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Die Wahrheit · 1914-10-23 · Heft 39 (23.10.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 39 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 39. Nachdem aber eine Verlängerung dieses Weltkrieges mit nnernwßlichen Kosten und Schäden verbunden ist, welche die kämpfenden Staaten der Gefahr des Ausblutens nahebringeu und nachdem noch Komplikationen möglich sind, welche selbst den Siegern drohen, wenn sie ihre Forderungen dann überspanuen, kann die Hoffnung nicht abgewiesen werden, daß der Krieg nicht lange mehr dauern werde. Wenn die Deutschen in Paris und im Vereine mit den Oesterreicheru in Warschau einziehen, was nach der gegenwärtigen Kriegslage in nicht zu ferner Zeit erwartet' werden kann, dann dürfte die Neigung zu einem billigen Friedensschlüsse vorhanden sein. Das alte Sprichwort dürfte sich wieder bewähren, welches lautet: „Nichts wird so heiß gegessen als es gekocht wird." Die famose Tripelentente hat die Kraft und innere Festigkeit der verbündeten mitteleuropäischen Staaten unterschätzt und dürfte nun die weitere Fortsetzung ihres unüberlegt heraufbeschworenen Kampfes in ihrem eigenen Interesse -scheuen. Ebenso dürften auch die treu Verbündeten nun zu einem annehmbaren, ehrenvollen Friedensschlüsse geneigt sein, denn ein überlanger Krieg schwächt auch den Sieger. So dürfen mtit die Menschen wieder bald den heißersehuten Frieden erhoffen. Mit Staunen und Granen wird man dann auf die avitischen Rückfälle in Barbarei und Grausamkeit znrückölicken, in welche scheinbar hochzivilisierte Staaten im Laufe dieses Krieges gerieten. ' Mit Scham wird man ans die im Kriege verwendeten Dum-Dnmgeschosse zurückblicken. Nach diesem Kriege dürfte man sich der Tatfache schämen, daß im 20. Jahrhunderte die genialsten Erfindungen, wie die Luftschiffahrt und die Schiffahrt unter Wasser sofort in den Dienst des Krieges und der Zerstörung genommen wurde, obgleich ihre Wirkung blind auch gegen gänzlich am Kriege Unbeteiligte wütet. Solch geniale Erfindungen sollten doch ausschließlich nur der Wissenschaft und Kultur dienen. Der letzte Weltkrieg zeigt auch deutlich, daß verbrecherische Verschwörungen, Bestechungen und Verrätereien wohl empfindliche Schäden znfügen können, daß aber der endgiltige Ausgang solcher Rieseukämpfe durch solche Mittel nicht gewendet werden können. Der russische Rubel, welcher in Ostgalizien Rnssophilen schuf, nützt schließlich doch nicht. Nicht nur die unermeßlichen Schäden und das Masfennnglück, welches eine weitere Fortsetzung dieses wütenden Weltkrieges über die gesamte Kuliurwelt bringen muß, müssen die weitere Kampflust eindämmen, sondern auch die Erwägung, daß das fortgesetzte grausaume Ringen der Völkermassen, die nur mühsam durch eine Jahrhunderte umfassende Erziehung ans finsterer Barbarei emporgehoben wurde, rasend schnell wieder in den Bestialismus und Grausamkeit des Mittelalters zurückzuschlendern. Die serbischen und belgischen Frauen, welche nach den Kriegsberichten der letzten Tage verwundete Feinde aus dem Hinterhalte überfielen, töteten oder verstümmelten oder vom Fenster herab mit kochendem Wasser übergossen oder die bestialische Art, wie am Beginne dieses Krieges zivile Staatsangehörige Deutschlands uud Oesterreich-Ungarns in Belgien und Frankreich behandelt wurden, müssen den kundigen Psychologen weit mehr beunruhigen, als die Berichte über die Brandschatzungen, Plünderungen und Vergewaltigungen, welche russische Kosaken im Kriege begangen haben sollen. R. L. Verschiebung der Wiener Knlluswalsten. Die Rücksicht auf die gegenwärtigen Kriegszeiten ließ es zweckmäßig erscheinen, die Ersatzwahlen des Wiener Knltusvorstandes, die statutengemäß im November des laufenden Jahres hätten statlfinden sollen, bis auf Weiteres zu verschieben. wobei das Präsidium der Anschauung war, daß, um eventuellen Anfechtungen vorznbeugeu, der Wahlaufschnb nur auf Grund einer vorangegaugeneü Ergänzung resp. Aenderung der Statuten beschlossen'werden,solle.'--Die diesbezügliche Statutenänderung, die in der Plenarsitzung des Kultnsvorstandes vom 18. d. M. mit 23 gegen 1 Stimme beschlossen wurde, hat folgenden Wortlaut: Anhang I zur Wahlordnung. § 18 (neu). Wahlaufschnb. In außerordentlichen Fällen, wie z. B. im Falle .eines Krieges, einer Epidemie, öffentlicher Unruhen und dergleichen ist der Kultusvorstand berechtigt, die Vornahme der Wahlen in den Kultusvorstand zu verschieben. Die Verschiebung darf nicht länger als auf ein Jahr beschlossen werden. Die Beschlußfassung muß in einer ad lioc einberufeneu Sitzung des Kultnsvorstandes erfolgen uud sind hiefür die übrigen Bestimmungen des § 17 des Statutes maßgebend. Der Vorstand ist in solchen Fällen berechtigt, die durch Tod oder Ausscheiden von Vorstandsmitgliedern freigewordeuen Mandate durch Kooptieruug von Gemeindemitgliedern, welche das passive Wahlrecht im Sinne des Statutes haben, zu ergänzen. Die kooptierten Vorstandsmitglieder haben die gleichen Rechte und Pflichten, wie die Gewählten, doch erlischt ihr Mandat mit dem Amtsantritte der u.eugewählten Vorstandsmitglieder. Von allen diesen Beschlüssen ist an die k. k. n.-ö. Statthalterei sofort die Anzeige zu erstatten. Der Statthalterei steht das Recht zu, binnen acht Tagen nach Erhalt einer Anzeige gegen die Beschlüsse, unter Angabe der Gründe, Einsprache zu erheben. Die Beschlüsse werden erst nach Ablauf dieser Frist rechtsgiltig. wenn innerhalb derselben eine solche Einsprache nicht erhoben worden ist. Die obigen Bestimmungen haben sinngemäße Anwendung auch ans die Mandate der Vertrauensmänner zu finden. Das Vergnügen russischer Soldaten Noch ist die merkwürdige Kundgebung unvergessen, mit der sich der Zar au seine „lieben Juden" bei Ausbruch des Krieges gewendet hat. Nun wird eine Episode ans Radom bekannt, die nicht nur die wahre Denkungsart der leitenden russischen Kreise enthüllt, sondern auch einen Ansspruch des russischen Oberbefehlshabers, des Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch, wiedergibl, aus der die Bundesgenossenschaft zwischen Rußland uud England in recht eigenartigem Licht hervorgeht. In Radom wurden drei Inden wegen nichtiger Vergehen gehängt. Der Großfürst erklärte zunächstfeine Leute müßten, wenn sie sich schinden müssen, auch ein „Vergnügen" haben. - Dieses Vergnügen bestand eben in dem Hängen der armen Teufel. Wie kann der Geist eines Heeres beschaffen sein, dessen Führer solchen Sentenzen huldigt, wie tief muß das Niveau von Soldaten liegen, die nach harten Kämpfen ihre Erholung und Freude darin findenwehrlose Menschen aufzuknüpfen! Aber noch weiter geht die Redegewandtheit des Großfürsten. Er meinte, das Einschlagen von ein paar Judenschädelu habe trotz des Geschreies der Londoner Synagogen gar keine Bedeutung. Die Engländer werden sich diesen Ausspruch merken müssen. Von allem Anfang wurde das Bündnis zwischen dem ultra-demokratischen England und dein, in strengstem Absolutismus lebenden russischen Reich ans diesen Gegensatz hin kritisiert und manche bedeutende Stimme im britischen Reich lehnte die Gemeinschaft mit Rußland entschieden ab. Dieser jüngste Ausspruch des russischen Oberbefehlshabers muß den Einsichtigen in England die Angen öffnen, so weit es noch nicht geschehen ist. Ein Land, in dem die größte persönliche Freiheit den obersten Grundsatz der Gesetzgebung bildet, muß sich von dem Großfürsten sagen lassem daß jene Vorgänge, die sich eben auf. die Wahrung des Prinzips der Gleichberechtigung und

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