Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 27 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Xebafiioit iinb Adminlftratio»: Unabhängige Heitschrift für jüdische Wien, II/, Novaragafse 27 Telephon: Redaktion 6609/1V. Änuzlührig.K 14.— Halblttbiia K 7.— Sbmiuiftratiou 1938/11. K. I. öfterr. Vostsvarkalla» Echeck-Konro Nr. 100.918. Interesse«. Für Jl'iiltn-Sbemiite: <t>ii»zj>ihrta.K II).— Inserate: Sie viermal gefbalteue Nonpareille-Zeile W Heller. Erscheint jeden Ikreitng. Fiu. Attvltittd: Abonnemem«- »nd Jufertionr- «Sinizlützrig.8 Mark betrüge find in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel ober II) Frc». . Nr 27 ♦ Wien» 17. InU Inhalt: Aus der Woche. — Pro Falascha-Komitee. — Kol Thilloh. II. Teil. — Kultnrbilder aus dem Dorado des Antisemitismus. — Das Gemeiude-Borsteheramt in früheren Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Ministerpräsident Graf S t ü r g k h, der bei seinem Amtsantritte von vielen. Lenten irrtümlich als alter Kämpfer für Freiheit und Fortschritt verhimmelt wurde — wir konnten uns allerdings diesen! vielstimmigen Chore nicht anschließen — verrät von Tag zu Tag immer mehr seine reaktionäre Gesinnung. Namentlich die parlamentslose Zeit wird nach dieser Richtung von ihm weidlich ausgenützt, und die neueste Ueberraschung, die uns von dem Ministerium Stürgkh geboten wird, die Proklamierung des nurasrus clausus für die Wiener medizinische Fakultät, bedeutet den Gipfelpunkt der Reaktion und Kulturfeindlichkeit. Dieser ministerielle Erlaß, der die Zahl der Hörer für den ersten Jahrgang mit 400 festsetzt, hiebei zuerst auf die Wiener und Niederösterreicher Bedacht nimmt und Ausnahmswerber aus anderen Provinzen und Ausländer erst in zweite, resp. dritte Reihe rückt, bietet wohl eine bequeme Abhilfe gegen die oft beklagten Unzukömmlichkeiten an den Wiener medizinischen Fakultäten, ist aber nicht nur ein schwerer Schlag gegen die einst berühmte Wiener medizinische Schule, sondern wird auch für viele Studierende von unseligen Folgen begleitet sein. Insbesondere jüdische Studenten werden vielfach betroffen werden, da bekanntlich — abgesehen von den zahlreichen in Wien lebenden Ungarn, die ja auch als Ausländer betrachtet werden — viele arme, jüdische Studenten, auch aus entfernteren österreichische-n Provinzen bisher gerade deshalb ihre Studien in Wien zu absolvieren strebten, weil ihnen in der Residenz leichtere Existenzmöglichkeiten geboten waren. * * * Das ungarische Amtsblatt meldet, daß der Kaiser über Vorschlag des ungarischen Kultusministers den Professor an der Budapester Landesrabbinerschule, Dr. Ludwig Blau, zum Direktor dieser Schule ernannte. Mit dieser Ernennung wird eigentlich nur der faktische Zustand, der seit dem Ableben des Direktors Dr. Bacher besteht, sanktioniert. Dr. Blau führt seit dem Tode Dr. Bachers bereits die Agenden eines Direktors. Wegen Besetzung der durch diese Vorrückung des Professors Dr. Blau freigewordenen Stelle eines Professors der talmudischen Wissenschaften wurde ein Konkurs ausgeschrieben. * * ■i* Wie bekannt, haben die Antisemiten im deutschen Reichstage die. Frechheit gehabt, dem Abgeordneten Gothein gegenüber zn bestreiten, daß Inden. als Freiwillige an sden Feldzügen in China und den Kolonien teilgenommen haben. Der „Zentralverein d. Stb. j. Gl." hat sich deshalb der verdienstlichen Aufgabe unterzogen, durch Anfrage die Namen dieser Kriegsfreiwilligen zn ermitteln. Er richtet nunmehr die Aufforderung an alle, ihn dabei zn unterstützen. Die Mitteilungen sollen enthalten : Bor- und Zunamen, damalige und jetzige Lebensstellung des Freiwilligen, das Regiment, Auszeichnungen, ob er noch am Leben ist. Auch solche, deren Meldung nicht angenommen wurden, sind zu erwähnen. Die bisherigen Ermittelungen ergaben die Anzahl von 40 Kriegsfreiwilligen an der Expedition nach China und 30 in Südwestafrika, darunter ist 1, der an beiden Feldzügen (in China und Afrika), 1, der an 5 Gefechten teilgenommen hat. 3 haben Auszeichnungen erhalten. Leutnant Jos. Bendix ist im Gefecht von Quikokoreo am 3. 3. 04 gefallen. Unter den genannten Teilnehmern befinden sich aus Schlesien und Posen: Art. Leiser a. Krotoschin, Emil Herrnstadt a. Lissa, Fel. Sommerfeld a. Bvrkendors, Stuckhardt a. Betsche, Kassel a. Oberglogau, Max Schaps a. Kempen. * # Ueber die Unterlassungssünden, welche Deutschland in Rumänien begangen hat, wird der „Frankfurter Zeitung" aus Bukarest u. a. geschrieben: Der jetzige Rektor der Jassyer Universität, Professor Stere, ehemaliger russischer Revolutionär, der nach Sibirien verbannt gewesen und nach Rumänien flüchten konnte, um es hier bis zum aussichtsreichen Ministerkandidaten zu bringen, hat einen größeren Aufsatz über die Bauern- und Judenfrage geschrieben, der folgenden Satz enthält: Man muß beachten, daß ein russischer, deutscher, französischer Jude, wenn er sich die europäische Kultllr aneignet und aus der Sphäre des Judaismus austritt, sich der Nationalknltur des betreffenden Landes anschließt, während er bei uns in diesem Falle höchstens der deutschen Kultur gewonuen ist, die, der unseren überlegen, ihm durch Sprache, gemeinsamen (?) Ursprung und durch den ganzen Komplex der wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen zugänglicher ist. Sieht man hier von etwas tendenziöser Uebertreibung ab, so bleibt die Beobachtung richtig, daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens in demselben Maße zur deutschen Kultur gravitiert, wie die gebildete Schicht der Rumänen selbst zur französischen. Der rumänische Antisemitisnms ist ein künstliches Gewächs der regierenden Oligarchie. Jedoch ist seine Züchtung dadurch erleichtert worden, daß man die