Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Seite 6 Pie Wahrheit. sagen, ausschließlich dem Staate obliegen, freiwillig auf uns i nehmen wollen. So ausgeprägt und intensiv das,.Gemein- , bewußtsein. die Gemeiubürgschaft, bei uns Inden ist, in j dieser Frage konnten und durften wir in keiner Weise den i Standpunkt verlassen, daß es Sache des Staates ist, in! auskömmlicher Weise für diejenigen zu sorgen, die durch den Krieg und infolge desselben von Haus und Hof gewissermaßen expropriiert wurden; daß unsere Gemeinde sich den diesbezüglich ihr obliegenden Pflichten nichl entzogen hat und auch nicht entziehen wird, das hat sie bereits bewiesen und das wird sie auch, so weit es ihr möglich sein wird, auch fernerhin beweisen. Ich möchte zum Schlüsse nicht so sehr der eingehenden Erörterung, als der.Berührung einer Frage nicht aus dem Wege gehen, welche sich sowohl mit Rücksicht auf den Schuldeustaud, den wir aus dem Jahre 1914 in das kommende Jahr hinübernehmen als auch wegen des sich für das Jahr 1915 sich ergebenden Defizitpräliminares anfdrängt. und zwar, in welcher Weise sollen diese Fehlbeträge ihre Bedeckung finden? Diesbezüglich sind meines Erachtens mehrere Wege gangbar. In erster Reihe läge es nahe, sich des Mittels zu bedienen, welches die Statuten § 96 Abs. 3 an die Hand geben. Ich könnte diesen Weg unter den obwaltenden Verhältnissen nichl empfehlen, und glaube die Gründe hiefür nicht weitläufig auseiuandersetzen zu müssen. Ein zweiter Weg wäre der, an unsere in günstiger Vermögenslage sich befindlichen Glaubensgenossen mit einem Apell heranzutreten, welcher meines Erachtens bei der bekannten Opferwilligkeit derselben nicht unerhört bleiben dürfte. Der dritte Weg endlich wäre die Aufnahme eines größeren Darlehens, ein Weg, der meines Erachtens schon aus dem Grunde der richtige sein dürfte, weil wir für eure Anzahl dringender Herstellungen ohnehin diesen Weg werden betreten müssen, ob noch andere Mittel und Wege möglich sind und welcher derselben eingeschlagen werden soll, das wird Sache reiflicher Erwägung bilden, und soll jedoch heule schon aus dem Grunde nicht zur Besprechung kommen, weil wir einen Zeitpunkt abwarten müssen, in dem diese für unsere Gemeinde hochwichtige Frage mit Ruhe und in Ruhe wird erörtert werden können und erörtert werden müssen. Der heutige Zeitpunkt ist hiezu absolut nicht geeignet und wenn ich die Frage berührt habe, so geschah es hauptsächlich deshalb, weil ich es für richtig gehalten habe, bei Besprechung des Budgets derselben nicht ans dem Wege zu gehen. Sehr geehrte Herren! Wir haben das Budget reiflich erwogen und genau geprüft; dasselbe kann als der Zeitlage entsprechend bezeichnet werden und ich erlaube mir dessen Annahme zu empfehlen. Es erübrigt mir, bevor ich schließe, uoch die Pflicht: 1. Unserer Sympathie für unsere im Kriegsdienste stehenden und für die Ehre und den Sieg unseres geliebten Vaterlandes tapfer kämpfenden Beamten und den besten Wünschen für dieselben Ausdruck zu geben; 2. Dank zu sagen allen unseren Beamten, welche seit Beginn des Krieges freiwillig und selbstlos die Arbeiten der in das Feld eingerückten Kollegen auf sich genommen und diese Arbeiten mit Opfern an Zeit und Kraft in vollständig befriedigender Weise ausführen. Ich sage speziellen Dank dem Bureau, bei welchem ich bei der Zusammenstellung des Budgets und dessen Besprechung Unterstützung gefunden habe. Ich wiederhole meinen Antrag, die vorliegenden Voranschläge annehmen zu wollen." (Lebhafter Beifall.) Nachdem der Vorsitzende unter allgemeiner Zustimmung des Plenums dem Referenten Dank und Anerkennung für sein ausgezeichnetes Referat abgestattet, stellt Dr. Jakob Engel den Antrag, mit Rücksicht auf die erschöpfenden Ausführungen des Referenten von einer Debatte abzuseben und de« Voranschlag en bloc anzunehmen. Emaunel Grünwald plädiert für eine Erhöhung der Subvention für die Talmnd-Thora-Schule im XXI. Bezirke. ........ Dr. Heinrich Schreiber unterstützt den Antrag Dr. Engel mit Rücksicht auf die außergewöhnlichen Zeiten. Vertreter Salo E o h n bedauert, daß die Gemeinde keinen Reservefonds angelegt hat, ans welchem die Ansprüche so außergewöhnlicher Zeiten befriedigt werden könnten. Der vom Redner gestellte Antrag auf Kürzung des Präsidialfonds wird nach kurzer Debatte, an welcher Vizepräsident Dr. Kohn. der Budgetreferent Dr. Leopold Kohn und der Präsident teilnehmen,' vom Antragsteller zurückgezogen. Hierauf wird das Budget pro 1915 en bloc einstimmig angenommen. Karl Goldmark. Samstag, den 2. Jänner, ist der bedeutendste der jetzt lebenden Tondichter Oesterreichs, Karl G oldmark, im 83. Lebensjahre gestorben. Der greise Meister hat sich bis fast in die letzten Lebensstunden eine seltene, geradezu jugendliche Spannkraft und Arbeitsfreude bewahrt nud daher wird trotz seines hohen Alters, die Nachricht von seinem Tode vielen vollkommen unerwartet gekommen sein. Goldmark.war der Sohn des berühmten Chase» „Simche Ruwen", ein Schwager des seligen Oberkantors Professor Friedmann -in Budapest,.und die alten traditionellen Weisen, die ihm im Elternhaus. ins Ohr. klangen, sind gewiß nicht ohne Einfluß auf .seine.Kunst geblieben.. Seinem Glauben und feinem Stamme tren bis an sein Ende, besaß er die - Charaktergröße, die Sonderart und aparte Schönheit nationaler Musikempfindung nicht nur nicht zu verleugnen, sondern mit Bewußtsein zn'höher stilisierter Knnstform durchzubilden. Dies gibt seiner Musik den Ausdruck voller Wahrheit und den bestrickenden Zauber echter Natürlichkeit. Am schönsten kommt dies in der „Königin von Saba", derer seinen Weltruhm verdankte, zur Geltung. Ueber die hohe Bedeutung seines künstlerischen Schaffens und seiner ursprünglichen Werke wollenwir uns hier nicht weiter verbreiten, sie sind bei wiederholten Gelegenheiten nud auch in den letzten Tagen anläßlich seines Heimganges an anderen Stellen eingehend gewürdigt worden, aber die persönlichen Erinnerungen .seines .Neffen, des bekannten Musikschriftstellers Ludwig K a r p q t h, . eines Sohnes des seligen Budapester Oberkantors Professor Friedman n, die wir nachstehend nach dem „N. W. Journal" wiedergeben, dürften unseren Lesern willkommen sein. Karl Goldmark war äußerlich ein ungemein bescheidener und liebenswürdiger Mensch. Er war sich jedoch seines inneren Wertes vollständig bewußt, und was als übermäßige Bescheidenheit ausgelegt wurde, war in Wirklichkeit nichts als unbändiger Stolz. Er hat es während seiner ganzen Laufbahn, die wohl sehr reich an Dornen war, stets verschmäht, sich irgendeiner Partei anzuschließen, hat es von jeher verabscheut, im Cliqnentum zu leben und war jeder persönlichen Reklame derart abhold, daß er alle Ansuchen, die selbstverständlich von vielen Seiten an ihn gerichtet wurden, Daten über sein Leben für Nachschlagewerke zu geben, mit Entrüstung ablehnte. Goldmark stand immer auf dem Standpunkt, daß ein schaffender Künstler in seinen Werken lebe, und daß der Maßstab au diese anzulegen sei. Er war immer der Meinung,, daß, wer seine Persönlichkeit lerueu wolle, sich eben iu seine Werke vertiefen müsse. Trotzdem hat er nie einen Finger, gerührt, daß ein Werk von ihm .aufgeführt werde. Was nicht spontan von anderer Seite geschah, war eben nicht geschehen. Oft und oft hat sich Goldmark bitter beklagt, daß er vernachlässigt werde, doch um keinen Preis der Welt hätte er persönlich eingegriffen, um seine Wünsche zu verwirklichen,, was ihm doch sicher ein Leichtes gewesen wäre. Ich, als sein Verwachter, und sein vertrauter Frenpd^ habe ihm oft nahegelegt, welliger spröder zu sein, habe . ihm.