Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 47 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6 Die Wahrheit Nr. 47 Das Kote Kren; and der Antisemitismus Wie der stellvertretende Militärinspektor der freiwilligen Krankenpflege im Deutschen Reiche Fürst Hatzfeld, so hat auch der Vorsitzende des Zentral-Komitees des preußischen Landesvereius vom Roten Kreuz, Generalleutnant v. Pfnel, in einem vom 21. Oktober datierten Erlaß, der sich au eine mit den Notabeln der Berliner jüdischen Gemeinde gepflogenen Unterredung anschloß, die antisimitischen Bestrebungen innerhalb des Roten Kreuzes verurteilt. Der vom Hamburger „Jsr. Familienbl." mitgeteilte Erlaß lautet: „Zentral-Komitee des Preußischen Landesvereius vom Roten Kreuz. Schon mehrfach sind Beschwerden laut geworden über eine kränkende Behandlung von Angehörigen des israelitischen Glaubens durch Mitglieder des Roten Kreuzes in Berlin. Nicht nur in den ersten bewegten Tagen der Mobilmachung seien solche Fälle vorgekommeu, sondern bis in die letzten Tage. Diese Fälle haben sich nun zu bestimmten ernsten Anklagen verdichtet, die heute von maßgebenden Vertretern der hiesigen israelitischen Gemeinde bei uns-in glaubwürdigster Weise erhoben worden sind. Es handelt sich beispielsweise darum, daß Bittsteller bei Bejahung der Frage, ob sie Israeliten seien, den Bescheid erhielten, sie möchten sich au teils schon im Frieden vorhanden gewesene, teils erst für den Krieg geschaffene israelitische Anstalten und Vereine wenden. Diese Mitteilungen haben uns anfs peinlichste berührt. Das Rote Kreuz ist interkonfessionell, die in Erscheinung getretenen Zeichen von Unduldsamkeit widersprechen vollkommen seinem Geiste und ebenso der Allerhöchsten Willensmeinung unseres erhabenen Protektors, Sr. Majestät des Kaisers und Königs. Eine Erklärung für diese Vorkommnisse ist vielleicht in dem Umstande zu finden, daß seit Ausbruch des Krieges das Rote Kreuz in großer Zahl von Damen und Herren bei der Arbeit unterstützt wird, die seinen Vereinigungen nicht angehören und mit seinen Grundsätzen daher weniger vertraut sind. Jedenfalls aber tritt au alle unter dem Roten Kreuz tätigen Damen und Herren die dringende Pflicht heran, dafür Sorge zu tragen, daß bei ihrer Arbeit niemand in seinem religiösen Empfinden verletzt wird. Wir Deutsche wollen doch zu Hause in der Erfüllung unserer großen Aufgaben der Nächstenliebe ebenso einig zusammenstehen, wie unsere Kriegsmacht draußen. Der Vorsitzende: gez. v: Pfnel." Wie unangenehm durch diese Stellungnahme der maßgebenden Persönlichkeiten die Antisemiten berührt werden, beweist der Kommentar, mit welchem die „Deutsche Wacht" das Schreiben des Fürsten Hatzfeld begleitet. Sie knüpft daran folgende Bemerkung: „Fürchterlich! Uns scheint es aber vielmehr, als müsse man es sehr bedauern, daß Fürst Hatzfeld als „Inspektor" des Roten Kreuzes sich philosemitisch zu betätigen sucht." . Uotstandsarbetten in Palästina. Es ist bereits in den Blättern berichtet worden, daß der Jüdische Nationalfonds in der schweren wirtschaftlichen Krise seit Ausbruch des Krieges imstande war, Bedeutendes für die Verproviantierung der jüdischen Bevölkerung in Palästina zu leisten. Mit den großen Getreidevorräten seiner Farmen wurden nicht nur die Städte Jerusalem, Jaffa, Haifa, sondern auch Kolonien wie Petach-Tikwah, Rischon le Zion, En-Gauin, En Chai rc. versorgt, während aus der Nationalfondsfarm Ben-Schemen täglich große Quantitäten Milch nach Jaffa geliefert wurden. Es bleibt aber eine andere, ebenso große Aufgabe zu erfüllen, mit der sich eine jüngst stattgefundene Sitzung des Nationalfondsdirektoriums eingehend befaßt hat. Sofort nach Ausbruch des Krieges drohte infolge Anfhörens der Geldzuflnsse ans dem Auslande, der geringen Goldvorräte bei den Banken und Requirierungen für die Mobilisierung eine verheerende Arbeitslosigkeit in den Städten und Kolonien. Dank dem Eingreifen der amerikanischen Jndenheit, die durch ihre Vertreter beträchtliches Barmittel nach Palästina sandte, wurde die größte Gefahr abgewendet und auch die Arbeitslosigkeit zumindest für einige Zeit gebannt. Zn seinem Teile hat auch der Nationalfonds erheblich beigetragen, indem er seine Betriebe nicht nur in vollem Umfange aufrecht erhielt, sondern auch die für die Hochsaison aufgenommenen Arbeiter weiterbehielt nnd sie mit außerordentlichen Arbeiten, wie Errichtung von Arbeiterhänsern, Wegbanten etc. zu beschäftigen suchte. Es ist zu hoffen, daß die amerikanischen Inden, die sich in so weitherziger Art ihrer Brüder annahmen, auch weiterhin an der Spitze des Hilfswerkes sein werden. Allein, um die ungeheure Not, besonders aber die Arbeitslosigkeit — die größte, weil auch moralische Gefahr — vom neuen und soweit als möglich, auch vom alten Jischnb dauernd fernznhalten, ist es unbedingt geboten, daß alle maßgebenden jüdischen Faktoren in gleicher Richtung wirken. Getreu dem alten Prinzip des Nationalfonds, nicht Philanthropie zu üben, sondern Arbeitsgelegenheit zu schaffen, hat die letzte Direktorinmssitznng des N. F., auf Grund der vom Palästina-Amt vorgelegten Berichte und nach Beratung mit dem anwesenden Leiter der bantechnischen Abteilung des Palästina-Amtes, beschlossen, eine besondere Aktion z n r Beschaffung von Mi t t e l n für die Ausführung von N o t st a n d s a r b e i t e n in Palästina einznleiten. Bekanntlich geht jetzt in den vom Kriege betroffenen Ländern das allgemeine Streben dahin, durch Notstandsarbeiten von Staat nnd Gemeinde der umsichgreifenden Arbeitslosigkeit za begegnen. In Palästina haben die Notstandsarbeiten des Nationalfonds noch eine ganz besondere Bedeutung. Die bereits vordem Kriege mit Hilfe des A r b e i t e r h e i m st ä t t e n f o n d s für die Jemeniten errichteten Arbeiterfamilienhänser samt dem dazugehörigen Gartenland für Gemüse etc. haben sich nach allgemeinem Zeugnis durchaus bewährt, dermaßen, daß der Nationalfonds im Begriffe war, diese Familienhänser und zwar kleinere um den Betrag von Frcs. 1000.— nnd größere um Frcs. 2000.—, auch für die aschkenasischen Arbeiterfamilien zu errichten. Die verschiedenen Versuche in Palästina sowohl, wie die Studien des Bauleiters des Palästina-Amtes in Europa, führten zu einer Methode, die die' Erbauung eines soliden, auf lange Jahre bestimmten Arbeiterfamilienhauses für den erwähnten Betrag gewährleistet. Die Arbeiter, sowohl Jemeniten wie Aschkenasim, sind mit Freuden bereit, Hans und Garten zu beziehen, wobei sie Garten und Baugrund von mehreren Dnnam in Erbpacht nehmen, während sie das Hans in etwa 18—20 Jahren zu amortisieren haben. Was aber im jetzigen Moment von besonderer Wichtigkeit ist, das ist die erfreuliche Tatsache, daß die Arbeiter die Bauten nach der neuen Methode leicht erlernen und selbst ausznführen. in der Lage sind. Auf diese Weise erlangen die Arbeiter die Möglichkeit, früher eine Familienexistenz zu begründen und überdies eine lohnende Beschäftigung. Wie ans Palästina berichtet wurde, hat trotz des Krieges die Jemeniteueinwaiidernng nicht aufgehört, die nach wie vor der jüdischen Kolonisation zum Segen gereichen könnte, wenn für entsprechende Unterkunft der Jemeniten gesorgt wird. Für Jemeniten nnd Aschkenasim ist die Beschäftigung mit Häuser- und Wegbanten die am leichtesten erlernbare und; zur Zeit zweckmäßigste. Es ist darum dringend geboten-, sowohl Zionisten, wie Nichtzioniften dem Nationalfonds^ wie zu Beginn der Jemeniteneinwanderung, die Mittel zuführen, um die Notstandsarbeiten in möglichst großem Maßstabe aufzunehmen und so der arbeitenden Bevölkerung über die schwere Zeit hinwegznhelfen. *) *) Anmerkung: Anfragen und sonstige Zuschriften bezüglich der Notstandsarbeiten in Palästina sind an die Landessammelstellen des I. N. F. oder das Hauptburean (Adresse: Keren Käjemeth p. a. H. Kann Don Haag (Holland) Bierkade 8a) zn richten.