Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 37 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 37, Die Wahrheit Seite, II Wiesbadener Kynagagen-Gefange. -Eine Sammlung gottesdienstlicher Gesänge, für Kantor, Soli, ~ Gemeindegesäng, gemischten und Männerchor. Herausgegeben von Oberkantor A. Nuß b a u m und Dirigent Otto Wernike au der Hauptsynagoge zu Wiesbaden. Besprochen von Oberkantor B. Singer, Jungbünzkau. Ans dem eleganten Sejour von Fürsten und Edlen aller Meiche kommt uns ein Bote ins schöne Böhmerland, gleich -einer Friedenstaube hereingeflogen, niewasser tauw, eine Heilsnachricht bringend ans kantoralem Kreise, mit einer Gabe, die -eine Blütenlese, von- - feinstem _ musikalischen Aroma enthält. Denn die besten Namen, sehen wir vereinigt, duftende Spenden ei zu fügen zu dem Werk, welches von den beiden Obgenannten -anläßlich des fünfzigjährigen Bestandes des Wiesbadener Synagogen-Gesangvereines herausgegeben wurde. Die geehrten Herausgeber sind, wie ja dies das Vorwort -auch besagt, in der günstigen Lage, einen vortrefflichen Chor, der lange Zeit im Mittelpunkt des Wiesbadener Musiklebens stand, ihr eigen zu nennen, und darin liegt auch der Grundgedanke, sich zu einem solchen Werk emporznschwiugen, um der musikalischen Welt die Früchte dieser Schule vorznsühren. Gleich der Matowu des Herrn E. Uhl: er führt.uns -mit edler Harmonie in die geheiligte Stätte, und seine Chorsätze sind lauter denn Gold;nur wäre es wünschenswert gewesen, den O-moll-Satz als Kantorsolo zu behandeln, er würde den Glanz der Piece erhöhen. Die nächste Nummer, ein Lecbö daudi von He n l e, Oberkantor in Hamburg, für kleinen Chor. Er ist als Gemeindegesäng wie geschaffen. Da tritt Herr Dirigent W e r n i k e schon anspruchsvoller auf. Was diesem Lecbo daudi ein besonderes Relief gibt, ist der Schlußsatz bei Boi wescbolom. Der Chor wiederholt den Refrain, 'während der Kantor mit dem Rufe „L’cbo!“ in den Schlußsatz eingreifend, diese bräutliche Aufforderung austönen läßt. Es folgt dann ein Zaddik katomor, und zwei Adonoj molocb, von den Kantoren Berggrün und K a m i n s k i, .zu welchen Herr Kollege N n ß b a n m den Tonsatz hinzufügte, der sich hierin als tüchtiger Fachmann erweist, denn die Piecen ffiltd in der richtigen Kautilation der Adonoj moloob-Tonart mit einer L-Vorzeichnnng dnrchgeführt. Nun kommen einige „"Wescbomru“ und da begegnen wir mit Vergnügen dem für Kultivierung des Synagogen- Gesanges stets regsamen Freund und Kollegen T e n n e n b a u m, Oberkantor in Stuttgart. Herr Tennenbaum versteht es seine .Hörer zu fesseln. Sein ki schesches jomim mit dem dominierenden Teuorsolo wird stets einen erhebenden Eindruck hervorbringen. Von den beiden folgenden Segensprüchen (über Wein) wäre nur zn^ bemerken, daß sie wohl melodiös gut erdacht sind, aber durch zu viel Begleitung dem freien Vortrag des Kantors Fesseln anlegen, wie es auch Fesseln sind, die eine „Königin" begleitend anschmiegen, die man sich gern bei anderen Hiecen gefallen läßt. Dabei widerfuhr Herrn Dirigenten Wernike in seinem Xidusob das dem Synägogengesang weniger Förderliche, daß er bei zwei Stellen theatralische Auklänge brachte. Hören wir nicht bei „ki ku jom t’billo“ etwas 'Tannhäuser?, und. bei „mikol boamim“ den biedern Waffenschmied? Aber schön -ist es doch! wird der Enthusiast sagen! Doch da wir gerade bei der Bühne halten, so möge der Ledusoba Nr. 18 gedacht werden, welche der am Wiesbadener .Hoftheater wirkende Hofopernkapellmeister Iah n, der später als Direktor der Hofoper nach Wien - berufen wurde, komponierte und welcher die Ehre zuteil wurde, vor dem damaligen Kronprinzen Fr i e d r i ch Wilhelm und seiner erlauchten Gemahlin Viktoria, von dem Synagogen-Gesangverein mit großem Erfolge aufgeführt zu werden. Ueber die Piece selbst wäre nur zu bemerken, daß Jahn die sonst kurzen aber wichtigen .Zwischensätze, kodo8ok und boruch kewod gerade so wie es Franz Schubert "irr öem Töw l’bodos im alten Lokir Zion getan, daß er das „weatto rnororn“, diesen kleinen Satz motivisch so reich bearbeitete wie das. Hauptstück (Tow l’bodos) selbst. Solche Art von Kompositionen, obwohl in ihrer Anlage großartig, bleiben Ausstattungsstücke und haben nur dekorativen Wert. Da sie aber der Feder großer Männer entstammen, so werden sie zum historischen Dokument. Von den beiden „Hajom barras olom“ des Herrn. Otto Wernike, hat uns der zweite ob seiner richtig angewandten Tonfolge 0, des, s, ch g, as, b, c angenehm überrascht und frenen wir nns hier ein Terrain für nationale Eigenart gefunden zu haben. Da der geehrte Herr Herausgeber wohl nicht unser Glaubensgenosse ist, so ist die nationale Treffsicherheit umso schätzenswerter. Oberkantor B i r n b a u m hat sich mit einer äußerst kunstvollen Arbeit: „Nab nomar Ffonecbo“ für „Neilab“ (Kantor und Männerchor) eingestellt; allein bei aller Anerkennung des reichlich Gebotenen ist es nicht praktisch, die zu Neila ermattete und nach leiblicher Koü lechzende Menge mit einer düster gehaltenen Piece auf die Geduldsprobe zu stellen. Dies mag vielleicht in Distrikten des fernen Nordost möglich sein, in Deutschland und Oesterreich, keineswegs. Und — als wollten wir ans der Schwüle eines mit Lampenschimmer und Feierlichkeit geschwängerten Raumes, in den von frisch streichelnder Luft umwehten Blilmengarteu treten, so mutet uns der Uebergang zu den deutschen 3 Kinderchören (2 S a b b a t l i e d e r und der „Kinder Segens - b i t t e"), von N i c 0 l a j 0 0 u W i l m an. welche ob ihrer naiven und innigen Melodik jeden entzücken müssen. Ebenso gelungen sind die beiden Festtagslieder für Pessach und Schewnot und keinen besseren Fürsprecher aus den Kreisen unserer christlichen Freunde für die Wiederewecknng des Glanzes Zions können wir nns musikalisch gesprochen wünschen, wie er uns in Nicolas von W i l m in seiner Piece „D i e Z e r st ö r n n g Je r n - s a l e m s" hoffnnngserweckend entgegentritl. Aber auch sonst hat dieser Amateur des Tempelgesanges in splendider Weise die Synagogen-Gesänge bereichert und nur ein Blick in dasSchofarlied läßt bei den Worten „das Schofar tönt" mit seinem posannenartigen Halb- und Ganzschlnß die hohe Bedeutung des Neujahrsfestes etckennen. Nicht minder erhaben in der ganzen Anlage ist die „Seelenfeier" mit einem Baritonsolo, das jederzeit seine tiefe Wirkung nicht verfehlen wird. Da wir nun schon bei der. Serie der Maskirgesänge halten, so sei der innig erdachten Lieder: „Hoffnung" und „T r 0 st" für eine Singftimme vom Herausgeber Herrn Wernike lobend gedacht. Als Schlnßnnmmer kündigt sich Herr Dirigent Carl Hse n ß mit seinem Köitigsspalm (B. 21), frei und metrisch übersetzt von A- Nnßbanm an. Diese Nummer, welche das ganze Werk krönt, hat dem Vortragenden Kantor das dankbare Solo „H e r r es freuet sich in deiner Macht der König" überwiesen. Hier kann sich der Sänger, der mit dem Timbre einer hohen Baritoustimme begnadet ist. ganz ansleben; aber auch dem Chore ist es Vorbehalten, mit seiner Leistung, bestimmend durch die Gewalt der hehren Schlußakkorde, die in den Worten „Wir preisen tä gli ch d e in er Werke Prach t" gipfeln, sieghaft abznschneiden. Sv sehen wir ein Werk vollendet, das der Oeffentlichkeit mit der Bestimmung übergeben werden soll, die Schönheit und den ästhetischen Sinn für jüdischen Tempelgesang zu psiegen, und da dasselbe die Qualitäten derselben in vollem Maße besitzt, so sei es allen Gemeinden und Vereinigungen wärmstens empfohlen. Oesterr-Ungar. Kiultoren-Uerei». Die Mitglieder werden dringendst ersucht, die restlichen Vereinsttnd Pstichtbeiträge an den Kassier Erster Kantor S. Jnrberger, II., Tempelgasfe 3, Zuschriften an den Präsidenten Oberkantor I. Ban er, 31/1, zu senden. - -