Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-10-31 · Heft 42 (31.10.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 42 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063716--08741-3075933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaktion und Administration: Wien, II/, Novaragasse 27 Televdon: Redaktion 5609/1V. Administration 4938/11. AnakHängige Aertfchnft für jüöische Verug»pret»: (iViiiijliiüiiu.K 1*.—: Haldiälnig.K 7.— Jt. k. üfterr. Postsvarkaflakch-ck-Koino Nr. 100.918. Intere^eu. Ziir 5!nltii-5beiiiute: . K lo.— InleraiL: Dir viermal geivaltene Ronpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ilreitng. ft-nt Auslnitd: Abonnements- und Insertion», betrüge find in Wien zahlbar und klagbar. Mott«: »Dos Siegel Gottes ist Wahrheit!“ <MnmlilOiil|.8 Mark ti Üllll'fl »der IN ftrcS. Ilr. 42. Wien. 31 Oktober Inhalt: Politische Lehren aus der letzten Reichsrats-Ergänzungswahl im VI. Wiener Wahlbezirke. — Der Justizskandal in Kiew. — Ein Briefwechsel zwischen Lord Rothschild und dem Kardinal-Staatssekretär anläßlich des Kiewer Prozeßes. — Zur Konstituierung der Kultusgemeinde in Innsbruck. — Vom jüdischen Waisenmädchen, das im Ministerpräsidium wohnt. — Verschiedene Nachrichten. — Die Macht der Gattin des Gemeindepräses. — Publikationen des österr.-uug. Kantoren-Vereines. Politische Kehren ans der letzten Rkichsrats-Grganxnngsmahl im Vl. Wiener Wahlbezirke. Bei der am 14. Oktober 1913 erfolgten Stichwahl gab es 18.059 abgegebene Stimmen gegen 17.853 am Hanptwahltage am 8. Oktober, also um 206 Wahlstimmen mehr. G i l tige Stimmen gab es bei der Stichwahl 17.470 gegen 17.072 bei der Hanptwahl, also nm 398 mehr. Von diesen erhielt der Sozialdemokrat Eldersch am Stichwahltage 8455 Stimmen gegen 6934 am Hanptwahltag, also nm 2521 mehr. Nachdem der freiheitliche Kandidat Herr Blasel am Hauptwahltage 2535 Wahlstimmen auf sich vereinigte, so ist der Hauptsache nach die Wahlhilfe der Bürgerlich-Freiheitlichen für den sozialdemokratischen Stichwahlkandidateu am 14. Oktober erwiesen. Der christlichsoziale Wahlwerber Dr. Mataja erhielt am Stichwahltage 9015 Stimmen gegen 7761 am Hanpnvahltage, also um 1254 mehr. Vorausgesetzt der Wahlschwindel wäre am Stichwahltage nicht noch ärger praktiziert worden als am Hauptwahltage, daun mußten alle 467 Stimmen der Deutschnationalen, 332 der Separatisten, alle zngewachsenen gilligen Stimmen und die 43 zersplitterten Stimmen vom Hauptwahltage auf Dr. Mataja lauten, um diesen Sieg der Christlichsozialen herbeizuführen. Mag nun auch manche bürgerlich-freiheitliche oder — sozialdemokratische Stimme am Stichwahltage von den Christlichsozialen erkauft, erpreßt oder sonst wie ergattert worden sein, der Hauptsache nach bleibt es doch erwiesen, daß nicht die Bürgerlich-Freiheitlichen, sondern alle anderen bürgerlichen Parteien nnd die Separatisten den Wahlsieg der Christlichsozialen verschuldeten. Die Nationalisten verbinden nämlich überall den Judenhaß mit dem Hasse gegen die Arbeiterschichte. Dieser Haß bildet gegenwärtig das vornehmste Merkmal sowohl der Dentschnationalen als der gelben Separatisten in Oesterreich. Er ist so gewaltig, daß sie darüber alle kulturellen Interessen ihrer eigenen Nation verraten und vergessen. Die Nationalisten setzen sich allezeit aus diesem Grunde mit den schwärzesten Reaktionären zusammen und die Alttschechen waren seinerzeit ebenso bereit dem Fendaladel und der katholischen Kirchenherrschaft zur Macht in.Oesterreich zn verhelfen, als dies gegenwärtig die Dentschnationalen tun. Die Ritualmordprozesse sind überall nur Produkte dernationalistisch-bestialistischen Mache gewesen, siehe Hilsner-Prozeß in Böhmen und den gegenwärtigen Beilis-Prozeß in Kiew. Begehen aber diese Nationalisten ihre Verbrechen an der Kultur ans nationaler Leidenschaft, so verschuldet der politische Blödsinn und die politische Unkenntnis nicht weniger den gesamten kulturellen Rückschritt. Trotzdem es bekannt ist. daß leere Stimmzettel ungiltig sind, haben doch bei der Hanptwahl 741 Bürger nnd am Stichwahltage 527 solche abgegeben. Diese Wähler waren doch sicherlich nicht christlichsozial gesinnt nnd doch haben diese eingebildeten „Ganzgescheiten" dem Dr. Mataja zn seinem Wahlsiege geholfen. Hütten sie ihre Stimmen auf Eldersch vereinigt, dann wäre der Wahlsieg der Christlichsozialen auf die geringe Majorität von 33 Stimmen eingeschränkt. Politische Aufklärung ist daher zahlreichen Staatsbürgern noch sehr nötig. Die übertriebene Entmutigung, denen sich nun viele freiheitlich gesinnte Bürger hingeben, ist aber weder begründet noch am Platze. Die Bürgerlich-Freisinnigen haben einen bedeutenden moralischen Erfolg errungen nnd wenn sie diesmal der List und Gewalt der Christlichsozialen auch erlegen sind, so ist doch durchaus kein Grund zu Hoffnungslosigkeit gegeben. Mögen sie sofort wieder ruhig und zielbewußt ihre politische Arbeit fortsetzen. Wenn ihr politischer Fortschritt das gleiche Tempo bewahrt, wie in der Zeit 1911 bis 1913, dann ist für die Christlichsozialen ein ähnlicher Wahlersolg anläßlich der kommenden niederösterreichischen Landtagswahlen oder gar Reichsratswahlenausgeschlossen. Die Arbeit, welche bisher der niederösterreichische Landtag oder der Neichsrat geleistet haben, konnte den herrschenden Parteien keine neuen Freunde erwerben. Nur mutig heran zu weiterer stetiger und energischer politischer Arbeit! R. L. Der Instizskandal von Kiew. Der große Haufe ist allerwärts Ochs mit den beiden Hörnern Aberglaube und Intoleranz. K. I. Weber. Der bisherige Verlaus der Verhandlungen in Kiew zeigt das typische Bild aller bisherigen sogenannten Blutbeschuldigungsprozesse: Einander widersprechende Zeugenaussagen, geschäftige Zuträger allerlei imkontrollierbaren und verlogenen Klatsches, dieses „boshaften Ungeheuers", wie ihn der Dichter mit Recht nennt, getaufte Juden als Kronzeugen für die Existenz des Blntaberglaubeus, das besondere antisemitische Untersuchungskomitee, das sich in Kiew sogar als Nebenkläger etablieren durfte, die zunächst nur schüchtern, dann aber immer dreister sich hervorwagenden Verdächtigungen der Polizei, daß sie den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.