Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 36 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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««»aktton nnd titdunnistration: Wien. 11, Novaiagafse 27 -SeWPfcou: tltedaktiou 6509/1V. ^«abhängige Heitfchrift für jüöische Äanzlührig.Ii 14. — Halblähria.K 7.— «dministraiion.4938 11. _ . . R. k. Öftere. Postsvarkassa» Vcheck-Konto 3!r. 100.918. Interessen. Für - ...... K III - Inserate: Dt« Biennal flejpalteue Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Zlreitng. Für AnSlmid: Abonnements- und Jnserlions- 'MlllljUUjHtl.8 'Jtf.ltf 1 BenAfi« nnd in Wien zahlbar nnd klagbar. Molto: „Das Siegel Hotte» ist Wahrheit.!“ 6 iltiiötl obre llt IfecS. Mr. 36. Wien, 18. September HH4. I n halt: Der Weltkrieg nach sechs Wochen. — Ter Weltbrand. — Heldentod eines jüdischen Fähnrich. — Alte Prophezeiungen und Hoffnungen. — Das Märchen von den „Lieben Juden". — Kol Haneorim. — Aufruf. — Verschiedene Nachrichten. •nrcn raia Den geehrten Lesern, Mitarbeitern nnd Freunden unseres Blattes entbietet die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre die Redaktion. Der Weltkrieg nach sechs Wochen. Es. sind erst sechs Wochen seit dem Ausbruche des gigantischen Völkerkampfes verflossen und schon hat er allen Kulturvölkern Europas unübersehbare, schwere Schäden an Gut und Blut zugesügt. Die verlorenen jungen Menschenleben, die nicht wieder herznstellenden Schäden an Gesundheit und den gesunden Gliedern zählen bereits nach Hnnderttausenden und alle Spitäler der großen kriegführenden Staaten sind mit unglücklichen Kriegsopfern überfüllt. Schon in dieser kurzen Zeit bat Dank der industriellen und handelspolitischen Knebelung in Folge des Weltkrieges die Notlage innerhalb der breiten arbeitenden Schichten eine wahrhaft beängstigende, noch nie dagewesene Höhe erreicht undängstliche Gemüter sehen der weiteren Entwicklung und Ausbreitung derselben mit Grauen entgegen. Große, fruchtbare Landstrecken liegen bereits verwüstet, bedeutende Städte nnd unzählige Dörfer hat die Kriegsfurie schon in Trümmer und Asche gelegt und tausende der zivilen Bewohner irren verarmt und ihrer Habe beraubt im Lande umher. Freilich bilden diese unglücklichen Kriegsopfer in den meisten europäischen Staaten eine unabsehbare Legion, es ist aber für die Betroffenen ein schlechter Trost, wenn sie viele Leidensgenossen besitzen. Doch in dieser großen Zeit ist für Lamentationen kein Raum und wir wollen unsere Aufmerksamkeit der Entwicklung dieses sechswöchentlichen Völkerkrieges zuweuden. Die zwei engverbündeten mitteleuropäischen Staaten können bisher mit dem Verlaufe dieses beispielosen Völkerringens trotz gewaltiger Schwierigkeiten zufrieden sein. Die reichsdeutschen Heere bedrohen bereits trotz der großmäuligen britischen.Kriegshilfe Paris, das Herz von Frankreich. Auch gegen die Russen waren, die reichsdeutschen Waffen bisher von beispiellosem Glücke gesegnet und die Anzahl der gefangenen Franzosen und Russen beträgt .nach Kriegsberichten bereits eine Viertelmillion. Deutsche und österreichisch-ungarische Truppen waren bereits tief in Russisch-Polen eingedrungen nnd die tapfere österreichisch-ungarische.Armee leistete dem Vorstoße der an Zahl ungeheuer überlegenen russischen Armeen in Ostgalizieu beispiellos zähen Widerstand, was von der reichsdeutschen Presse auch voll und ganz anerkannt wird. Was dieser österreichisch-ungarische Widerstand zu bedeuten hat, erhellt erst aus der Tatsache, daß der russische Staat dreimal so viel Einwohner besitzt als Oesterreich-Ungarn nnd die Heranziehung der Jugend zum Waffendienst in Rttßland tioch viel rücksichtsloser betrieben wird als in Oesterreich-Ungarn. Diese Wahrheit wird sogar von der Presse neutraler Staaten anerkannt und der „Nieuwe Rotterdam Courant" schrieb am 13. d. Dt. unter anderem: „Vielleicht die s ch w i e r i g st e Aufgabe unter allen wurde in dem gegenwärtigen Weltkrieg der österreichisch-ungarischen Monarchie auferlegt." „Das Reich der Habsburger mußte sich nämlich in den unmittelbaren Kampf mit dem russischen Koloß einlassen und sich seinen: größten Anprall entgegenst eile ii." „Wer die militärischen Schwierigkeiten dieser Aufgabe zu würdigen versteht, muß von der österreichischen Armee nur mit A ch t n n g und B e w u n d e r u n g sprechen." „Sie hat nicht nur die sich heranwälzende Flut des an Zahl weit stärkeren rnssischen Heeres anfgehalten, sondern auch eine Reihe von Schlachten gewonnen, welche in der Geschichte immer als M u st e r t a t e n kriegerischen Könnens werden angeführt werden." Trotzdem die tapferen österreichisch-nngarischen Heere in der letzten Woche vor der russischen Nebermacht abschnittweise znrückgingen nnd sogar die Hanpstadt Galiziens zeitweilig räumen mußten, ist die Angst vor ungünstigem Schlußerfolg des Riesenkampfes noch unbegründet. Auch die Reichsdeutschen räumten bekanntlich einen großen Teil von Ostpreußen. was den Russen kurze Zeit darnach katastrophal wurde. Für die reichen nnd wohlhabendenVolksschichten erwächst beim Gedanken an die tapferu Soldaten, die bereits wochenlang ihr Leben in die Schanze schlagen, aber selbst vom Schüsse weit weg vom Massennuglück bisher recht glimpflich getroffen wurden, die Hilfspflicht doppelt nnd dreifach gebieterisch und es ist in einer solch großen Kriegszeit ebenso schändlich, wenn die Hochbegüterten nicht dem eingetretenen hohen Masseubedürfnisse gemäß tiefer in ihre Taschen greifen, als wenn gegenwärtig ern Hauseigentümer der Frau eines zum Heere Eiugerückten die Miete nicht stunden will, oder ein solcher verstockter Hausherr einer Wohupartei mit der Kündigung droht, weil sie galizifchen Flüchtlingen in der Wohnung Unterkunft gewährte. Die Bäume dieser einge-