Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 49 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 6. Die Wahrheit Nr. 49. ' ' Großvater Heimat, ein Städtchen in. der Rheinpfalz, kennen zu lernen. So saß ich alsbald in einer Kupee-Ecke und . sah Bäume, Häuser.und Telegrapheüstaugen in rythmischer Täuschung vorübersqusen. Die Schilderung /dieser pittoresken Gegend, deren? -herrliche Gelände der Rhein wie ein silbernes Band, umschlingt, / überlasse ich Berufeneren. f r : I Als ich in M. zuut ersteumale - ohne . der Eltern - Schutz übernachtete, beschlich mich.-das nudesiulerbare Gefühl der Ber-' einsamung und ich .betete, ohne, mich der Kiudesträne zu Z schäme»,, als ich an meine Lieben in der Heimat dachte, zum^ Allpater, daß er meine ferneren Schritte gnädig lenke. Am Morgen des nächsten Tages laugte ich in.dem freundlichen G-, Großvaters Geburtsort, an. Anmutig und von Weingärten eingegrenzt, lag das Städtchen da, ich selbst.wurde voti: Haunchen, der guten, etwa 45 jährigen Base, mit Freudenschrei und Bewunderung meiner achtzehn Lenze zählenden Person begrüßt. Ich sehe mich im Triumph zum Graben, einem von einstöckigen Häusern -gebildeten Gaßchen, geführt, in dessen Mittelpunkt der israelitische Tempel und angrenzend daran Onkels Wohnhaus stand. Ein vom Alter gebeugter Greis, mit zitternden Händen und freundlich blickenden Augen trat auf mich zu, mich willkommen heißend; es war der Bruder meines in Gott ruhenden, teuren Großvaters. Schier ehrfürchtig betrachtete ich. meine neue Umgebung. Die große, peinlich reinliche Stube, den mit gelbem Kies bestreuten .Estrich und der traulichen, einfachen Einrichtung samt den weißen Mnllgardinen. .welche das niedere Fenster zierten. . Ich mußte erzählen, meine Lieben im Bilde vorführen; ich.kam mirnach stundenlanger Schilderung wie Scherezade, die Schwatzhafte, vor. Sehr gut gefiel mir am Abend das Fremdenzimmerchen, .tin. Stübchen, ein einziges kleines Fenster, das zum Hofe führte, das Mobiliar, ein Stück Urväterhausrat, gab die persönliche Note stiller Weltentrückrheit. So bestieg ich, müde von den neuen Eindrücken, mein hychanfgetürmtes Pfühl und befahl meine Seele. . - Ich wußte nicht, wie lange ich geruht, als mich das laute Krähen eines Hahnes aus meinem Schlummer weckte; mit einem Satze, der fast mit Lebensgefahr verbunden war, verließ ich meine einsame Höhe und sah alsbald den lärmenden Propheten, mit einer Schnur an einen Baum gebunden, also offenbar ein Gefangener. Onkel und Base belehrten mich, daß das arme Tier der Festbrateu sei, den sich der morgige Sabbath erkoren; fast empfand ich etwas wie Bedauern. . . Unvergeßlich bleibt mir der Freitagabend. Wie ein Willkommgrnß ans himmlischen Sphären klang mir der sinnige Choral: „Lech.0 dodi, likras kallo“. Komm, mein Freund, der Braut entgegen, den Sabbath laßt uns freundlich empfangen. Am Graben bot sich mir ein patriarchalischer Anblick. Die ebenerdigen Häuschen rechts und links festlich beleuchtet, die Tische mit weißen Tüchern bedeckt und kostbaren Leuchtern geschmückt, alles sah so friedlich, weltabgeschieden ans, nichts deutete auf diesem' glücklichen Eiland auf Menscheuhaß und Religionskämpfe. Flora Wilhelm-Fränkel. Schire neimoth nw’i'i? Synagogen-Gesänge von M. G old st e in-Steinamanger. Unstreitig gehört Max Goldstein in diesen Blättern von meinem teuren Vater bz’i oft gewürdigt —- zu den begabtesten Syuagogen-Komponisten neuerer Zeii, mau durste daher uuf ein neues Werk dieses Autors mit Recht gespannt sein. Im Gegensatz zn vielen anderen Synagogenmusikern, die ihre Ersindungs- und Empfindungsarmut oft mit einem gewissen äußerlichen, das Ohr bestechenden harmonischen und figurativen Gälingel zudecken, bergen Goldsteins Gesänge frische und innige Wahrheit des musikalischen Ausdruckes, Feinheit und charakteristische Behandlung der musikalischen Faktur; es mag für Goldsieins Individualität bezeichnend sein, daß er verschiedenen Gebet-Texten, Die zn einer gewissen Leidenschaftlichkeit oder zn .lebendigerer innerer Bewegung,. sowohl im Aeußeren der Freude- .oder des Schmerzes herausfordern würden, möglichst. aus, denn Wege geht, vielmehr sucht er die ruhigen,' weihevollen Gebete aus. wo er den Iiileiisivgräd seines Empfiildeiis nicht überschreiten will. Innerhalb dieser selbstgezogeneu, Grenzen seines künstlerischen Köntiens und .Wollens/Mmrag/.M eine. ilicht geringe Vielseitigkeit in, der musikalischen Illustration ein und desselben Gebettextes' zn zeigen; eine befoiidere Geschicklichkeit entwickelt Goldstein im ' Ansbau der vierstimmigen Keduschali. Es sind durchwegs fein ziselierte/ doch nicht' pedantische Arbeiten, deren formale Anlage und technische Struktur,, von neuem für das gediegene kompositorische Können Goldstein's ein glänzendes Zeugnis gibt. Nur in manch kantoralem Rezitativ, wo ohne Frage stets der tüchtige sin dnrcbblickt. hätte ich im Interesse der einheitlichen Stimmung mehr Sleiger-Reiuheir gewünscht; es gilt dies beispielsweise von dem invV'Nummer 9, der nicht in E-moll,- sondern wie der Nummer 4 auf der E-Basis des llisoklabaok-Steigers weit jüdischer klingen würde. - Goldstein^s kantorale Kunst und kompositorische Gewandt-- beit wirkt in unserer etwas schwächlich anmntenden Epigonen- Zeit jedenfalls sehr sympathisch; im vorgeschriebenen Rahmen begrenzt, versucht sie denselben niemals zn sprengen. Die Absicht künstlerischer Mäßigung und der dabei bewiesene gediegene kompositorische Geist sind zwei Vorzüge, die Goldsteins ueues- Opns aufs beste empfehlen. S. Singe r-Kattowitz: Handmerlrer-Siedlnug ans Merchaivjich. Bekanntlich hat der Urheber der Siedlnngsgettosienschafl in Merchawjah, Herr Dr. Franz Oppenheimer, es als ein erstrebenswertes Ziel hingestellt, die ländliche Produktivgenossenschaft allmählich durch Ansiedlung von Handwerkern auszn-' gestalten.. Erfreulicherweise haben: mm in diesem Jahre eine Anzahl von Handwerkern sich auf eigenes Risiko unweit der Oppenheimerstchen Genossenschaft angesiedelt und zu diesem Zwecke je 5—10 Dnnam per Familie erworben./ Es sind im ganzen 5 kinderreiche Familien, und zwar ein- Bäcker, ein Schuhmacher, ein Tischler, ein Fuhrmann und ein Gärtner. Erwähnenswert ist, daß diese Handwerker, die' zum Teil aus Glasgow in England, stammen, kurch längere Zeit in dem Genossenschaftsbetrieb wie auch bei Privatkolonisten landwirtschaftlich beschäftigt waren und nunmehr befähigt .sind, ihre kleinen Parzellen zn bearbeiten.; . “ Nachdem sie eine zeitlang mit ihren Familiep in arabischen Lehmhütten gehaust hatten, sind sie nunmehr an den Nationalfonds mit dem Ersuchen herangetreten/ ihnen ein Darlehen von je Frcs. 2600. — per Familie zwecks Errichtung von Haus und Hof zn gewähren. Das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds hat hierauf beschlossen, durch Vermittlung der Anglo Palesfcine Company das Darlehen von Frcs. 12/600.—- zu bewilligen. Die Mittel hierfür werden dem D a v i d n n d Fa n n y W o l f f s oh n f o n d s entnommen.,. ans dem. bereits 16 Arbeitersamilienhänser in Petach-Tikwah, Rischon le^Zion, Rechoboth und Neß Ziona erbaut worden sind. Es ist zu erwarten, daß die Handwerker-Siedlung, sowohl, zum.Gedeihen der Siedlungsgenossenschaft, wie zur Stärkung, der Kolonie in Merchawjah überhaupt wesentlich heitragen/wird. Kerschiedene Nachrichten. Wien. (G a st predi g t.) Herr Rabbiner Dr./Alo.is S ch w aus Eg er (Erlau) wird iiu Fünfhauser Genreindetenipeh .XV.,, Tnrneygasse 22, am Freitag.^ den 19. Dezember 1913/ beiniAbendgottesdieilste eine Gastpredigt halten. - - - - Wien. (B eth an s v e r e i n, 11, -Ma tzm an i-t en.g.ass e .6.) Freitag, den 26., 4 Uhr nachmittags, (Erew Schab bos Chanukah) siudet im Vereinsbethause eine Predigt Sri Ehrw. des HerrnMabbiners^Dr.. Mhx Grnnwald statt./ //. ' ' . ' Wien. Die I. Generalversammlung des---Vereines' ^M i s vo ch i" wird Sonntag, .den 21. Dezember, - 5 Ühr.nachm., im -Turnsaale^ der „Talmud-Thyrajchule" II., Malzgasse 16, abgehalten werden. / -.. . / ./ ..-Li. iv*s=aggkü