Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 19 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, 11., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Unabhängige Heltschnft für jüdische Bezugspreis: Ganzjährig.K 15 — Halbjährig.K 1.50 Administration Aut. 47.654 — K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Rr. 100.918. Interessen. Für Kultusbeamte: Ganzjährig.K 10.— Inserate: — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden $ 1111 u j\. Für Ausland: Abonnements- und JnsertionL- Ganzjährig.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Rubel oder 16 FrcS. Ur. 19. Wien. 14 Mai i«.H5 Inhalt: Zeichnet die österr. Kriegsanleihe. — Zur gegenwärtigen Kriegslage. — Das vierte Gebot. — Feldpostbrief eines Honved-Feldrabbiner» — Ein Tagesbefehl des russischen Generalissimus. — Ein StimmnngsbUd aus Nuisisch-Polen. — Das amerikanische Leben-iiilrrelich.ff. — Der Krieg und die Judenfrage. — Die Schlange und der Verleumder. — Christliche Taliund-Uebersetzungen. — Berichiedene Nachrichten. — Literatur. Zeichnet die psterr. Kriegsanleihe. Zur grgemvärtiyen Kriegslage. Die Hoffnung der Entente durch kriegerische Gebärden und durch großsprecherische Versicherungen über ihre unerschöpflichen Kriegsmittel die Kriegsgegner schrecken und entmutigen zu können, ist zu schunden geworden. Engländer und Franzosen summt ihren interessanten, exotischen Kriegshelfern, die sie oon fernen Kolonien auf den Kriegsschauplatz brachten, konnten nach neun Monaten die französischen Ostgrenzen nicht in ihre Gewalt bekommen und in den letzten Wochen drangen die tapferen Deutschen weiter vor und nähern fick sogar in einer für die Franzosen und besonders für die E n g l ä n d e r geradezu beängstigenden Weise den französischen Seestädten an den engsten Stellen des Aermelkanales. Noch schlimmer sieht es für unsere Feinde im Osten aus. Nachdem die tapferen österreichisch-ungarischen KriegZschaareu Ende März l. I. nahezu die ganze Bukowina wieder der Gewalt der Nüssen entrissen hatten, durchbrachen sie im Vereine mit Reichsdeutschen in der ersten Maiwoche an der Stelle, wo die Beskiden mit den Waldkarpathen zusammenstoßen, die russische Front und zwangen die stolzen Russenheere eilends zurückzugehen. Durch strategisch wohlüberlegte Märsche und richtige Verwendung der Artillerie gestaltet sich nun dieser Frontdnrchbrnch zu einer schweren russischen Niederlage, welche die russische Heeresleitung zwingt, ganz Westgalizien aufzugeben. Nicht, wie das russische Regierungsblatt „Nowo Wremja" zu behaupten beliebte, zum Stehen wurde die russische Bewegung in den Karpathen gebracht, sondern sie wurde gezwungen, in wilder Flucht ihr Heil zu suchen, wenn sie nicht samt und sonders abgefangen oder vernichtet werden wollte. Gleichzeitig wurde von den Deutschen ein erfolgreicher Vorstoß über Mitan gegen Riga unternommen, tvelcher die Russen wohl zwingen wird, ihre Kriegskräfte von Polen nordwärts zu ziehen, ltm ihre Hauptstadt Petrograd vor einer Ueberrnmpelnng zu bewahren. Die Aufbietung des ganzen Laudsturmaufgebotes in Oesterreich-Ungarn, die ungeordnete Nach m u st e r n u g mehrerer bisher nicht zum Kriegsdienste gezogenen Jahrgänge, ferner die zweite österreichische Kriegsanleihe sind wohl geeignet, unsere Kriegsgegner darüber zn belehren, daß Oesterreich-Ungarn noch nicht zaghaft gemacht wurde, vielmehr fest entschlossen sei. seinen erkämpften Kriegsvorteil ausznnützeu, bis mindestens Galizien den Russen Mieder entrissen wurde. Der übermütige russische Riese, der seinen Versicherungen nach „durch besondere strategische Erwägungen einstweilen gezwungen sei, Halt zu machen,“ dürfte bald, wenn das Waffeuglück uns treu bleibt, „durch den Willen des Schicksals" auch geneigt sein, sich zn nntertverfen und Frieden zn machen. Und wenn die russische Dampfwalze nicht nach Wunsch ihrer Verbündeten arbeitet, dann wird wohl Frankreich und England auch bald müde werden, weiterhin für den Zaren so gefährliche Arbeit bei den Dardanellen zn leisten, zumal die tapferen Osmanen auch nicht die gewünschte Furcht zeigen und sich nicht nur zn Lande tapfer und erfolgreich schlagen, sondern auch fortwährend kostbare Schiffe beschädigen und versenken. Vielleicht bricht der Weltkrieg bald unter dem Feuer seiner eigenen Wut zusammen. Vielleicht ist die Menschbeit einem allgemeinen Weltfrieden näher, als sie glaubt. In diesem großen Momente aber, in dem der russische Riese ächzend die Wunde fühlt, die ihm der tapfer geschleuderte Stein des kleinen David zugefügt, darf kein Oesterreicher und kein Ungar die großen und gewaltigen Kriegsopfer unwillig leisten, die das bedrängte Vaterland heischt. Weh den gesegneten Fluren unseres teueren Vaterlandes, wenn unsere tapferen Abwehrscharen nicht mehr imstande wären, die durch den Zarismus verrohten und vertierten rnfsischen Horden von ihnen abznwehren! Alle Einwohner Galiziens und der Bukowina, sowie in Ostpreußen, welche keine Rusfophilen waren, können darüber haarsträubende Berichte liefern. Besonders die patriotisch gesinnten und demokratisch gearteten Juden daselbst hatten den bestialischen Haß des Zarismus auf sich gezogen und seinen Barvarismus bis zur Neige ansgrkvstet. Für die Inden gibt es auch im weiten Zarenreiche keine Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit. Ueber sechs Millionen Juden werden daselbst wie die Parias hin- und hergelrieben, unter bestialische Ausnahmsgesetze gestellt und trotzdem wird Gut und Blut fürs Vaterland in weit höherem Maße von ihnen gefordert als von den andern Russen. Wir österreichischen und ungarischen Inden sind als solche nicht nur berechtigt, sondern moralisch verpflichtet, unseren vollen Haß gegen das moskowitische Zarentum zn richten und derjenige tvirklich jüdisch fühlende Oesterreicher oder Ungar, der nun berufen wird, bei der exemplarischen Züchtigung des barbarischen Zarismus mitzutun, kann wahrlich stolz darauf sein.