Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 8 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und ridininistratiou: Wien, II/, Novaragasse 27 5tlevdou: Stebaltiou 5609/1V. > Sbmtmftratiou 4998 II. Anabhäilgige Heitfchrifk für jüöische iSH’imuH'vet*: Ga»,jährig.K 14.— Halbjährig.IC 7 — K. k üfterr. Bostlvarkasia- €«(cf.flomo Nr. 1.00.918. Interesse«. Für SliiUiisbeiuiite: Inserate: Dir viermal gesvalteuc Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitag. Für Ausland: ^bonnemenlS- »nd Jnsertionr. >»«>„,,nt>ri„.s 9ii.nr b»rrügr nnd in Wien zahlbar und klagbar. hloito: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t> Miifttl oder l» -,src,. Ur. 8. Wien, 27. Februar 1014. Inhalt: Der niederösterr. Laudtag.— Die Vergeltung. — Aron Leidesdorf. — Ein Erinnerungsblatt von Clemens Schultz. — Verschiedene Nachrichten. — Vom jüdischen Theater in Wien. Der niederösterr. Kundlag. Die Reichshanptu. Nesideuzstadt Wien, welche mehr Einwohner zählt als ganz Niederösterreich znsammeu und mehr als 80% der Stenern des ganzen Kronlandes anfbringt, seufzt bekanntlich durch die Schuld der Christlichsozialen unter dem Kommando der Bauernschaft des Landes im niederösterr. Landtage. Obgleich die Weltstadt Wien die Quelle des wirtschaftlichen Segens für die Bauernschaft des Stammlandes der Monarchie als Konsumentin ihrer Boden- Produkte bildet, legen sich die niederösterreichifchen Bauern, denen durch die Wahlordnung für die Landesvertretnng die Majorität in derselben gesetzlich verbürgt erscheint, doch nicht die geringste Zurückhaltung auf, die Wiener Melkkuh anfs äußerste ausznnützen. Ganz ungeniert werden den bäuerlichen Organisationen zum Zwecke der Verteuerung der Lebensmittel und verschiedenen klerikalen Institutionen verhältnißmäßig hohe Summen aus allgemeinen Stenergeldern bewilligt, während man freisinnigen Wohlfahrtseinrlchtnngen nur Brosamen widerwillig hinwirft. Diese Behauptung wird dadurch erwiesen, daß beispielsweise die Kinderschuh-- und Retlnngsgesellschaft nur 500 K., die klerikalen Kiuderschutzstationen aber 15.000 K.(!), der Wiener Asylverein für Obdachlose 3000 K. der Knabenhortverein Unter- und Oberthemenau aber 6000 K.(!!) der „Verein zur Fürsorge für Blinde in Wien" 120 K., der „Blindenheimverein in Melk" aber 4000 K. (!!!) als Subvention bewilligt erhielt. Dem noblen „Aeroklub" wurden 1500 K. Landessnbvention, dem „Verein für Zahnpflege" aber nur 500 K. zugesprochen. Jeder Wiener fühlt die segensreiche Tätigkeit der Milchverwertungsvereine, die vom Laude snbventioniert werden, schmerzlich, denn seit dem christlichsozialen Regime hat die Verteuerung dieses unentbehrlichen Nahrungsmittels für unsere zarten Kinder um mindestens 60% stattgefunden und obgleich die agrarische Zentrafstelle des Reichsritters v. Hohenblnm das Fleisch durch seine Tätigkeit nahezu doppelt verteuerte, wurde diese Stelle doch vom n. ö. Landtage mit 3000 K. subventioniert". Während die Ueberweisungen aus dem Ertrage des zum Gesetze erhobenen „kleinen Fiuanzplanes" mit Vergnügen eingestrichen werden, hat die Landtagssitzung für die wiederholt versprochene Besserstellung der n. ö. Landlehrer noch immerkeine Zeit. ■ Nach Ostern werde sich der n. ö. Landtag mit den Lehrerfordernngen befassen, versprach kürzlich der Laudesansschnß Herr Knnschak und es ist auch talsächlich zu hoffen, daß dies kurz vor den n. ö. Lantagswahleu geschehen werde. Wohl aber dürfte sich eine namhafte Gehallsverbesserung nach dem bekannten Beispiele der Wiener Rathausgewaltigen nur ans solche Lehrpersonen beschränken, die das Landtagswahlrecht besitzen, die junge männliche Lehrerschasl und die Lehrerinnen haben keine Ursache zu großen Hoffnungen. Gegenwärtig gibt es aber im Landesdienste Diener, die größere Bezüge haben als die Lehrer. Mögen sich die Wiener jüdischen Staatsbürger schon jetzt zielbewußt für die kommenden n. ö. Laudtagswahlen im Jahre 1914 vorbereiten! Sie sind in Wien nicht machtlos und das christlichsoziale Regime hat auch unter der arischchristlichen Stadtbevölkerung durch seine beispiellose Preisgabe der Wiener Lebersinteressen viel Aufregung und Widerstand ansgelöst. Schläft die Regierung nicht weiter so tief, daß sie trotz der energischen Rufe der momentanen Minoritäten in den Gemeinde- und Landesverlretungen bei den Versuchen, das Wahlglück zu korrigieren blind, und taub bleibt, dann dürften die Wiener Christlichsozialen wieder ein Elferjahr erleben. Granen muß wohl der Regierung heute schon vor der christlichsozialen Stütze, die nur noch vom Wahlschwindel lebt. Auf die Dauer kann die Handhabung des Gesetzes doch nicht einseitig geübt werden, ohne den gesetzlichen Sinn der braven Oesterreicher aus Nimmerwiedersehen auszurotten. Hört der böse Spuck nicht noch rechtzeitig auf, dann muß die Reichsuumitlelbarkeit Wiens mit aller Energie angestrebt werden! Mil der Wiener Rathauswirtschaft allein werden die Wiener doch noch fertig werden. R. L. Die Vergeltung. Eine Purimbetrachtung von De. Fr. Nicht nur in alter, sondern auch m neuer und neuester Zeit bildete die sogenannte „Judensrage" die Frage, woher es wohl kommen mag, daß Israel, „dieses kleinste aller Völker", trotz grausamer Verfolgungen und Bedrückungen, denen es sowol im Altertum im Mittelalter preisgegeben war, heute noch aufrecht unter den Völkern dasteht, ungebeugt und ungebrochen, während so viele Völkerschaften, die sich vor Jahrtausenden der schönsten Blüte erfreuten, längst spurlos