Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 41 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063715--08735-3075926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. . Die Wahrheit, Nr. 41. Vorsteher, „gesetzlich verboten, das Gebet leise zu verrichten? Wurde nicht einst auch im jerusalemischen Tempel der Gottesdienst in würdiger weihevoller Weise verrichtet?" „Allerdings wurde im heiligen Tempel in Jeruschaloim", erwiderte der Rabbi, „der Gottesdienst in musterhafter Ruhe und Ordnung, sogar mit Orgelbegleitung abgehalten, da aber später die Nichtjuden diese Tempelformeu in der Kirche eingeführt haben, wurden sie als Chnkas hagoj betrachtet und der synagogale Gottesdienst mutzte eine andere Form erhalten und ganz umgestaltet werden." — Diese Antwort imponierte dem Vorsteher und er mußte daher die Ansicht des Rabbi gelten lassen. Wäre er aber ein Fachmann gewesen, so hätte ihm diese Behauptung des Rabbi durchaus nicht imponiert, sondern er würde dagegen eiugewendet haben: „Weiß denn der Rabbi nicht, daß die Thora, als sie den Bekennern des Judentums jede Nachahmung fremder Kultur strengstens verboten, nur die Heiden (Götzendiener), und zwar jene, die selbst die sieben noachidischen Gebote nicht beobachteten, im Auge hatte. Um die Israeliten vor jedem Umgänge mit diesen grauenerregende Greueltaten verübenden Heiden, die selbst ihre eigenen Kinder dem Moloch opferten, fern halten zu können, wurden selbst jene Formen, die ursprünglich in Israel gebräuchlich waren, sobald sie die Heiden bei ihrem Kultus eingeführt hatten, strengstens verboten. Die auswärtigen Heiden aber, die nicht so ruchlos waren wie die Kananiter, halte man schon milder behandelt. So heißt es auch im Talmud (Cholin 13): „Die Heiden im Anslande sind keine Götzendiener, sie haben bloß die Sitten und Gebräuche ihrer Väter beibehalten." „Nun aber leben wir doch unter Völkern, die überhaupt keine Heiden, keine Götzendiener sind. Die Tosafisteu haben zu wiederholtenmalen (Abod. sara 2, Bechor 2, Sauhedr. 63) es betont, daß die Nichtjnden (Christen und Mohammedaner) nicht als Heiden betrachtet werden dürfen, daß sie an den Gott des Himmels und der Erde glauben. Ebenso bemerkt „Rema" im Or. Chajeim 156: „Die Christen sind keine Heiden, denn sie glauben trotz ihrer Trinität an Gott, der der. Schöpfer des Welltalls ist". (Fortsetzung folgt.) Unesane tokef. Liturgischer Synagogengesang für Kantor, Chor und Ge« meiudegesang mit Orgelbegleituug vou M. Heule, Op. 15. Zum heurigen Neujahrsfest 5674 hat uns Herr Kollege Oberkantor Heule aus Hamburg, dieser verdienstvolle, nunmehr Veteran gewordene Chasan. einen Sanetokef beschert, welcher IN drei Teile eingeteilt die wichtigsten Momente vou Jeme hanauroim musikalisch, oder besser gesagt, das Chasomsehe in musikalischer Gewandung darstellt. Durch alle diese Teile zieht sich ein Motiv, ein Gedanke. Was uns aber bei der feierlichen Einleitung sofort auffällt, ist die Our-Tonart £ Warum das Helle Our? Ist die Wahl einer Moll-Tonart nicht bester angebracht? Wären die brausenden Orgeltöne in F-moll für das vorzubereiteude dies ire unseres Gottesdienstes am heiligen Gerichtstag nicht geeigneter? Doch das ist Austastung. Die Orgel leitet uns mit einem Jnterludium zum Beroscli haschonoh nach A-moll, nm bei dem Worte Mi jichjeh in die wehmütige Stimmung des F-moll zu kommen. Hier ist er im Fahrwasser der altliturgischen Art und schließt bei mi jeoni. Nun' folgt der Chorsatz Use sehuwoh. usefiUo, der diese dreieinige Meuschentugend von Buße, Gebet und Wohltätigkeit in tiesreligiöser Weise wiedergibt. Ein abermaliges Zwischenspiel, welches das stille Gebet Xi ELeschimcho markieren soll, führt uns nach 'der Tonart Os, in welcher der Borbeter den Satz Im joschuw beginnt. Dieses Motiv wird vom Chor übernommen und sortgesührt, worauf der Vorbeter, getragen von der trostreichen As-dur-Tonart, das Odom jesodo meofor allein vorträgt und zweimal in die Tiefe des C-dur hinabstürzt. um mit dieser charakteristischen Wendung der Nichtigkeit des menschlichen Lebens Ausdruck zu verleihen. Hieruut schließt der Chor V’atto hu melech und auch der Meister Heule hat hier seine Aufgabe getreu erfüllt. Möge ihm diese Schöpfung zum weiteren Ruhme werden. I u n g b u n z l a n, Ende September 1913. B. S. Grillparzers Werke in sechzehn Teilen, herausgegeben, mit Biographie, Einleitungen und Anmerkungen versehen vou Stefan Hock. Goldene Klassiker-Bibliothek, Deutsches Verlaghaus Bong & Co. Berlin. Durch die Straßen Wiens gehr ein altes Männchen, mit scheuen Schritten gebückt, die Augen zu Boden gehestet. Keiner, von den zahllosen Spaziergängern, die an ihm vorübereileu, würdigt ihn eines Blickes; niemand grüßt chn, niemand bleibt stehn, um ihm nachzublicken. So geht er langsam jeden Mittag, denselben Weg von seinem vier Treppen hoch gelegenen Junggesellenstübchen nach dem nahen Speisehaus, und so macht er jeden Abend, die Hände auf den Rucken, seinen einsanieu Spaziergang durch wenige Straßen. Es ist Franz Grillparzer,' Oesterreichs größter Dichter, der, nach glänzenden Erfolgen im Anfang seiner .dichterischen Laufbahn, durch Mißerfolge in seinem Amte verstimmt, durch die rohe Ablehnung seines Lustspiels „Weh denr, der lügt" tief verletzt, durch den unseligen Verlaus seiner Liebe zu Kathi Fröhlich verbittert, nun einsam und von seinen Landsleuten.vergeffen, ein früh Gealteter, die besten Jahre i seines Lebens ohne Schaffenslust hindämmert. Als sich endlich die Jugend i des . unter ihr lebenden großen Dichters i erinnerte und seine schon verj schollenen Dramen unter Laubes Direktion wieder, aufgeführt und. zn,voller. Wirkung gebracht wurden, Hatte der Greis für den sich nun reichlich ein— stellenden Ruhm nur ein müdes „Zn spät". — Nicht zu spät, aber spät genug wird dem Gesamtwerke des Dichters eine würdige Ausgabe zu teil. Es ist das Verdienstßder Goldenen Klassiker-Bibliothek und .insbesondere ihres Grillparzerheransgebers Stephan Hock, zum. erstenmal die ganze bisher gedruckt vorliegende Lebensarbeit dieses Dichters vereinigt unddiejenige Korrektheit der Texte, die gegenwärtig möglich ist, hergestellt zu haben. Die Dramen waren von allen früheren Herausgebern im wesent-- lichen auf Grund der ersten Gesamtausgabe gegeben worden, welche die Texte kritiklos nach Einzeldrucken und Handschriften adgedrnckt und so die von Grillparzer zwischen Niederschrift und Drucklegung, zwischen Drucklegung und Aufführung vorgenommenen entscheidenden Verbesserungen Wieder beseitigt hatte. Hwr zum ersten Male werden die Dramen in der' von Grillparzer selbst gewollten Gestalt wiedergegebeu. Eine ähnliche Sorgfalt wurde den Gedichten zugewendet, die außerdem nach vernünstigeil Grundsätzen in drei deutlich unterschiedene Gruppen neu geordnet werden mußten. Die Studien, Fragmente und Pläne, die allmählich ans Licht' getreten sind, lagen zwar schon ziemlich vollständig vor, aber auch hier geht die neue Ausgabe an Texrgestaltung, Anordnung und Erklärung üben den bisherigen Stand der Forschung hinaus. Alles Tagebuchartige wird an einer Stelle znsammengesaßt und streng chronologisch geordnet und als: fernere Lebeusdokumeute werden auch die Briefe und die bisher ganz^ ungenügend veröffentlichten amtlichen Aktenstücke und Berichte Grillparzers der Ausgabe beigefügt. So steht nun der Dichter und Mensch zum ersten Male ganz deutlich vor unsern Augen. Den einzelnen Werken har der seit vielen Jahren in der Grillparzersorschung stehende Herausgeber in Einleitungen und Anmerkungen alle nötigen Erläuterungen beigegeben, so daß nicht nur für den Laien, sondern auch für den Kenner die Benutzung anderer kostspieliger Literatur überflüssig wird. Und aus den Tagebüchern und Briefen in Verbindung mit Hocks formvollendetem Lebensbild tritt uns der Mensch entgegen, dieser äußerlich rauhe, unzugängliche und oft unliebenswürdige Sonderling, der innerlich so reich, so sensibel, so voll glühender Phantasie war und dem wir in seiner Einsamkeit die tiesste Sympathie nicht versagen können. — Die Ausgabe liegt in sechs geschmackvollen Bänden, auf weißes Papier gut gedruckt, mit wertvollen Bilderbeilagen geschmückt, zu dem billigen Preise von M. 12.— vor uns. Sie wird auf Jahrzehnte hinaus die wissenschaftlich einzig brauchbare sien^ zumal da der Verlag als Ergänzungsband ein groß angelegtes Gesamtregister vorbereitet, und sie wird ein für allemal die klassische Grillparzer- Ansgabe bilden für jedes Haus, in dem deutsche Dichtung eine Heimstätte stndet. Verschiedene Uachrichte» Wien. Herr Rabbiner Dr. I. M. Bach wird am Scheminiazerethfeste (Donnerstag, den 23. Oktober 1913) im Leopoldstädter Tempel beim. Morgengottesdienste die Predigt halten. Wien. („Beth Ha am" Jüdisches Volksheim, XVI., Wurlitzergaffe 11.) Das jüdische Volksheim hat sich seit einer Reihe von Jahren die Aufgabe gestellt — und auch erfüllt — durch Haltung von Vorträgen, Konzerten und Kursen die Volksbildung und Volkserziehuug der sozial gedrückten jüdischen Bevölkerung der westlichen Bezirke Wiens zn fördern und das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Juden dieser Bezirke neu zu beleben. In dem neuerbauten Hause des Ausspeisungsvereines steht ein über 200- Personen fassender Konzertsaal dieser gottgefälligen Institution zur Verfügung. Um seinen hehren Aufgaben und Zielen gerecht zu werden, erlaubt sich der Vorstand/obgenannten Vereines, an jene Persönlichkeiten, die diesem Unternehmen sympathisch gegenüberstehen, mit der dringenden Bitte heranzutreten, ihn durch Anmeldungen von Vorträgen , oder Mitwirkungen bei Konzertenzu unterstützen und sich dadurch den aufrichtigen Dank aller Halleubesucher zn sichern. Anmeldungen von Vorträgen und Konzerten wolle man gefälligst an den Präsidenten Dr. Martin F ö r st e r, XVI.,. Thaliastraße 22, gelangen lassen. Wien. (Todesfall.) Am 10. d. starb im 48. Lebensjahre Frau Wilhelmine Serebrenik, die Gattin des Ersten Kantors am Währinger Tempel, Herrn Leopold S e r e b r e n i k. Das Leichenbegängnis fand am 12. d. vorn Trauerhause, XVIII., Schopenhauerftraße 39, untergroßer Teilnahme statt. Unter den Anwesenden bemerkte man den Kultnsvorsteher Emanuel Ho ff mann, ferner die Bethansvorsteher Direktor Glücksthal, Rich. Bergmann, Jacques Karpeles, Jakob Grotte und Josef No s s i g, die Vorstände der Chewra Kadischa Leopold Geiger, Dr. Winter und Leopold K r e i l i s h e i m, den Sekretär- Stellvertreter der Wiener Knltusgemeinde Herrn Emil Engel, die Amtsleiter Herren Wilhelm F r e i st a d t und S. R o ch m i s. den Bibliothekar Dr. I. Münz, die Präsidentinnen des Franen-Vereines vom 18. Bezirks Frau Ho f f m an n, Frau Rabbiner Dr. Feuchtwang, die Vorstandsdame Frau Dr. Winter. Der 16./17. Bezirk war vertreten durch den Obmann des Ottakringer Tempels Herrn Hof- und Kammerphotographen S. Weitzmann. In Vertretung des Kantorenvereines erschienen Oberkantor Bauer, Oberkantor Morgenstern, 1. Kantor Schleifer, 1. Kantor M. B. Kaufmann undl. Kantor I. Smotritzky, ferner Oberkantor Don Fuchs, 1. Kantor Mathias und Kantor Jlme r. Die kantoralen Funktionen versah in erhebender Weise Oberkantor,Jos. Morgenstern, mit dem Chore. Am Zentralfriedhose, woselbst Herr Oberrabbiner Doktor Gndemann anwesend war, sprach Rabbiner Dr. Feuchtwang einen ergreifenden Nachruf und schilderte die großen geistigen Vorzüge,'die hohe