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Die Wahrheit · 1913-07-18 · Heft 28 (18.7.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 28 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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9tr. 28 Die Wahrheil Seite 9. Eine verhängnisvolle Ferienreise. Eine Kargeschichte nach einer wahren Begebenheit. Vou Oberkantor Armin Wilkowitsch. Mein Freund S., der zu Ende des vorigen Jahrhunderts Besitzer eines Luxus- und Spielwarengeschäftes in Karlsbad war, erzählte mir Verschiedenes ans dem Knrleben dieser Stadt. Manche ganz interessante Erlebnisse. Von all den Erzählungen finde ich aber folgende am amüsantesten; und ich hoffe, daß der geneigte Leser meine Ansicht nicht ganz verwerfen wird. Mein Freund erzählte mir folgendes: Wenn zeitig am Morgen die vieltausendköpfige Schar der Kurgäste zur Kolonnade pilgert, um ans' dem Heilbrunnen Genesung und neue Lebenskraft zu trinken, können Sie allerlei 'Trachten der Welt beobachten ltiiö bewundern. In der Menge der Trinkenden aber fällt besonders ins Auge die Art der Kopfbedeckung. Sie bemerken den scharlachroten Fez, es schillert der bnntfärbige Turban, es glänzt die schwarze Pelzmütze des Kaukasiers n. s. w. Natürlich müssen wir von der Schilderung der Frauenhüte gänzlich abseheu. Aber ich glaube nicht irre zn gehen, wenn ich annehme, daß Rußland das größte Kontingent für die Karlsbader Kur stellt. In jenem heiligen Reiche werden Unmengen von Talg vertilgt, die den Magen leicht kaput machen. Ob auch allen geholfen wird? Je nun! Wie das Maß des Defektes ist. Jedenfalls läßt jeder, dem es nur halbwegs die Mittel erlauben, seinen Magen dnrchsprndeln, in der zuversichtlichen Hoffnung, Heil und Genesung zn finden. Eines schönen Sommermorgens, — ich hatte kaum die Ladentür geöffnet, — betritt ein etwa vierzigjähriger Kurgast von riesenartiger Körpergestalt mit Gesundheit strotzender Gesichtsfarbe mein Geschäft und verlangt in russischer Sprache ein Trinkglas mit entsprechendem Häugriemen. Ich verabreichte das Gewünschte mit den Worten: „Wird das Passen, mein Herr?" — Ich sagte diese Worte ebenfalls in russischer Zunge. Der Kunde war höchst erstaunt und freudig überrascht, von mir Laute seiner Muttersprache zn vernehmen. Sein Entzücken darob war so groß, daß ich befürchtete, er könnte jeden Augenblick uiir um den Hals fallen und mich abküssen. Er stellte sich mir als Alexander Michaelowitsch Serebiakow, Kaviargroßhändler ans Moskau, vor und fragte mich, ob es nicht möglich wäre, daß wir ihn in den Schalten unserer Wände, wie er sich ausdrückte, anfuehmen. „Habe wohl bereits eine Wohnung gemietet," fuhr er fort, „aber das macht nichts, ich würde lieber dort die Miete für einige Zeit bezahlen und zn Ihnen übersiedeln. Ich kann mich mit meinen Hauslenten inchi verständigen und mißmutig, wie ich bin, opfere ich lieber die paar Rubel, als daß ich mich durch Zeichen und Gesten verständigen soll. Wollen Sie, Freund, mich anfuehmen?" Da wir gerade ein freies Zimmer hatten, kam mir fein Angebot ganz erwünscht. Auch über den Kostenpunkt waren wir bald einig. Er empfahl sich von mir freundlichst und begab sich zum Brunnen. Gegen Mittag brachte ein Dienstmann seine Habseligkeiten zu mir und alles ging wie es gehen sollte. Unser Mietsherr oblag während des ganzen Tages seinen Knrprozednren und kam gewöhnlich erst gegen Abend, wenn wir unser Geschäft sperrten, mach Hause. - Am ersten Abend, als Herr Serebiakow ..zu nns zog, lud ich ihn ein, in unser Wohnzimmer zn kommen. Er folgte sehr gerne meiner Einladung und nahm auf einem ihm angebotenen Stuhl Platz. Nachdem wir Förmlichkeiten und Artigkeiten ausgetauscht hatten, fragte ich ihn: „Was fehlt Ihnen eigentlich, Herr Serebiakow? Sie sind ja von reckenhafter Gestalt und blühendem Aussehen?!" Da entnahm er seiner Tabatiere zwei Zigaretten, bot mit eine an und steckte eine selbst an. Dann Hub er an: „Freund, ich sage Ihnen, eine tragikomische Geschichte das! Mir ist bald zum Lachen, bald zum Weinen und bald wieder zum Rasendwerden, daß ich den Ersten Besten, dem ich begegne, prügeln könnte. ... Ich bin Besitzer eines großen -Exportgeschäftes, beschäftige eine Menge von Arbeitern und "Angestellten und Hab? einen weitansgebreiteten Kundenkreis. Trotzdem, daß man so und so viel Angestellte hat, lastet doch die Sorge des Geschäftes schwer auf den Schultern des Chefs. Einmal des Jahres aber spanne ich aus, lasse alles stehen und liegen und trete eine Reise nach dem Auslande an. Der Satan hole das Geld! Mau ist doch nicht da, um sich ununterbrochen zu rackern! Vor etwa 14 Tagen trat ich meine Ferienreise an. Ich reiste nach Paris. Die republikanische Metropole gefiel mir außerordentlich gut. Bin des Französischen vollkommen mächtig. Ich unterhielt mich dort sehr gut; aber mich dort im Sommer niederzulassen, war doch uichl ganz nach meinem Geschmack. Bedenken Sie, die Schwüle, die Ansdünstungen zn dieser Jahreszeit in einer solchen Großstadt! Von dorr fuhr ich also nach Wien. Die österreichische Residenzstadt gefiel mir auch sehr gut. Ich mietete mir einen Führer, der mir alle Sehenswürdigkeiten Wiens zeigte. Ich war im Parlament, besichtigte die kaiserlichen Museen, besuchte die Oper, Bildergalerien, war im Volksprater; ich bewunderte den Siefansdom, die Vorivkirche rc. Aber wie ein Verhängnis kam es über mich: Ich äußerte das Verlangen, den weltberühmten Chirlirgen Professor Nothnagel zn sehen und zu sprechen! Auch dahin führte mich mein Cicerone. Bald stand ich vor dieser Koryphäe der Heilknnst und ein leises Herzklopfen überkam mich. Ich verneigte mich ehrfurchtsvoll vor ihm, er schanre mich an und befahl mir, mich auszukleiden. Ich lächelte und sagte in französischer Sprache, daß mir absolut nichts fehle, daß ich nur gekommen sei, eine solche Weltkapazität, wie Herr Professor ist, zn sehen und zu bewundern. Ihm aber genügte ganz und gar meine Ansklärnng nicht und er sprach etwas erregt: „Herr, meine Zeit ist sehr gemessen und kostbar! Bitte mir mir nicht zu polemisieren, sondern sich so rasch als möglich zn entkleiden." Ich mußte — wohl oder übel — seiner Aufforderung Folge leisten. Er untersuchte mich gründlich, betupfte und beklopfte mich an vielen Stellen. Auf seine Frage: „Schmerzt Sie diese.Stelle?" gab ich stets die präzise Antwort: Nein, nein! Er aberhorchte auf mein Atmen, prüfte gewissenhaft meinen Puls- und Herzschlag und machte mir endlich die mich unangenehm überraschende Eröffnung, daß ich an Herzverfettung leide, ein Leiden meinte er, welches für mich von verhängnisvollen Folgen sein könnte, wenn ich mich nicht sofort nach Karlsbad begeben würde, um mich dortselbst einer radikalen Kur zu unterziehen. (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. Geiger Engenie, Private, geb. 31. Juli 1887 in Wien. VH., Halbgasse 6. Fischer Hermann, geb. 14. August 1853 in Kojetein. Wien, XX., Klosterneuburgerstraße 22. S t a n i ck Paul, Hilfsarbeiter, geb. 24. Juni 1895 in Wien. IX. Glasergasse 22. Ernst Josef, Musiklehrer, geb. 13. November 1872 in Wien. VHI., Josesstädterstraße 9. G r ü n z b u r g Ad., stud. phil., geb. 16. Juni 1879 in Wien. V., Wehrgasse 31. A p p e r m a u u Stefan, geb. 17. Mai 1883 in Wien. Stroß Sophie, Private, geb. 20. Juli in Auwal. Wien, XX., Karl Meißelstraße 8. G a n c z Neche. Hilfsarbeiter, geb. 17. März 1887 in Marm.-Sziget. Wien. XX., Universumstraße 54. Schild Cäcilie, Kontoristin, geb. 2. Juni 1887 in Wien. XX., Karajangasse 10. Spitzer Oskar, Privatbeamter, geb. in Wien. XIX., Hardtgasse 24. vanllsagung. Außerstande, die vielen Kundgebungen der Teilnahme anlässlich des Ablebens unseres teuren Vaters, resp. Schwiegervaters, des Herrn Albert Löwy s. A., einzeln zu beantworten, statten wir auf diesem Wege unseren aufrichtigsten Dank ab. Wien, 16. Juli 1918. Dr. Moriz Löwy und Frau Oberkantor Jakob Bauer und Frau.

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