Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-10-23 · Heft 39 (23.10.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 39 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063764--09270-3076508
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

fUfftiHo« in\b «ibinniifhatiOK: Kik». II, Nvvawaafse 27 Lelevhon: Nedaklion 5509/1V. Rbminiftiation 4938 U. Avakhäiigige Heitfchnft für jnöische liliuijliidiitl.U 14. — Halbliibri,,. K 7. - K. k üfterr. Postsvarkasia. Sche«t»Komo Nr. 100.918. Interessen. giiir NiiNusl'rniulr: InlLrato: Hl: viermal gobaUcuc >i0«Vareille-Zeile 15 Heller. Erscheint jeden Kreitn;;» rtiir A»4lu»d: AbonnemeittS- und Jiiiernoiir- Srträge find in Wien zayloar und klagbar. Atoll«: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!- (Miitijltlüviii.H »JHurf 6 »fiibti od<>- IN itrc*. Mr. 39. Mir». 33. Oktober Inhalt: Kriegserscheinungen. — Verschiebung der Wiener Knltuswahlen. — Das Vergnügen russischer -Soldaten. — Hilfsaktion der Israelitischen Allianz. — Bitte! — Eine Ehrung für David Wvlffsohn. — Gebetpsalmen. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Aviso. Kriegserscheinungen. Als wir in den Schulen von den Gräneln der Kriege der Vorzeit, von den verwüstenden Kämpfen im Mittelalter und von den mörderischen Schlachten der Neuzeit hörten, überlief uns eine Gänsehaut und wir meinten, in der lichten Gegenwart seien derartige Massenausbrüche der Wut und der Zerstörnngslust unmöglich geworden. Wie sehr hatten wir uns getäuscht! Selbst die erbittertsten und grausamsten Kriege vergangener Zeitperioden können sich weder im gleichzeitigen Ausbreitungsgebiete, noch im Belange der Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit mit dem gegenwärtigen Weltkriege messen. In den meisten Gegenden der europäischen Staaten, im Osten und Westen von Asien, im Norden und Süden von Afrika und selbst auf den fernen Inseln im Großen Ozean wütet der Krieg. Alle Meere des Erdballs hat der tobende Seekrieg zu seinem Tummelplätze erkoren und kein Schiff ist dem tückischen Angriffe entrückt. Die prachtvollsten Städte Belgiens und Frankreichs werden beschossen und die schweren Projektile der 42 om-Mörser und der österreichischen Motorbatterien legen die stärksten Befestigungen in Schutt und Asche. Von hoben Lnftregioneu und tief unter der Oberfläche des Meeres droht dem Feinde plötzlich Tod und Verderben. Nie noch stellte der Krieg derart übermenschliche Anforderungen an die Krieger wie in der Gegenwart, denn die stürmeilden Kriegskolonnen müssen nun oft einen dichten Regen von Projektilen ans Gewehrlänfen, Maschinengewehren und Geschützen passieren und sich nicht selten mitten in solch gigantischem Schlachtengelümmel möglichst rasch in die Erde vergraben. Der stolzeste Schiffskoloß ist keinen Moment davor sicher, ob nicht ein Unterseeboot nahe sei. ein Torpedogeschoß heran sanse, oder eine verborgene Miene Tod und Verderben bringe. Monatelang liegen kämpfende Armeen in nassen. Laufgräben bei Regen und beißender Kälte Tag und Nacht und die Aufregung und immerwährende Kampfbereitschaft gömlen dem Kämpen nicht einmal die Zeit zum Essen und Schlafen, wenn auch Nahrungsmittel und wärmende Decken immer zur Stelle wären. . Wie unrecht hatten jene Männer, welche behaupten, die Kultur hätte die Menschen verweichlicht! Der Franzose und Engländer, der Reichsdeutsche und Oesterreicher ist nun in diesem , Kriege den ganz gleichen Unbilden der Witterung, den - ganzgleichen.- übermäßigen und - andauernden, Strapazen ansgesetzt, wie der derbe Russe und sie erlahmen trotzdem nicht früher als er. Freilich zuträglich sind diese unerhörten Kriegsstrapazen wohl keinem Menschen und Krankheit und Siechtum werden leider die überlebenden Kriegshelden in der Regel weiter begleiten — auch bei den Russen. Aber an Ausdauer und Mut können sich die Kriegsscharen unserer Tage wohl mit denen früherer Zeiten messen. Mut mtd Tapferkeit sind im hohen Maße in allen kämpfenden Armeen vorhanden und die Zähigkeit der verzweifelt ringenden Franzosen, welche den Einzug der Deutschen in Paris trotz ihrer schwer bedrängten Lage monatelang vereiteln, ist ebenso beachtenswert wie die der tapferen Oesterreicher, welche der Sturmflut der an Zahl weit überlegenen russischen Armeen nun schon nahezu durch drei Monate so weit Stand hielten, daß die Karpathen die Südgrenze des russischen Vordringens darstellen und eine kraftvolle Offensive bereits daran ist, den Feind ans Galizien wieder uord- und ostwärts wegzudrängen. Während die tapferen Deutschen bereits alle belgischen und mehrere französische Festungen eroberten, rannten sich tausende von Russen ihre Köpfe an der galizischen Festung Przemysl ein. Es ist wahrscheinlich und die Hoffnung berechtigt, daß Galizien für die eingedrungenen Russen dieselbe verhängnisvolle Rolle spielen werde, wie dies früher in Ostpreußen der Fall war. Die deutschen und österreichischen Heere drangen unterdessen aber auch weit in Russisch-Polen ein und Warschau zittert ebenso vor feindlicher Invasion wie Paris. Das perfide Albion hat sich diesmal auch arg verrechnet, denn ebenso wie Rußland hat es unübersehbare Gefahren durch seine Kriegsteilnahme heranfbeschworen. So wie Rußland au den Persern und Türken nun Gegner findet, die mir auf den günstigen Moment warten, loszuschlagen, ebenso ergeht es den Engländern in Südafrika, Egypten und Indien und die nordamerikanischen Kriegsschiffe harren bei den Philippinen. Um die weiteren Aktionen der Briten rrnd der mit ihnen verbündeten Japaner abzuwarten. Die erwarteten englischen Kriegserfolge sind bis nun ansgeblieben, aber die erlittenen Schäden sind bereits enorm. Serbien und Montenegro können infolge des Krieges mit dem riesigen Moskowiterreiche freilich nicht schnell und gründlich bezwungen werden, aber diese von den Russen betrogenen Kleinstaaten sehen sich nun verlassen und warten vergeblich ans die versprochene Hilfe. Die kämpfenden Heere lernen in diesen gigantischen Kämpfen einander kennen und achten und ihre frühere Unterschätzung des Gegners wird berichtigt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.