Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 2. Weltkrieg ausbrechen konnte, das ist eine große moralische Schuld insbesondere unserer Gegner. Schon seit Jahrhunderten entstanden Staatenbündnisse, aber nicht zum Zwecke der Hebung des Fortschrittes und der Völkerfreiheit, sondern jeder einzelne Staat ließ sich hiebei ausschließlich von selbstsüchtigen Motiven leiten. Nur brutale Machtfrageu waren maßgebend und die zünftige Diplomatie schreckte vor Verrat und Vertragsbruch nie zurück, sobald dies den Interessen des eigenen Staates nützlich schien. Ans diese Weise wurde Rechtlichkeit und Treue, Wahrheit und Billigkeit im Völkerverkehre immer mehr ausgeschaltet. Es ist ein Glück für die Menschheit, daß ihr größter Teil von diesem Treiben keine Kenntnis erlangte, denn wenn dies geschehen wäre, daun wäre längst schon aller rechtlicher Sinn, jedes gewissenhafte Verantwortlichkeitsgefühl ausgemerzt, weil erfahrungsgemäß die unteren Volksschichten die Uebnngen und Anschauungen der maßgebenden Leute kritiklos nachahmen und annehmen. Die führenden Personen nnd Volsschichten waren daher auch immer darauf bedacht, ihre oft unlauteren Beweggründe vor den Blicken der Oeffentlichkeit zu verdecken und edlere Motive vorznschieben. Es würde wohl zu weit führen, wollte man diese Behauptung durch die ganze Weltgeschichte hindurch beweisen, aber nur ein Rückblick auf das letzte Lustrum kann den unumstößlichen Beweis erbringen, daß die morallose europäische Weltpolitik selbst au dem gegenwärtigen Weltbraude schuld ist. Vor fünfzig Jahren schämte sich z. B. schon das perfide, gewinnsüchtige britische Reich nicht, mit den Chinesen den berüchtigten Opiumkrieg zu führen und der französische General Graf Palikao stahl damals im Pekinger Palaste einen goldenen Löwen. Der ärgste Feind der Türkei war im letzten Jahrhundert bekanntlich der russische Staat, der sich als Erde des ehemaligen ottomanischen Reiches betrachtete und all sein Trachten ans die Erlangung von Konstantinopel richtete. Frankreich und England waren sicherlich auch keine ehrlichen Freunde der Türkei, aber da sie Rußland als Gegner mehr fürchteten als die Türkei, so stützten sie den letztgenannten Staat und schufen die Dardanellen und den Bosporus zu einem für Rußland uuübersteiglichen Hindernis, um im Mittelländischen Meere Macht zu erlangen. Die zunehmende Bedeutung Deutschlands und Oesterreich-Ungarns bestimmten die Westmächte zur Schaffung und Förderung der Balkanstaaten, um zu verhlndern, daß Rußland und Oesterreich-Ungarn das Erbe des in Europa zerfallenden osmanischen Staates antrelen. Hochtrabende Motive, wie Bölkerbefreiung, Fortschritt und Zivilisation, mußten herhalten, um die eigentlichen, höchst prosaischen Beweggründe der Balkanpolitik zu bemänteln. Bei der Schaffung des Königreiches Rumänien z. B. waren im Berliner Frieden alle europäischen Großmächte als Garautiemächte dafür unterschrieben, daß auch die jüdischen Einwohner daselbst unter keinem Ansnahmsgesetz belassen werden, aber keine Katze rührte sich, als der Vertrag nicht eingebalten wurde. Kein Staat rührte sich, als im Belgrader Konak die serbische Königsfamilie ermordet wurde und der Nutznießer dieses Mordes konnte sich die Königskrone aufs Haupt setzen, obgleich er dem Morde nicht ferne stand. Nnr eine Zeit lang zauderten England und Rußland, diesen neuen König anznerkennen. Das ganze enropische Staatenkonzert duldete es. als der absolut und tyrannisch regierende Zar Nikolaus II. in Holland den Friedenszar mimte und ein europäisches Schiedsgericht zu gründen vorgab, um Kriege zu unterdrücken. Dabei erklärten die Pächter aller Staatsmoral, alle politischen Bedrückungen, Verfolgungen und Morde, alle blutigen Unterdrückungen sozialer Bestrebungen, alle Judenverfolgungen und Pogrome in Rußland als innere Angelegenheiten Rußlands, die niemand anderen kümmern. Auch das kulturverbreitende und völkerbefreiende England rührte deswegen keinen Finger. War es dann wunderlich, wenn in der Völkerpolitik zuletzt auch das Verbrechen zulässig erschien? Der gegenwärtige Weltkrieg ist nur die natürliche Folge der völligen Ausschaltung der Moral ans der europäischen Diplomatie. Die Zeichen mehre» sich, gottlob, daß das Ende desselben herannaht. Schon wird Warschau hart bedrängt, schon wankt der russische Riese, schon ist auch die Durchbrechung der Kämpferreihen der verbündeten Franzosen nnd Engländer durch die tapferen Deutschen in Sicht. Die Ströme Blutes wären aber resnltatlos verflossen, die ungeheuren Opfer vergebens gebracht, wenn die geschilderte morallose Weltpolitik auch nach diesem Kriege noch getrieben werden dürfte, wenn Staatenverbände auch ferner noch ausschließlich als Mittel zur Lösung brutaler Machtfragen dienen sollten. Durch Siaatenbündnisse müssen in. Hinkunft mutwillige Kriege, Bölkerbedrücknng nnd Gesetzlosigkeit ü b e r a l l, nicht nur im eigenen Bereiche, unmöglich werden. Sie müssen Hüter der Völkermoral und dadurch der allgemeinmenschlichen Moral werden und jeden Vertragsbruch, jede verbrecherische Gewalttätigkeit in der Handhabung der Politik sofort exemplarisch bestrafen. Nur ein solches Uebereinkommen der siegenden Mächte vermag künftig neue Kriegsnrsachen im Keime zu ersticken und eine lange Aera eines glücklichen Friedens einznleiten. Gebe Gott, daß Regierungen und Völker endlich diese Wahrheit erfassen und ansführen zum Hei.le aller Völker und Staaten, znm Glücke und Frieden der Menschheit! Das Dndget der Wiener Katlnsgerneinde Es darf als ein Beweis der musterhaften. Verwaltung der Wiener Knltnsgemeinde gelten, daß trotz der großen Belastung der Bnreans, die die Keiegszeiten und insbesondere der durch die Einberufung vieler Beamter verringerte Status der Beamtenschaft mit sich bringt, das auf einige Millionen sich belaufende Budget auch heuer rechtzeitig fertiggestellt nnd, wie alljährlich, knapp vor J chresschlnß der Voranschlag pro 1915 in der unter dem Vorsitze des Präsidenten Doktor Alfred Stern am 39. Dezember 1914 stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung dem Plenum zur Beschlußfassung vorgelegt werden konnte. Nach Erledigung des Einlaufes erstattete der Referent, Vertreter Dr. Leopold Kohn, nachfolgenden Bericht: „Die Voranschläge der Einnahmen nnd Ausgaben unserer Knltnsgemeinde, über welche ich Ihnen heute zu berichten die Ehre habe, sind wesentlich veinflußt durch die schwerwiegenden, in ihrer Folge mit) in ihrer Tragweite unberechenbaren Ereignisse, deren Zeugen wir sind, die sich vor unseren Angen vollziehen. In einer Zeit und unter Verhältnissen, wo in jedem Betriebe der verläßliche Maßstab für die wirtschaftliche Bewertung von Soll und Haben fehlt, mußten wir bei Aufstellung des Budgets und dessen einzelnen Bestandteilen darauf Bedacht nehmen, ein solches Budget vorzulegen, wo wir uns eher eines Fehlers nach unten als nach oven schuldig machen und uns nicht einer nach jeder Richtung hin unangenehmen Enttäuschung anssetzten. Dieser Auffassung entsprechen die vorliegenden Voranschläge, die mit möglichster Vorsicht behandelt und festgelegt wurden nnd bitten wir, unter diesen Gesichtspunkten die Vorlage zu prüfen nnd zu behandeln. Die Gesamteinnahmen sind präliminiert mit dem Betrage von L3.185.806.09, die Gesamtausgaben mit K 3,507.048.91. Das Defizit beträgt daher K 321.242.82. Gegenüber dem Vorjahre, in welchem bas Defizit mit K 35.680.77 präliminiert. war, ergibt sich pro 1915 ein um K 285.562.05 höheres Defizit als dies pro 1914 präliminiert war, wobei nicht zu übersehen ist, daß die Hauptreserve pro 1915 nur mit K 100.000.^-, also mit K 50.000.— niederer angenommen wurde, als im Voranschläge für das Jahr 1914. Das Defizit ist wesentlich herbeigeführt durch vorsichtiges