Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063862-3063867--09425-3076676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: AuakHängige Heitschrifk für jübische Bezugspreis: Ganzjährig.K 15 — Halbjährig.K 7.50 Administration 4938 il. K. k. österr. Postsparka ssa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Interesse«. Für Kultus beamte: Ganzjährig .K 10. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreit«g. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig.8 Mark betrüge sind in Wien zahlbar und.klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder 16 FrcS. Nr. 5. ien, 29 Jänner 1915. Inhalt: Russische Arglist. — Der Anteil der Inden am Kriege. — Zur Landsturmpflicht der jüdischen Kantoren. — Dr. Joh Mich. Szeberiny. — Zum 25. Todestage Salomon Sulzers. — Jüdisches Knegsarchiv. — Verschiedene Nachrichreu. — Lesterr.-ungar. Kauloren-Berelii. — Wohltätigkeitsaktion des Oesterr.-ungar. Kantoren-Bereines. Russische Arglist. Vor kurzer Zeit wurde iu einer russischen Zeitung gegen das verbündete England die Drohung ausgesprochen, daß Rußland für den Fall, als es nicht ausgiebigere finanzielle Hilfe von England erhalte, mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn einen Separatfrieden schließen würde, da es allein die nngehettren Kriegsmittel nicht weiter aufbringen könne. Alle Welt weiß, daß in der russischen Presse allezeit nur das veröffentlicht werden konnte, was der russischen Regierung genehm war und umsomehr ist dies jetzt, während des Krieges, der Fall. Der Zar und seine engere Umgebung scheinen eben schon langsam zn begreifen, daß das schließliche Kriegsglück doch nicht unbedingt an überlegene Heeresmassen gebunden sei. Der nun nach 'sechsmonatlichen ungeheuren Kriegsanstrengnngen erzielte geringe Erfolg in den nordöstlichen österreichischen Provinzen und die keineswegs geringen Verluste in Russisch-Polen und im Kaukasus sind mindestens geeignet, den anfänglichen russischen Optimismus zu erschüttern, besonders wenn die Tatsache in Rechnung gezogen wird, daß auch das verbündete Frankreich trotz der riesigsten Anstrengungen nicht vermag, die deutschen Heere ans seinem Reichsgebiete wieder znrückzuwerfeu, Belgien nahezu ganz unter deutschem Regime steht und auch das großsprecherische England keine entscheidende Kriegshilfe bringt. Angesichts der in den Schützengräben des Kriegsschauplatzes im europäischen Westen anfgetanchten Erscheinungen einer Verbrüderung der gegeneinander kämpfenden Heere mag dem russischen Bären wohl schwül werden und vor einer endgiltigen Niederlage iu diesem Weltkriege grauen. Vielleicht denkt der Zar-Tyrann an ein Ansleben des vor 100 Jahren entstandenen Dreikaiser-Bünomsses der sogenannten „Heiligen Allianz" zum Zwecke der Erdrückung aller Volksrechte und Freiheiten. Er könnte wohl von Deutschland und Oesterreich- Ungaru in dieser Richtung Hilfe brauchen und versucht es, die anderen europäischen Kaiser zn seinem Programme zu bekehren. Aber, da wird der Zar wohl auf Stahl beißen. Das Deutsche Reich hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wahren Rechtsstaüte entwickelt. Alle Behörden halten die Gesetzlichkeit hoch und die Machthaber respektieren die erworbenen Rechte des Volkes ebenso wie ihre eigenen. Die bewiesene Staatstrene der ehemals als „vaterlandslöse Gesellen" arg verfehmten Sozialdemokraten in Deutschland und Oesterreich-Ungarn in diesem schrecklichen Völkerriugen muß kluge und einsichtige Regierungsmänner wohl abhalten, auch ferner noch nur die besitzenden und einstußreichen, dünnen Volksschichten als die Träger und Stützen des Staates anznsehen. Daß diese Ueberzengung in Regierungskreisen bereits durchbricht, beweist eine Rede des reichsdeutschen Führers der Konservativen, die er am 17. d. M. in Magdeburg gehalten hat. Er sagte n. a.: „Der Frieden darf nicht nur ein Frieden der D i p l o m a t e n k u n st sein, sondern eine r, b e u das ganze deutsche Volk versteht und billig t." „Nichts wäre furchtbarer, als wenn dieser gewaltige Krieg ansginge mit einer Enttäuschung für unser Volk." „Die Zerklüftung unseres Vaterlandes ist mit dem Kriege verschwunden; es wäre ein außerordentlich großer Gewinn, wenn aus diesem Ringen so manches von dem nicht wiederkehren würde, was wir vorher gegeneinander gehabt haben." „Gewiß, die wirtschaftlichen, sozialen und beruflichen Gegensätze werden bleiben, aber ändern kann ltnb muß sich dieA r t, in der man einander gegen ü b ertri tt." „Manches, was man nicht für möglich gehalten hatte, ist nun als innere Wahrheit erkannt und bei der Kritik oder beim Tadel werden wir uns nach dieser Feuer- und Blnttaufe sagen müssen, daß wir jetzt anders zu einander steh en." „Man. wird niemals vergessen, daß der Gegner einst das deu t s che V a ter l an d m it verleid igt hat." Die angeführten Ausführungen treffen auch vollinhaltlich in unserem österreichisch-ungarischen Baterlande zn und alle nicht bornierten Geld- und Gebnrlsaristokraten müssen ihrem reichsdentschen Standesgenossen v. Heydebrand znstimmen. Die jünst stattgefundene Veränderung im österreichischungarischen Ministerium des Aenßeren und Zeitungsmeldungen über einen bevorstehenden Wechsel im österreichischen Minister- Präsidium deuten darauf hin, daß die v. Heydebrandschen Ansichten auch bei uns dnrchgreifen. In Deutschland beschäftigt man sich bereits mit den Folgen eines vorzeitigen Separatfriedens mit Rußland. Der deutsche Weltpolitiker Dr. Paul Rahrbach warnte jüngst in seiner Zeitschrift „Das größere Deutschland" vor einem solchen vorzeitigen Separatfrieden mit Rußland, der für Deutschland in einigen Jahrzehnten nur einen noch gefährlicheren Vernichtungskrieg brächte. Ein Bündnis Deutschlands mit Rußland würde elfteres zu einem Werkzeuge der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.