Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 31 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 81. Die Wahrheit Seite 7. rabbinische Autorität. Trotz seiner weit umfassenden Gelehrsamkeit und seiner Verwandschaft mit dem Exilsfnrsten hielt er es nicht unter feiner Würde, mit dem Spaten in der Hand sein Feld zu bearbeiten. Wenn ihn Parteien zum Richter wünschten, pflegte er ihnen zu entgegnen: Sobald ihr mir einen Mann zur Verfügung stellt, der meine Feldarbeit besorgen wird, will ich keinen Augenblick Anstand nehmen, eueren Prozeß zu schlichten (Kat. 105). Wenn Chama b. Amilai, ein reichbegüterter, wohltätiger Mann, ihm, so oft er von der Feldarbeit heimkehrte, den Spaten ans der Hand nehmen wollte, lehnte er die ihm erwiesene Anfmerksamkeit dankend ab (Meg. 28). Spüler jedoch, nachdem er (R. Huna) in den Besitz großer Reichlümer gelangt war, ließ er seine Felder durch Arbeiter bestellen. Von seiner humanitären Tätigkeit ist der Talmud voll des Lobes. So oft R. Huna zu Tische ging, ließ er die Tür öffnen mib ansrnsen: „Wer bedürftig ist, komme und sättige sich" (Taan. 20). „Unter R. Huna," bemerkt Grätz, „erhielt das öffentliche Leben in Babylonien, das im innigsten Zusammenhänge mit dem Lehrhanse stand, diejenige Einrichtung und Benennung, welche sich fast 8OO Jahre erhalten haben. Allmählig und unwillkürlich gestaltete sich eilte Rangstufe über¬ und untergeordneter Würden. Die Lehrversammlnng, die, wie schon erwähnt, au bestimmten Monaten des Jahres zusammen kam, hieß Metibta (Lehrsitznng), der Leiter derselben Resch- Metibta (Rektor). Dem Vorsitzenden im Range zunächst standen die Resche-Kalla, deren Funktion war, die in den drei ersten Wochen der Kalla-Monate das Thema zu erläutern, worüber der Resch-Metibta Vorträge halten sollte. Von den Lehrämtern waren die Richterämter verschieden; da der Gerichts- Platz noch immer nach altem Brauch vor den Stadttoren war, so führten die Richter davon den Namen Dajune di Baba (Torrichter). Sie waren nach der theoretischen Seite von dem Resch-Metibta, nach der praktischen von dem Resch-Galnta abhängig und von ihm ernannt." (Gesch. 4.) Die Akademie von Sura überragte durch Hnna's vierzigjährige segensreiche Tätigkeit die anderen babylonischen Schulen, obwohl auch jene in hohem Ansehen standen, da die zu Pumbadita von R. Jehuda b. Jecheskel und die zu Nehardea von R. Nachman geleitet wurde. R. Jehuda b. Jecheskel (geb. 220) war seines biederen, unbeugsamen Charakters, seines ungewöhnlichen Scharfsinnes, wie hohen Abstammung wegen sehr berühmt und hoch geachtet. Wie er die Wahrheit über alle Maßen liebte, ebenso ingrimmig haßte er die Lüge und die Verleumdung. So oft es galt, Verleumdern und Denunzianten das Handwerk zu legen, Heuchler und Frömmler zu entlarven und unschädlich zu machen, konnte er nicht umhin, seiner tiefen Entrüstung beredten Ansdruck zu verleihen, geißelte und tadelte die Freveltaten solchen Gelichters so lange, bis es ihm gelang, denHochmnt der Uebeltäter zu brechen und das Laster zu entwurzeln. Seine Liebe zum Thorastudium war grenzenlos. Das Wort der h. Schrift Wehogiso bo jomom wolailoh, „du sollst dich mit dem Studium der Thora Tag und Nacht beschäftigen." stand mit feurigen Zügen vor seiner Seele, so daß er selbst behnss Abhaltung der üblichen Gebete seine Studien nicht unterbrechen wollte. Nur einmal des Monats soll er, wie im Talmud berichtet wird, sein Gebet verrichtet haben. (Rosch Hasch. 31.) Auf dem Gebiete der Rechtslehre, mit der er sich fast ausschließlich eifrigst befaßt hatte, war er eine anerkannte Autorität, hingegen wurden die anderen Teile der Mischna in seiner Schule vernachlässigt (Synhedr. 98). Nichtsdestoweniger wiederholte er monatlich privatim die sämtlichen Teile der Mischna. (Rosch Hasch. 35.) Sein Bruder R. Ami, der mach Palästina ausgewandert ist, scheint mit ihm nicht gnt harmoniert zu haben, was ans seiner Aenßerung: „Schenket den Worten meines Bruders Jehuda, die er im Namen Rab's und Samuells berichtet, kein Gehör, denn so und so haben sie gesagt" (Chullin 44), .zu entnehmen ist. Dessen ungeachtet wurde R. Jehuda nach dem Tode R. Huna's zum Schuloberhanpte ernannt. Höchst charakteristisch ist folgendes im Talmud berichtete Faktum : Eine anscheinlich vornehme Persönlichkeit aus Nehardea, die nach Pumbadita übersiedelte, wollte einst bei einem jüdischen Metzger in Pumbadita Fleisch kaufen. „Gedulde ein wenig," sagte der Metzger, „denn ich muß zuvörderst dem Diener R. Jehuda's das gewünschte Fleisch verabreichen." In höhnendem, spottendem und verächtlichem Tone erwiderte der stolze, aufgeblasene Nehardeaner dem Metzger: „Was kümmert mich dieser Juda b. „Scheweskel", muß er denn überall und in allen Dingen besonders bevorzugt werden?" Als R. Jehuda von dieser ihn verletzenden Aenßerung des Nehardeaner benachrichtigt wurde, tat er ihn in den.Bann, und als man ihm erst mitteilte, daß dieser Fremde jeden, mit dem er in Konsiikt gerät, einen Sklaven zu schimpfen pffegte, ließ er zur öffentlichen Kenntnis bringen, daß der ans Nehardea eingewanderte Mann ein Abkömmling von Sklaven sei, was eigentlich sagen wollte, daß keine anständige Familie sich mit der des Verbannten verschwägern solle. Der Nehardeaner, tief entrüstet über das Vorgehen R. Jehuda's, klagte sein Leid dem R. Nachman, welcher auch keinen Augenblick Anstand nahm, den R. Jehuda vor sein Tribunal vorladen zu lassen. R. Jehuda, dem wohl im ersten Momente die ihm zugestellte Vorladung R. Nachman's — dem er geistig überlegen war — überrascht und tief verletzt haben mochte, konnte sich nicht sofort entschließen, derselben Folge zu leisten, allein nachdem er hierüber mit R. Huna Rücksprache gepflogen und dieser ihm aus Rücksicht gegen den Exilsfürsten, dessen Schwiegersohn R. Nachman war, zur Nachgiebigkeit geraten hatte, verfügte er sich zu R. Nachman, mit dem Vorsatze aber, ihn seine geistige Ueberlegenheit in vollstem Maße fühlen zu lassen. Gerade bei seiner Ankunft war R. Nachman mit der Renovierung seines Hauses beschäftigt. „Warum tust bu dieses," fragte R. Jehuda, „hat doch Samuel es ausdrücklich gesagt, das Oberhaupt einer Gemeinde darf in Gegenwart deiner Leute keine Arbeit verrichten!" Nachdem R. Jehuda im Gespräche mit R. Nachman sowohl seine Ansdrucksweise wie seine halachaischen Kenntnisse zu bemängeln Gelegenheit gefunden, rief ihm jener zu: „Wozu bist du denn eigentlich gekommen, etwa mein ganzes Tun und Lassen einer scharfen Kritik zu unterziehen?" — „ Warum ich gekommen bin?" entgegnete R. Jehuda, „du hast doch mir eine Vorladung zustellen lassen." — „Nun," sagte R. Nachman, „da du einmal hier erschienen bist, so verteidige dich, damit die Leute nicht sagen, die Gelehrten seien parteiisch gegeneinander. Warum also hast dies eu Mann hier, um dessentwillen ich dich vorladen ließ, in den Bann getan?" — „Weil er den Diener eines Schriftgelehrten beleidigt hat usw." — „Warum hast du es noch öffentlich verkünden lassen, daß er ein Sklave sei?" — „Weil er Andere im Streite Sklaven zu schimpfen die Gewohnheit hat, und Satnnel sagte, wer einen andern zu verdächtigen, zu schänden bemüht ist, der verdächtigt sich hiedurch selber, bemumo posel." — „Auf diese Vermutung hin aber," entgegnete R. Nachman, „darf man es noch nicht wagen, mit Bestimmtheit zu behaupten, daß dieser oder jener, der sich, blos wie Samuel sagte, durch die gebrauchten Schimpfworte , in Verdacht gesetzt hat, ein Sklave sei." Als der anwesende Kläger mit Stolz ausrief: „Mich wagte man, einen Sklaven zu nennen, mich, der ich von den Hasmonäern abstamme?" erwiderte R. Jehuda ganz erregt: „Gerade diese Angabe ist erst recht geeignet, meine Behauptung zu bekräftigen, denn Samuel hat es ausdrücklich gesagt, daß jeder, der sich rühme, er sei ein Hasmonäer, der m ü s s e als Abkömmling Herode's, der ein Sklave war, betrachtet werden." R. Nachman war nun besiegt und mußte das Urteil R. Jehltdas gelten lassen. Infolge dessen sollen mehrere vornehme Familien, die mit dem Nehardeaner verschwägert waren, ihre Ehen aufgelöst haben, wodurch das Volk sehr aufgeregt wurde und gegen R. Jehuda eine drohende Stellung einnahm. Der kühne, mutige, nnerfchrockene Rabbi aber rief den Leuten zu: „Wenn ihr euch nicht mäßigt und beruhigt, so werde ich euch noch