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Die Wahrheit · 1914-02-20 · Heft 7 (20.2.1914) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 7 (20.2.1914)
Date
1914-02-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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f ■ Mdpktion nifb yibwintftratiiju 27, t;- ieltpoon: üiedaktion 66Ö9/1V. ■ rlbuunistrauou 1938 11. InlBratc: iNLou»«mc»lSlind J»serrio»r- S^trüfte sind in SBitit zaolvar; , . und klugonr. ^liaöhöngiAe Aeflschnft für Mische en. Erscheint jeden Kreitag. ^otto: „Vas Livxvl OoLLv8 ist Wahrheit,!“ itk’iuiMH'vei#: (i'uiijläbvirt . v- .... K 14.- Hotbiiihria.K 7.- Fnr 3VnItii~bi*aiiite: «Mniiftiiibriit..K 10- Fiir Aiivtniid: i&iuiijti’ibviii.8 M>>» ü Riidet od,r Ui jskt». Nr Wie«. 20. Februar l»14. Inhalt: Bei den Taruopolern. — Universilätsprofessor Dr. I. Szebriny. — Verband zur Unterstützung armer Israel. Wöchnerinnen. — Die Juden in den Befreiungskriegen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: "Das Martyrium eines Idealisten." Kei den Tarnopoler,». Daß ich kein Politiker bin. dürfte mehr oder weniger bekannt sein. Bin ich doch erstens noch nicht in jenes Alter getreten, in welchem man sich mit Politik befaßt, und zweitens ist mir die Politik schon vom Hörensagen so verpönt, daß ich mich nie für sie hergeben würde. Reichsraths- oder Landtagsabgeordneter zu werden, würde ich entschiedenst ablehnen, auch das Portefeuille eines Ministers und das des Justizmiuisters gewiß, weil — ich muß es offen gestehen — die Politik nnd speziell die Politik dieser Generation, welcher ich anzngehören das Glück habe, mir gerade so vorkommt, wie — ich will mich nicht grob ausdrücken — wie die „Prostitution". Wie das kommen konnte, daß ich mich herbeiließ, das Mandat eines Gemeinderates anzunehmen, ist mir selbst.unverständlich nup.nm ihnen doch verständlich zn machen, wie das plötzliche Ereignis über mich kam, nötigt mich meine im wachen Zustande stetige Wahrheitsliebe im vorhinein hier zil erklären, daß es im Schlafe war nnd ein Traum gewesen ist. Mir träumte nämlich, daß ich Mitglied des Gemeinderates bin und zwar nicht des Wiener Gemeinderates, wie es sich, wenn ich im wachen Zustande mich dazu herbeilassen würdegeziemt hätte, sondern Mitglied des Tarnopoler Gemeinderates. Daß ich ein großer Oppositioneller bin, braucht doch hier .nicht besonders erklärt werden, lese ich doch im wachen Zustande ausschließlich Wiener Zeitungen mit den farbenreichen Berichten von den'Wiener Gemeinderatssitznugen, welche einen jedem machenden, nnd wahrheitsliebenden Menschen, wie ich einer bin, zur Opposition zwingen. Ich erscheine im Gemeinderat zu Tarnopol, selbstverständlich im Traum, denn mein wirkliches Ich liegt im Bett zu Wien unter einer großen Tuchent, die wahrhaftig ans der Tarnopoler Gegend stammt. Meine Kollegen im Tarnopoler Gemeinderat, lauter solid aussehende Männer, was mich eben selbst im Traume stutzig macht, begrüßen mich herzlich. Mein Sitznachbar von Samstag in Schul, Reb Resuel Landau, auch ein Gemeinderat in Tarnopol, fragt mich, wie. nstr diesen Schabos sein Mastix gefallen hat. Herr Waslow P.iatek, ..ein Altpole, begrüßt mich „Dzien dobry panie dobrodziejft";; b.er reiche Goß.poöar Dem.etr Kohnt, ein großer stattlicher. Bauer,, mit einem.sehr freundlichem Gesichte nnd einem weißen Hemd über, den Hosen, flüsterte mir ein rutheuisches „Dal Borze zdrowie.“, zu und ich fühle mich . sehr behaglich unter..meinen Kollegen vom. Tarnopoler Gemeinderat. .../Pch "erbäte mir beim Boisitzenden das Wort zn einer kleinen niid wie mir scheint, zii einer nicht besonders, bedeutenden An- Die heutige Nnrnrner enthält eine Beila, frage, ganz genau kann ich mich nicht mehr" daran erinnern, war es doch nur im Traum und ein Traum schwindet bekanntlich zum Teil aus dem Gedächtnisse. Als ich aber zn Sprechen anhub, da stannlen mich alle mit unverständlichen Blicken an und hörten folgende Bruchteile meiner Rede, ans die ich mich noch mehr oder weniger erinnern kann: Herr Bürgermeister! In der ganzen Stadt wird über die letzte Gerichtsverhandlung im Leopoldstädter Bezirksgericht gesprochen. Ein Zeuge, um im Reichspostdialekt zn sprechen: Gut heißt er! hat Enthüllungen gemacht, die geeignet sind, ans die Verwaltung unserer Reichshanpt- und Residenzstadt ein sehr schiefes Licht zu werfen. Diese Enthüllungen des unter Eid ge- 'machten Zeugen — ja Gnth heißt er! — sind haarsträubend und der Richter — ja Pick heißt er — hat schier die Sprache verloren. Da wird erzählt von Wahlschwindeleien, vom Verbreiten von Wahllegitimaliouen, von Stimmenkaus en gros und en detail, von numerierten Zimmern: 182 heißt die Nummer! Es wird erzählt von einem Kellner der 11 mal einen Kandidaten au einem Tag wählen durfte, während mein Nachbar ein großer Steuerträger, kein einziges Mal wählen konnte, weil er keine Legitimation zugestellt bekam. Nach diesem Entdecker der unerhörten Wahlschwindelelen der christlichsozialen Machthaber — Gnth heißt er! — kommen andere und erzählen noch viel krassere, dafür aber umso gemeinere Fälle nnd in der ganzen Stadt und im ganzen Lande, ja sogar im Auslände ist dieser christlichsoziale Skandal znm Tagesgespräch geworden. Selbst nnserm eisernen Manne ist die Schamröte ins Gesicht gestiegen, daß unter seinen eisernen Füßen solche Betrügereien verübt werden können. Ist Ihnen, Herr Bürgermeister, nicht genug gewesen die Affaire Hatzel, oder die 300 Hände des Gott — Nimm, was soll man in der großen Welt über die skandalöse Gebahrung in unserem Gemeinderate denken? Schmach und Schande ist es, sich als Mitglied' dieses korrupten Gemeinderates zu wissen!..._. Ein ganz kleiner aber stämmiger rnthenischer Bauer, der keiner anderen als der rnthenischen Sprache mächtig ist, sprang hastig auf, stürzte aus mich zn nnd schrie mir mit Stentorstimme ins Gesicht zu: S i e gehören nicht in e i n e z i v i l i s i e rte Stadt, nach Wien gehören Sie, in den Wiener G e m e i n d e r a t!! Vor Schrecken erwachte ich und voll Staunen überzeugte ich. mich, daß ich wirklich in Wien bin, und als ich am selben Morgen die Zeitung zur Hand nahm und die weiteren Berichte über die Wahlschwindeleieu im Wiener Gemeinderate las, mußte r: „Glücksrad", Brünn, Rndolfsgafse 12. H

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