Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 10 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedaktion und rldininlstratio» : Wien, II/, Novaragafse 27 Telephon: Nedaktion 5509/1V. Hbminißratiou 4938/ü. Auabhängige Heitfchnst für jüöische — Nernn«ipret«i: G»»liiihrig.K 14.— H.„bi.ih,ia.K 7 — X. l. üsterr. Nostsvarkasia» Echeek-Koitto Nr. 100.918. Interessen. Für Jl'iiltiiSbaiiiite: •iVuui.itUirt.K 10.— Inlerate: St« viermal geitmlteite Nonpareille-Zeile 25 Heller. Kr sch eint jeden Kr erlag. Für Ausland: rlbonnemenl«- und Jnsertions- <Mi»njl<iÜviti.8 m*xt betröge und in Wien zahlbar und klagbar. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 DtiiOel oder lrt Nrc». Mr. 10. Wie», 13. Miir; i»i4. Inhalt. Politische Korruption. — Aus der Woche. — Antisenritismus und Moral. — Zionismus und Nationalismus. — Aus der Wiener Kultusgemeiude. — Eine psaluustische Advent-Studie. — Das Martyrium eines Idealisten. — Verschiedene Nachrichten. — Notizen. Politische Korruption. In der letzten Zeit erfuhr die Oeffentlichkeit gar viel Unerbanliches über unglaubliche Korruption in den Kreisen österreichischer Berufspolitiker. Der gewesene österreichische Minister Dlngosz, von der demokratischen Partei in Galizien bedrängt, zeigte den Abgeordneten Stapinsky, einen Parteiführer, in seiner Wut als von der Regierung bestochenen Volksverräter auf. Stapinsky rächte sich dadurch, daß er deu Minister als rücksichtslosen gewinnsüchtigen Geschäftsmann entlarvte, der sein Amt zu seinem Privatnutzen ansbeutete. Schließlich konnten sich freilich beide sonderbare Ehrenmänner in ihren öffentlichen Stellungen nicht behaupten, aber es drang auch die Kunde in die Oeffentlichkeit. daß die österreichische Regierung regelmäßig treulose Volksvertreter und öffentliche Blätter nicht nur aus dem Disposilionsfonde. sondern auch noch aus verschiedenen anderen unlauteren Quellen speist und gar viele Abgeordnete zitterten damals vor möglicher Entlarvung. In jüngster Zeit wurde die Oeffentlichkeit wieder durch die Nachricht verblüfft, ein tschechischer national-sozialer Parteiführer, der im privaten Leben die Stelle eines Bezirksrichters bekleidet, habe sich von der Negierung ständig um höhen Monatsgehalt (L 700.—) als Polizeikonfident zu dem Zwecke anslellen lassen, derselben alle bedenklichen Vorgänge in seiner Partei zu rapportieren. > Man greift sich ob dieser seltsamen Regierungsmethodeu an den Kopf. Wie, im gemütlichen, immer friedlich fortwnrstelnden Oesterreich greift mau zu derart bedenklichen Regiernngsmethoden, die nur im schuldbeladenen Rußland verständlich sind? Sind solche Minister ihrer großen Aufgabe gewachsen, die ihre Volkserziehnngsansgabe damit beginnen, Volksvertreter und Zeitungsherausgeber zu korrumpieren und deren Verrat zu honorieren? Wenn die Staatslenker selbst die Treue und Redlichkeit, diese Grundbedingungen jedes gesunden und ausdauernden Staatsgebildes, untergraben, wie kann man dann Betrug und Untreue bestrafen? Freilich, wenn der politische Betrug in weiten Volkskreiseu nicht als entschuldbar und zulässig gelten würde, könnten unfähige Regiernngsmänner nicht leicht so tief moralisch fallen, derart verworfene Leute zu ihren bezahlten Werkzeugen zu erheben. Wahrlich, denkt mau an die vielen demagogischen Versprechungen, die in dem letzten Jahrzehnte von rilhmredigen Wahlwerbern gemacht wurden, und hält dann ihr Verhallen und vor allem ihre gelegentlichen Abst i m m u n g e n irr deu Bertretungskörpern dagegen, dann erkennt man mit Schrecken deutlich, daß es unter den Volksvertretern bedenklich viele V o lksv e rrü ter gibt. Es ist hohe Zeit, daß sich alle patriotischen Staatsbürger. vor allem solidarisch und mit unerbittlicher Strenge gegen den politischen B e t r n g in jeder Form erklären. Jeder Volksvertreter, dessen tatsächliches Verhalten mit seinem entwickelten Programme in Widerspruch steht, muß von den Wählern einstimmig in Acht und Bannerklärt und nicht wieder gewählt werden! Die ehrlichen nud anständigen Wähler sind gottlob noch immer in Ueberzahl. Aber gebrochen muß werden mit der Unlust vor politischer Aufklärung und Betätigung! Wäre die Schichte von politisch unreifen und politisch trägen Staatsbürgern in Oesterreich nicht sehr groß, dann gäbe es auch kein Feld für politische Gaukler mehr. Politisch reife Wähler könnten wohl bald solche verräterische Volksvertreter ausrollen. Sie hätten es aber auch in der Hand, ehrliche Regiernngsmänner zu erzwingen, denn wenn die Korrnmpierung der öffentlichen Presse und pflichtvergessener Volksvertreter von keinem praktischen Nutzen mehr belohnt wird, dann werden solche verwerfliche Methoden und falsche Wahlen bald von selbst verschwinden. Schließlich besitzen die Staatsbürger diejenigen Regiernngsmänner, die sie verdienen. Nieder also vor allem mit jeder Art von politischem Betrüge! Der politische Betrüger ist wahrlich noch gemeinschädlicher als der gemeine. Wird diese Wahrheit in Zukunft allgemein anerkannt und betätigt, dann können die letzten politischen Skandalaffairen eine glückliche Zukunft Oesterreichs einleiten. R. L. Ans der Woche. Die vom preußischen Knltnsminister bereits vor einiger Zeit in Aussicht gestellten Ausnahmebestimmungen für die ausländischen Studierenden an den deutschen Hochschulen, die unter dem aus Rußland herbeigeholten Schlagwort ..Prozentnorm" sich vornehmlich gegen die ausländischen jüdischen Studierenden richten, haben nunmehr feste Form angenommen. Wie der Kultusminister jüngst unter Zustimmung fast aller. Parteivertreter in der Bndgetkommission mitteilte, soll die Höchstzahl der Ausländer an den preußischen Universitäten 900 betragen. Daß diese Maßnahme, wiewohl sie mit keiner Silbe von Juden und Judentum spricht, doch Juden und u u r Jude n treffen wird und soll, bedarf