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Die Wahrheit · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Bor Ausbruch des gegenwärtigen gigantischen Krieges gab es in allen europäischen Staaten bürgerliche und proletarische Verbindungen und Partejeu. welche eifrig und energisch gegen die Uebermacht der staatlichen Bnreaukratie ankämpften. Jeder Ministerialerlaß wurde mißtrauisch erörtert und bekämpft, sobald sich nur eine Handhabe dazu bot. Mil Ausbruch des Krieges aber waren alle Parteien darin einig, die Staatsgewalt zu kräftigen und sich begeisternngsvoll unter die Fahnen der kampfbereiten Heere zu scharen. Selbst die sonst immer grollenden Sozialdemokraten, die gestern noch mit aller Energie in allen Staaten den Kriegsausbruch bekämpft und den Militarismus als größtes Uebel erklärt hatten, bekehrten sich nun, nachdem die Würfel gefallen waren, mit den größten Patrioten um die Welte, überall zu überzeugten Verteidigern ihres Vaterlandes. Tatsächlich war die Staatsgewalt in den europäischen Staatsverbänden und die Macht ihrer Lenker niemals so groß, wie dies gegenwärtig der Fall ist. Alle Staatsbürger, ohne Ausnahme, finden sich sogar mit der durch den Krieg hervorgerufenen Verminderung und teilweisen Aufhebung der Staatsbürgerrechte, ohne Murren ab, selbst die Sozialdemokraten plädieren nun für ein st a a t l i ch e s G e t r e i d e m o u o p o l und die staatliche Beschlagnahme aller G el r e i d e v o rr ä te, was im Deutschen Reiche bereits durchgeführt erscheint. Die Staatsgewalt kann wohl mit dieser bereitwilligen Stärkung ihrer Macht zufrieden sein und sollte sich nicht einen Augenblick besinnen, tüchtig zuzugreifen. Der willkürliche Wucher mit den notwendigen Lebeirsmittelu und unentbehrlichen Gebranchsgegenständen ist schon in Friedenszeiten schädigend und aufreizend und kein Freiheitsfrennd würde gegen die gesetzliche Beschränkung der Ausbeuterfreiheil in dieser Richtung etwas einwenden. Während der Kriegsnot ist aber die äußerste Energie gegen die gewissenlosen Hyänen der Gemeinschaft geradezu heilige Pflicht der öffentlichen Staatsgewalt. Die Hoffnung ist wohl berechtigt, daß dies geschehen werde und daß sich eine dünne Ausbeuterschichte in diesen harten Tagen nicht als mächtiger entpuppen werde als der Staat. Auf diese Weise dürfte der Staat in diesen Kriegszeiten die Kraft erlangen, noch manch andere, derzeit noch mächtige Parasiten der Gemeinschaft zu schwächen und zu besiegen. In Oesterreich-Ungarn erkennen es alle Völker an, daß uns dieser Krieg a u f g e z w n u g e n wurde, obgleich leider dieses Bekenntnis nicht in den gesetzlichen Vertretnngskörpern zum Ausdrucke kam. Wir haben auch alle Ursache, zu hoffen, daß „die große Zange" nicht so fungieren werde, wie es unsere Feinde wünschten und erwarteten. Die begeisterten Heere der mitteleuropäischen Verbündeten ließen es bisher durch ihre beispiellose Tapferkeit nicht zu. daß sich die Hebel der langen Heere schließen und die inzwisch eniiegendeu mitteleuropäischen Gebiete zermalmen, sondern diese Hebel wurden nach sechs Monaten noch weiter auseinandergetrieben. Wenn es die gütige Vorsehung weiter fügt, wie bisher, dann ist auch die Hoffnung berechtigt, daß die furchtbare feindliche Zange bald auseinander gerissen werde. Dann doppelt wehe den Besiegten, denn ihre gewisseulosen Kriegshetzer, die das ganze Unheil arglistig entfacht haben, werden mit dem tansendfacheu Fluche der unzähligen Opfer des Krieges belastet werden. In jedem Falle wird die Macht des Staates nach diesem Kriege ungleich höher dastehen, ivie früher. Dieser schreckliche Weltkrieg hat der Menschheit eben die Bedeutung der Staatsorgauisarion erst in ihrer vollen Bedettknng gezeigt und in höherem Grade als früher fühlt sich der Einzelne als Glied in der großen Kette. Selbstsüchtiger Raubbau am Staatsgauzeu erscheint jetzt als ein viel fluchwürdigeres Verbrechen als früher und der einzelne Staatsbürger weicht im allgemeinen mehr als früher vor der fnrchlbareu Verantwortlichkeit einer führenden Stellung im Staate zurück. Man wird nun der ausfnhrenden Staatsgewalt ohne Zweifel mit größerer Achtung und Bereitwilligkeit entgegenkommen, aber eben n u r der Staatsgewalt, nicht aber der Person, welche die Vorteile der Staatsgewalt als ein Privilegium genießen will. Mit unberechtigten Vorrechten und Privilegien dürfte nach diesem echt demokratischen Kriege überhaupt gewaltig aufgeräumt werden, denn mau wird nicht wieder vergessen, daß er durch das ganze Volk aus gekämpft ivurde. Gar manche staatliche Maßnahmen, die gegenwärti'g nur durch die Kriegsnot ins Leben traten, dürften nachher auch im Frieden ständige Einrichtungen werden. Nicht nur in den unteren Volksschichten, auch innerhalb der oberen Zehntausend, den bisherigen eigentlichen Inhabern und Nutznießern des Staatsgebäudes, wird die Hochhaltung und Wertschätzung der Majestät der Staatsgewalt endlich siegen und dann erst wird dieselbe ihre ihr gebührende Stellung einnehmen. Steht der Staat dann auf breiter, demokratischer Grundlage, bildet er in Wahrheit die verhältnismäßig richtige und gerechte Versorgung aller seiner Teile und

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