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Die Wahrheit · 1913-12-19 · Heft 49 (19.12.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 49 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' Bebofttoii 1111b Sidministration: Wie». II,, Nvvarägasis 27 ' Televhon: Redaktion öSVS/IV. Administranon 4938 11, Aüabhängige Heitschrift für jüdische Aerngopretd: Äanjliidrig.K 1*.— Halbiähiia. K 7.— f. bftcrr. Voftsvarkaffa- Schekk.Konro Nr.wtt.9l8. - Jnl'BVfltc: Interesse». fyiii* NiiltnSdeiimle: li'uiiti.ibviii. K ill.-; Dir viermal geivaltene ' Nonvareillr-Zcile 25 Heller. Erscheint jeden Ar ei tag. TVitr Aii^Imid: k.doiin-meiii»- und Jnsertions. JietTöfle nnb in Wien zahlbar und klagbar. ßlotlo: Lisxvi Ovdtv« isd t>«n.!" lilmijliimiu..8 9/iiitf, iV iXnOet oder IN Hr. 49. Wie«. 19. Dezember 3lilut(t: Die Nichtbeachtung des Sabbaths unter den österreichischen Juden der Gegenwart. — Ans der Wiener Knltusgemeinde. — Tempora U v mutantur. — Schire neimoth. — Handwerkersiedlnng auf Merchawjah. — Berschiedeue Nachrichten. Infolge der mit der Lohnbewegung im Buchdrnckergewerbe verbundenen technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung des Blattes konnte die dieswöchentliche Nummer nur in kleinerem Umfange ausgegeben werden, und bitten wir deshalb sowie wegen event. Unregelmäßigkeit im Erscheinen der nächsten Nummern um Nachsicht seitens unserer geschätzten Leser. Die Redaktion. Die Uichibeachtnng des Sabbaths unter den österreichischen Inden der Gegenwart. Wollte mau genau koustatieren, wie viele Juden, gegenwärtig noch den Sabbath.nach den religiösen Vorschriften feiern, dann wäre der Befund; für fromme Juden niederdrnckeud. Ich .glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß in Wien kaum mehr als zwei Prozent der jüdischen Einwohner noch den Tabbath heiligt. In Nr. 47 d. Bl. wird nun über einen Vortrag des akademischen Malers, Herrn Professor David Kohn. berichtet, den derselbe über die Bedeutung der Sabbathfeier im Vereine .der Sabbathfrennde ^Lcrdoiurv 8odabdo3^ gehalten hat. Der Vortragende beschränkte sich nicht darauf, die Zuhörer zur strengen Beobachtung der Sabbathfeier anfzufordern, da er als gebildeter Weltmann wohl erkannte, daß bei unseren derzeitigen Gesetzen über die Sonntagsheiligung .und unseren tristen Erwerbszuständen eine solch.einseitige Aufforderung erfolglos bleiben . müsse. Um .nun nicht ganz und gar hem Prediger in der Wüste zu gleichen, richtete er an die Anwesenden die dringende Aufforderung, fromme, jüdische Handwerker und Händler auch durch Zuwendung von Arbeit und Verdienst tatkräftig, zu unterstützen. Auch die anwesenden Vertreter der israel. Kultusgemeinde forderte der Vortragende auf, den frommen Verein tatkräftiger als bisher zuunterstützen. / . . .. .-Tatsächlich gleicht, gegenwärtig der jüdische Arbeiter, Handwerker und kleine Geschäftsmann dem.willenlos gemachten Soldaten. Soll er mit seiner Familie nicht ganz verarmen und dem Hunger preisgegeben sein, dann steht . er oft unter dem Zwang, am .Samstag zu arbeiten und es wird keinem Einsichtigen leicht sein, von solchen schwer bedrängten Leuten ernstlich zu fordern, sie. sollen aus Frömmigkeit unbedenklich das Martyrium der bittersten Armut nicht nur, auf ihre eigene Person, sondern auch auf ihre lieben Angehörigen festlegen. Un w iderstehl ich er Zwang bildet bekanntlich sogar für Schwerverbrecher einen gesetzlichen Strafausschließungsgrund und deshalb befinden sich religiöse Eiferer im Unrecht, wenn sie alle Sabbathbrecher ausnachnslos verurteilen. Nach dem angezogenen Berichte erklärte der anwesende Vizepräsident der Wiener Knltusgemeinde, er sei bereit, ein eventuelles Ansuchen des Vereines um eine größere Subventionierung zu unterstützen. Beschränkt sich jedoch die Sabbathförderung der Knltusgemeinde nur auf eine ausgiebigere Unterstützung des „LodoMrsSohaddos«-- Vereines, dann muß der Erfolg ebenso unbedeutend sein als es das Resultat der Al aßnahmen der Wiener Kultusgemeinde betreffs der Erhältlichkeil von Koscher-Fleisch geblieben ist. Die Anfrechterhaltung religiöser Vorschriften bedarf großer Aufwäude seitens der Religionsgemeinden und es wäre rmbillig, solche Kosten ganz allein auf die Schultern frommer, armer Teufel zu legen.*) In der Richtung der religiösen Erziehung böte sich für die Vertreter der israel. Knltusgemeinde auch noch ein weites Betätigungsfeld in den öffentlichen Schulen, in denen sogar das Gesetz den Lehrkräften vorschreibt, den religiösen Bedürfnissen jüdischer Schulkinder bei Festsetzung des Stundenplanes Rechnung zu tragen. Mindestens an den Schulen mit jüdischer Schülermajorität könnte bei Entfaltung größerer Energie wohl mehr geschehen. An solchen Schulen müßten auch die jüdischen Feiertage als gesetzliche Feriallage zu erreichen sein l Auch Lesebücher mit spezifisch jüdischen Lesestücken (Beschreibung religionsgeschichtlich wichtiger Orte im heiligen Lande. Schilderung des Lebensganges uild Charakters großer, jüdischer Männer nsw.) müßten sich in solchen Schulen durchsetzen lassen. Es ist sehr erfreulich, daß die Wiener israel. Kultus» gemeinde das Bibelstudium energischer als früher in die Hand nimmt, aber sie müßte eifervoll darüber wachen, daß die Jugend in den öffentlichen Schulen dem Judentume nicht entfremdet werde und die religiöse Familienerziehung wieder zu erwecken und zu heben suchen. Es ist dies wohl schwierig, aber nicht unmöglich. Bei Opferwilligkeit könnte die israel. Knltusgemeinde zu solchem Zwecke. Elternabende veranstalten, wo tüchtige Prediger und Lehrer die Elternherzen rühren. Auch Vorführung geeigneter Lichtbilder, in denen jüdisch-religiöses Familienleben gezeigt wird, wäre in solchen Elternabenden nicht überflüssig, weil es tatsächlich schon leider viele jüdische Familien gibt, die es aus eigener Anschauung nicht mehr kennen. *) Es liegt auch kein Grund zur Annahme vor, daß dies in den Intentionen der Wiener Kultusgemeinde liegt. Die Redaktion.

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