Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M 29 Oesterr-Ungar. Kantoven-Uerein. Die 'geehrten Mitglieder werden ersucht, die restlichen "Vereins- und Pflichtbeiträge umgehend' einsenden zu wollen. Anmeldungen und sonstige Zuschriften sind an den Präsidenten Dberkantor I. Bauer, Wien Ü/1, zu richten. .. -' Die vom Vizepräsidenten, Oberkantor M. S ch o r r, dem 'Witwen- und Waisenfonds des Kantoren-Vereines gewidmeten -50 Exemplare seiner Kompositionen sind gegen Einsendung des Betrage,s ,.voir 2.50 durch den Vorstand, Wien II/1, zu beziehen. ■. . Eine verhanguisvoUe Ferienreise. Eine Knrgeschichte nach einer wahren Begebenheit. Bon Oberkantor Armin Wilkowitsch. (Schluß.) Er nahm eine Visitenkarte, beschrieb, konvertierte und adressierte sie und Überreichtemir selbe mit den Worten: „Diese übergeben Sie dem Adressaten, Herrn Dr. Sch. in Karlsbad und er wird Sie schon richtig behandeln. Nur müssen Sie so bald als möglich die Reise antreten!" „Aber, Herr Professor, wie kann Ihnen so etwas einfallen?" gestattete . ich mir einznwenden, „ich bin doch gesund wie ein Bär, ich könnte erfolgreich mit einem Stier kämpfen, habe, noch nie ein leichtes Unbehagen verspürt! Ich esse an zwei Pfund Fleisch zum Mittagmahl, ebensoviel zum Abendbrot, eine halbe gemästete Gans oder eine Ente war zur einer Mahlzeit mir nie zu viel. Dabei trinke ich mein Glas guten Wein, rauche meine Zigarre oder Zigarette, mache gymnastische Uebnugen, reite und jage. Nie kam Mir in den Sinn, daß ich leidend sein könnte. Haben Herr Professor sich nicht geirrt?" Er aber erwiderte kurz.: „Ein Nothnagel pflegt sich nicht zu irren!" Darauf verabschiedete er mich. Ich zahlte und ging. Als ich wieder auf der Straße war, schwindelte mir der cKopf, .War es. Aufregung, war es Wut? Ich kann es nicht bestimmt sagen. Ich stützte mich auf den Arm meines Führers. Tausenderlei Gedanken schossen mir durch den Kopf. Hat der Mann mit mir Komödie gespielt? Wars Hnmbng, oder litt ich tatsächlich an Herzverfettung?. Das waren die Fragen, die mir durch den Kopf schwirrten. Ich kämpfte gegen mich selbst, wollte durchaus bei der Ansicht bleiben, daß ich kerngesund bin, allein ich konnte mich nicht besiegen. Das Urteil war gefällt! . . . Wie kann ich mich gegen einen Nothnagel anflehnen? Also benützte ich den nächsten Zug und reiste nach Karlsbad. Gestern Abend kam ich her. Das Aebrige wissen Sie bereits. Ich will hoffen, schloß er, daß mir die Kur gut tun wird. Vielleicht war es zu meinem Heile!" Herr Serebiakow begann nun mit seiner Kur. Er mußte in der Kost sich stark beschränken, so und soviel Becher Sprudel täglich trinken, mußte noch das Wasser mit einer .ziemlich großen Dosis von Karlsbader Salz verdichten. Und die Wirkung war eine erstaunliche. Täglich verringerte sich sein Körpergewicht, täglich wurden ihm die Kleider weiter, die Beinkleider schlotterten auf dem Körper, der breite Filzhut kam bereits auf den Ohren zn sitzen. Er verwünschte den Augenblick, in welchem ihm die Idee kam, .den großen Chirurgen zn konsultieren. Allein, was halfs? Er mußte ausharren, mußte die begonnene Kur vollenden. Ans Moskau bekam er täglich Korrespondenz. Die junge Gattin jammerte, daß sie den geliebten Gemahl so lange entbehren mußte, der Prokurist berichtete von der Abwicklung wichtiger Geschäfte, die des Chefs harren. „Ihr müßt Euch noch einige Zeit gedulden!" schrieb er stets nach -Hanse, „ich kann vor beendeter Kur nicht von Karlsbad fort." Schließlich waren auch die vier Wochen, die zur Kur nötig waren, um. und Herr Serebiakow trat , die Rückreise an. Er verabschiedete sich auf das herzlichste, mit Tränen in den Augen, und versprach, sobald er nach Moskau komme, zu schreiben, mnd — als Zeichen seiner Dankbarkeit — ein Fäßchen Kaviar won der besten Sorte zu schicken. — — — -- Seite, Wochen vergingen und' Monde, wiraber warteten vergebens auf das Schreiben und die Kaviarsendnng Serebiakow's. Meine. Fr.an sagte zu mir : . „ Ist das. ein Maulheld, „dieser Kaviargroßhändler! Wir hören im Leben nichts mehr von ihm. Wenn er nur schriebe, wie es ihm geht? Ich würde ans seine Sendung schon gerneVerzicht leisten! „Ach, was!" versetzte.ich, der Mann hat wichtige Geschäfte, an die er denken mutz. Uebrigens, wenn er schreibt, gut, wenn nicht, so soll er es bleiben lassen!" Eines Tages überreichte mir der Postbote einen eingeschriebenen Brief, ans dessen Konvert ich bereits die Firma: Alexander Serebiakow, Kaviargroßhändler und Exporteur, Moskau, las. Ich brach das Konvert auf nud las: „Bester Freund! Erft heute komme ich dazu. Ihnen von meinem Wohlsein zn berichten und die Pflicht der Dankbarkeit in Form eines Füßchens. Kaviar teilweise zn dokumentieren. Sie behandelten mich wie einen Bruder und ich will es Ihnen nie vergessen. „Genug spät!" werden Sie, Verehrtester Freund, sagen, nicht wahr? Verzeihen Sie, es ging eben nicht eher!— Wieso denn? . . . . Gestatten Sie mir, Ihnen nur skizzenhaft einiges ans meiner unseligen Rückreise zn berichten. Als ich mit dem Schnellzuge erster Klasse au der Grenzstation Graniza anlangte — Sie wissen, wie eilig ich es hatte: zn Hanse erwartete man mich mit Sehnsucht und Ungeduld — mußte ich gleich den anderen Reisenden meinen Paß vorzeigen und an meinem Reisegepäck Zollrevision vornehmen lassen. Ach, ich sage Ihnen, ist das ein Verhör, ein Visitieren, als wäre man ans dem Zuchthaus entsprungen. Eine Dame, welche einen Gipsverband auf dem rechten Bein trug, wurde gequält, gemartert. Der Nobieschtschik (Grenzsoldat) sagte, es sei ein Schwindel, die Frau habe Konterbande unter dem Verbände. Also wurde er ihr gewaltsam heruutergerissen. Sie schrie wie besessen, aber was halfs? — Als sich die Hüter des Gesetzes überzeugten, daß das kein Schwindel sei, ließen sie endlich die arme Frau laufen, die aber ohne Verband sich nicht mehr fortbewegen konnte. — Nun kam ich an die Reihe. Ich händigte dem Gendarm meinen Reisepaß ein; er aber musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen. .. „Was soll das heißen?" schnauzte er mich barsch an, „Sie stecken doch in fremden Kleidern!" Ich platzte unwillkürlich in ein Lachen ans und gab zur Antwort: „Habe die Karlsbader Kur durch vier Wochen gemacht und die brachte mich von 220 Pfund auf 145." Mein Lachen reizte ihm destomehr und er beschloß, mir das Lachen zn benehmen . . . «Haben Sie vielleicht sonst eine Legitimation, die mit einer Photographie versehen ist?" fragte er weiter mit strenger Miene. Ich war zufällig im Besitze einer solchen, die ich mir für eine Bahnstrecke seinerzeit anfertigen ließ und übergab ihm dieselbe: Er betrachtete sie aufmerksam und schrie mich dann furchtbar grob an: „Sie wollen mich wohl hänseln? Das ist doch weder Ihre Photographie noch Ihr Dokument! Im Namen des Gesetzes sind Sie verhaftet, kommen Sie mit!" Ich protetierte gegen meine Verhaftung, ich sagte, ich sei erste Gilde Kaufmann, meine Zeit wäre sehr kostbar, ich werde für jede versäumte Minute Schadenersatz fordern. Der Gendarm aber würdigte mich weder eines Blickes, noch eines Wortes. Meine Bagage wurde auf der Station deponiert und ich in die Grenzwachstnbe gesteckt. Ich ließ nach Karlsbad an den mich behandelnden Arzt und nach Moskau an die Gemeindebehörde depeschieren. Immerhin währte es drei Tage, bis sich die Grenzbehörde von der Richtigkeit meiner Angaben und der Echtheit meiner Dokumente überzeugte. Erst am Morgen des vierten Tages konnte ich meine Reise fortsetzen. Aber zn Hanse angelangt, erkrankte ich ernstlich; waren es die Aufregungen, der Aerger, oder war' es eine Folge der rapiden Schwächung meines Körpers? — kurz, ich mußte vier Wochen das Bett hüten, mußte in der Rekonvaleszenz mich ungemein schonen und erst seit einigen Tagen kann ich meiner gewohnten Beschäftigung nachgehen. Ich werde eine gewisse Diät beobachten müssen, damit sich nicht Fettansätze auf dem Herzen bilden, so daß ich die Karlsbader Kur für eine Zeit lang entbehren kann. Seien Sie und Ihre liebe Familie mir vielmals gegrüßt. Ihr treuergebener Serebiakow." .Die Wahrheit