Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-05-08 · Heft 17 (8.5.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 17 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063742--09022-3076238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

»ttdoknü» und Uibmtnihratioii: Wien II , Avvaragasse 27 Trinittoit: Aedaklion 5WW1V. Htmniiftroiioi! 11. Unabhängige Aeitschrift für jüöische (Uuilftliibrii).K IV - .... K 7.— 15.!. Olterr. Vosllvarkaiia» CcQtcf'ftomo Sir. lUli.918. Interessen. tViti: 5l‘iiUu5bnniite: InJ'tvatc: 3>l.* V'tcniifli fttivallcnc WüKpureilif=.8etie 2ö Heller. Erscheint jeden Kreitng. >Vnr Auslmid: /.r,o. ,!'>ut„lSuni» Sufemoiii- ’&errna. mib in Wien jiiolonr und fhiflöar. Motto: „Oos Siegel Uottes ist, Wahrheit!“ 'ttimtttltKiu.H 'JHurf rt üliitipi obfr Irt ifrc». Mr. IV. Wien, 8. Mai 1914 Inhalt: Uebergriffe der Christlichsozialen auf Schule und Lehrerschaft. — Naturalisation und Aufenthalts-Erlaubnis in Theorie und Praxis. — Aus der Wiener Knltusgemeinde. — Galizischer Hilfsverein. — Seneca gegen die Juden. — Das Borbeteramt. — Verschiedene Nachrichten. — Eingesendet. — Literatur. Wir ersuchen höstichst und dringendst um Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge. Uebergriffe der Christlichsozialen ans Schule nnd Kehrerschuft. Die Schulerhalter Wiens und Niederösterreichs waren immer von der herrischen Meinung durchdrungen, die Lehrerschaft der Volksnnd Bürgerschulen habe sich nicht nur selbst der regierenden Partei politisch nnterznordnen, sondern auch die Heranwachsende Jugend ihren Wünschen gefügig zu machen. Ein eklatanter Beweis dieser Behauptung ereignete sich wieder in jüngster Zeit. Der niederösterreichische Landesansschnß Bielyhlaweh wendete sich in seiner Eigenschaft als Obmann der „Lehrlingsfürsorgekommission" an den Wiener Bezirksschulrat mil der Bitte, diese Schulbehörde möge „dem Lehrkörper der Wiener Volks- und Bürgerschulen nahelegen, die Schüler im Laufe der letzten zwei Jahre ihrer Schnlpstichtigkeil ans den Ernst der Berufswahl und auf die B e° deutung des G e w e r b e sta n d es und der einzelnen Gewerbe besonders aufmerksam zu machen". Durch Einfügung geeigneter Lesestücke in den Text der Lesebücher soll ferner das Ansehen des G e w e r b e st a n d e s und das Interesse für dasGewerbe in den Augen der Schuljugend geweckt nnd gehoben werden. Die Lehrerschaft sollte ferner, nach dem Wunsche des Herrn Bielohlawek, von der Bezirksschnlbehörde angewiesen werden, der Lehrlingsfürsorgekommission ein V e r z e i ch n i s der a n s l r e t e u d e n Schüler mit d e r en Adre s s e n einznhändigen. Die Wiener Bezirksschulbehörde entledigte sich nun dieses Auftrages dadurch, daß sie für die am 25. April l. I. stattgesnndenen Wiener Bürgerschullehrerkonserenz ein emschlägiges Referat ansetzte. Der „ständige Ausschuß" arbeitete nun für diese Konferenz Thesen aus, die dem Wunsche der „Lehrlingsfürsorgekommission" entsprachen, was bei der bekannten Terrorisierung der Wiener Lehrerschaft nicht wunderlich ist. Der „Bericht" des ständigen Ausschusses hielt es sogar „für dringend notwendig, vom Andrang zu den geistigen Berufen abznraten und m e h r K i n d e r dem Gewerbest a tl d e z n z u f ü h r e n." Auch vor der F a b r i k s a r b e i t oder der Ergreifung des H a n d e l s st a n d e s soll die Jugend nach den besprochenen Thesen g e w a r n t werden. (!) Die freiheitlich nnd fortschrittlich gesinnte Lehrerschaft Wiens, welche im ..Zentralverein der Wiener Lehrerschaftorganisiert ist, beschäftigte sich nun rechtzeitig mit dieser Frage und bekämpfte diese Thesen in den letzten Wiener Bürgerschullehrerkonferenzen mit dem Erfolge, daß dieselben im 1., 2., 5., 7. und 15. Bezirke bei der Abstimmung von der Lehrerschaft a b g e l e h n t wurden. Wir sehen also, daß Herr Bielohlawek bei seiner neuesten R e t t n n g s a k t i o n f ü r d a s W i e n e r Kleingewerbe keineswegs die gesamte Lehrerschaft hinter sich hat. Von praktischer Bedeutung dürste aber diese Tatsache leider nicht werden, weil sich alle übrigen Jnspekllonsbezirke dem Diktate der Wiener Gemeinde- und niederösterreichischen Landesgewaltigen fügten nnd die Lehrerschaft Wiens dürfte bald einen s ch n l b e h ö r d l i ch e n Auftrag erhalten, den Wiener Kleinmeistern Lehrlinge zuzubriugen. Es kann nun der bildungseifrigen jüdischen Bevölkerung nicht gleichgiltig sein, wenn ihre Kinder schon in der Schule vor weiteren Studien gewarnt werden sollen. „Wissen ist Macht!" Dieser Spruch wird von den Juden seit jeher anerkannt und der ärmste jüdische Familienvater ist in der Regel willig, sich der größten Plage nnd den größten Entbehrungen zu unterziehen, um seinen Kindern eine höhere Ausbildung znkommen zu lassen, obgleich er ans Erfahrung weiß, daß sie dann der Judenhaß von vielen öffentlichen Stellungen ansschließt. Die Verantwortlichkeit der Lehrerschaft würde durch ein derartiges Eingreifen umso ärger belastet werden, als die L e h r l i n g s s ch i n d e r e i in Wien offenkundig nnd sprichwörtlich ist und es bereits ziemlich allgemein bekannt ist, daß eben wegen der berüchtigten Lehrlingszüchterei dann mindestens die Hälfte der freigesprochenen Lehrlinge in Wien als Gehilfen keine Arbeit finden. Es wäre wohl endlich Zeit, mit solchen Aufträgen an die Lehrerschaft, welche dem wirklichen Leben nicht entsprechen, Schluß zu machen. Es ist beispielsweise sehr schön, wenn die Lehrerschaft den Schülern übrr höheren Auftrag in der Schule den Tierschutz predigt, aber es stimmt dann nicht, wenn die Jugend erfährt, wie sehr sich die hohen Herrschaften an Massentreibjagden vergnügen. Vor einigen Jahren erhielten die Wiener Lehrpersonen sogar den Altftrag. die Haarnnd Augenfarbe ihrer Schüler zu erheben und das prozentuale Farbenverhältnis in Tabellen einzutragen. Ueber die Lernresultate der Schiller nach Alter, Konfession und Bernfsftand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.