rede weiter, er fühle, wie von einem Ende der Welt der anderen das Herz zitternder Völker schlügt, er fühle, „wie ein Ausstand des Gewissens des Universums gegen den wahnwitzigen Stolz einer Ra u b ka st e anflodert." Da mag er wohl recht haben. Die Kriegserfolge der europäischen Zentralstaaten in Galizien und Russisch-Polen, die nnnjeßbaren Kriegsschäden der Entente in den Dardanellen nnd die feste Stellung der Deutschen in Belgien und Frankreich, sowie die ungehenren Schäden, welche die deutschen Uuterseebote feindlichen Schiffen bereiten und nicht zuletzt die rasche Aktivität, welche das Landheer und die Marine Oesterreich-Ungarns gegen den treubrüchig gewordenen italienischen Bundesgenossen nun an den Tag legt, mag die Herzen der enttäuschten Völker und mehr noch ihrer fluchbeladenen Regierungen, die den gegenwärtigen Weltbrand entzündet haben, zum Zittern gebracht haben. Aach das Gewissen des Universums wird sicherlich furchtbar gegen den wahnwitzigen Stolz der Ranbkafte der Diplomatie der Enten teftaaten aufodern. Auch die perfide englische Regierung freut sich natürlich über den italienischen Trenbrnch und der englische