Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 45 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Aedaktiön und Äduiiuikiratiou: 'Min.'''ll),''Novaitigahe'27 : Telephon:, Redaktion 5509|1V. Administration ‘4938 II. Mische Verng»i>ret»: Ganzlstluig.K 14 — Halbiährig.K 7.— 3C.. f. Ssterr. Boitjvartasta» . Eedeek-Konro 9lr. 300.918. InleratL: Jittferejjett. tViir Jfii(tii3bruiiite: ’M.uujiitji irt.K In. - Tie viermal gespaltene »tonpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ilreitng. Mw Ausland: ' AbdnneminlS- »nd Jniertiöns. derräge sind in SlNen;ablvar und klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ iMiiinItlOiiu.S Wlurt tr Sllitön oder IK Are». Ur. 45. Wien. 21. Uovember HMli. In halt r Die Behandlung der armen Kinder in Oesterreichs — Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands. — Religiöse Streiflichter. —* — Kaiserlicher Rat Direktor S. Heller. — Ein kurzes Gespräch.! — Die englische Regierung sür die Balkanjuden. — Verschiedene Nach- .richten. — Publikationen des Oesterr.-ungar. Kantoren-Bereines.; Die Behandlung der armen Kinder in Oesterreich. . Selbst die ärgsten Judenfeinde bestreiten es nicht, daß die Inden im allgemeinen, durch elterliche Opferfreudigkeit und Aufopferungsfähigkeit für ihre Kinder hervorragen und in dieser Richtung als Muster gelten können. Jüdische Eltern arbeiten oft über ihre Kräfte und legen sich selbst alle erdenklichen Entbehrungen auf, um von den geliebten Kindern leibliche und geistige Not abznhalten. Die meisten jüdischen Eltern sind bestrebt, ihre Kinder die vorhandenen Bildungsanftalten ausnützen zu lassen und hüten sich ängstlich etwas zu unternehmen, was die -Kinder in dieser Richtung beeinträchtigen würde. Selbst das ärmste jüdische Elternpaar würde es beweisen in der Regel vermeiden, ihr schulbesnchendes Kind schon früh morgens als Milch- oder Zeitungsausträger verwenden zu lassen, um durch derartige Kinderarbeit das Einkommen zu verbessern. Aber die Wiener Nolksschullehrer können darüber Auskunft erteilen, daß viele arisch-christliche Schulkinder morgens bereits ermüdet und abgespannt m die Schule kommen, wo sie oft vergebens die Schlafsucht zu überwinden suchen. Der letzhin veröffentlichte staatliche Bericht über die Kinderarbeit in Oesterreich hat nun grauenhafte Tatsachen über diesen schrecklichen Mißbrauch der Kinder anfgedeckt. Mehr a l s e i n D r i t t e l aller Schulkinder Oesterreichs muß Erwerbsarbeiten leisten! . Ein Viertel davon arbeitet bei Nacht! Oft werden schon vierjährige Kinder zur Arbeit gezwungen! Dies geschieht aber nicht nur bei der Heimarbeit, sondern man verwendet sie auch in Werkstätten und Fabriken! Das Groß solcher unglücklicher Kinder stellen freilich die sogenannten „ledigen Kinder", d. h. solche Kinder, deren Eltern nicht früher den kirchlichen Segen eingeholt hatten und ihnen keinen/elterlichen Schutz bieten. Der Kinderschutzkongreß in Salzburg brachte diese ^grauenhaften Tatsachen in die Oeffentljchkeit und man erfuhr, daß der Sklavenhandel auch in Oesterreich und ganz Europa noch blühe. Es werden die Kinder als Feldarbeiter und Hirten ganz regelrecht in entfernte Gegenden, nach Deutschland, ja selbst bis nach Holland und Dänemark verhandelt, und verschickt. Diese Kinder werden nicht nur in ihrem geistigen Fortkommen geschädigt, indem man sie der Schule entzieht, sondern sie entarten auch oft sittlich. Wurden doch Fälle bekannt, daß solche s ch u lpf l i ch tige Mädchen auf ihren, auswärtigen Dienstplätzen von Wüstlingen zu Müttern gemacht wurden! Trotzdem gab es auf diesem Salzburger Kinderschntz- Kongresse Volksvertreter, sogar geistliche Herren, welche diese Kinderarbeit noch verteidigten! Die österreichische Lehrerschasr hat gegen diesen Kinder- ' mißbrauch Stellung genommen und den Anstoß zu dieser ganzen kinderfreundlichen Aktion hat der Plötzlich verstorbene erste Sekretär der „Freien Schule" und Blindenlehrer an der israet. Blindenerziehungsunstalt auf der Hohen Warte zn Döbling, Herr Sigmund Kraus, ein Jude, gegeben. Nun hat die „Freie Schule" die Aufgabe übernommen, das Gewissen der Wiener und Oesterreicher für diese armen ' Kinder aufzurültelu, indem das durch die Kinderarbeit entstandene Kruder elend in Versammlungen besprochen wird. Die Lehrerschaft und die sozialdemokratischen Abgeordneten streben überhaupt das gesetzliche Verbot der Kinderarbeit nn gewerbsmäßigen Sinne an. Man dürfte aber in Oesterreich schon froh sein, wenn es in dieser Richtung bei den vorhandenen gesetzlichen Bestimmungen bliebe und dieselben strenge befolgt werden müßten. Nach deni Gesetze vom 8. März 1885, R.-G.-Bl. Nr. 22 dürfen nämlich „Kinder vor vollendetem 14. Lebensjahre zn regelmäßigen gewerblichen Beschäftigungen in fabriksmäßig betriebenen Gewerbsnnternehmungen nicht verwendet werden." (§ 96 b) Wird dieser Kindermißbrauch nicht f a b r i k s m ä ß i g betrieben, so ist es für 12 bis 14 jährige Kinder gesetzlich wohl erlaubt, aber selbst für diese Kinder gibt es Klauseln, welche,, wenn dieselben strenge beachtet werden müßten, den Kindermißbrauch gewaltig einschränken müßten, denn die betreffenden gesetzlichen Bestimmungen lauten: „Kinder vor vollendetem 12. Jahre dürfen zu regelmäßigen gewerblichen Beschäftigungen nicht verwendet werden." „Jugendliche Hilfsarbeiter zwischen dem vollendeten 12. und vollendeten 14. Jahre dürfen zu regelmäßigen gewerblichen Beschäftigungen verwendet werden, sofern ihre Arbeit der Gesundheit nicht nachteilig ist und die körperliche Entwickelung nicht hindert, dann . der. Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht nicht im Wege steht." (§ 94). Am Salzburger Kinderschutzköngresse gab es Konstatierungen verderblicher Gesundheitsstörungen, ja bleibender i Rückgratsverkrümmungen durch die Kinderarbeit. Wie groß muß die Not fein, wenn Eltern solchen Mißbrauch, ja Raubbau an den noch zarten und wenig widerstandsfähigen Kindern zugeben, denn alle Menschen lieben naturgemäß ihre Kinder! Die besser situierte Gesellschaft doku-