Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 19 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration; Wien, II/, Avvaragasse 27 Trlevdon: Redaktion 5509/1V. Unabhängige Aertfchrift für jüdische Vt'jnas-t'ret»: (Munjlütnirt.K 14.— v,ilbliib>i,l.11 7.— Administration 4988 11. <J. t. üsterr. Vostsvarkasia- Echeet-Koulo Ar. 100.918. Interessen. ft-iii: JhiltH'Sbniuite: i&Wtntitibi iti.IC 10. — HnJ'rratc: Die viermal geivalteue AonpareiNe-Zeilc 25 Heller. Erscheint jeden Ire i tilg. ft-itu V(h~I«hö: rlborinemeiilSnud JniertioiiS- (Uiiiirjiiiuvi,).8 UliutC betröge und in Wien zahlbar und klagbar. Rollo: „Das Siegel üottes ist WahrheitI“ ti »Iiibtt obtv t« fttc*. 19. Wie». 16. Mai Inhalt. Die Sendung Moses. — Ans der Wiener Kultusgemeinde. — Wiener Rabbinersorgen. — Deutschtum und Judentum. — Wiener Bibelschulen. — Verschiedene Nachrichten. — Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein. — Zur Aktion der Prager Kantoren. — Literatur. — Eurgesender. Die Sendung Moses. Eine zeitgemäße Betrachtung. Von Dr. M. H. Frredländer. (Schluß.) Wenn er auch während seiner 40 jährigen Tätigkeit iu der Wüste so manch schwere Kämpfe zu bestehen hatte, gelang es ihm, dem Unerschrockenen, denn doch stets, siegreich aus denselben hervorzugehen, die gefährlichen Pläne seiner Widersacher zu vereiteln und das Volk für den Glauben zu gewinnen.. Sein größtes Verdienst jedoch, das er sich um Israel erworben hatte, bestand darin, daß er es sich zur Lebensaufgabe gesetzt, dafür zn sorgen, daß das schöne, herrliche, imposante Religionsgebäude, das ihm mit der göttlichen Hilfe aufzuführen gelang, sich für ewige Zeiten erhalte und den Stürmen der Jahrtausende zu trotzen imstande sei. Und da er von 8er Ueberzeugung durchdrungen war, daß dieses Ziel nur dann erreichbar sein wird, wenn stets an der Spitze der Gemeinde Gottes ein allgemein beliebter, hochachtbarer, uneigennütziger und unabhängiger Lehrer stehen werde, darum hatte er vor seinem Hinscheiden in einem Gebete seine Wünsche bezüglich seines Nachfolgers zum Ansdrucke gebracht. „Der Ewige, Gott aller Geister, alles Fleisches, möge einen Mann au die Spitze der Gemeinde setzen, der vor ihnen her ans-- und eingehe und sie ans- und einführe, damit die Gemeinde des Ewigen nicht einer Herde gleiche, die ohne einen Hirten herumirrt". Das heißt mit anderen Worten: Gott setze einen Mann (Isch) über die Gemeinde, der sich durch hohe Gelehrsamkeit wahrhafte, u n g e h e n ch e l t e Frömmigkeit, Charakterfestigkeit, Biedersinn, Seelenadel lind Herzensgute anszeichnet, ascher joze lifnehem weascher jowau lifnehem, damit er. die Gemeinde nach außen würdevoll repräsentieren, ihr die Achtung der Außenwelt gewinnen, weascher joziem -weascher jewiem und sie im innern stärken und kräftigen, leiten und führen, bilden und erziehen kamt) auf daß sie nicht einer Herde gleiche, die ohne Hirten herumirrt. Und die göttliche Antwort lautete: Nimm den Josua, Sohn Nun, einen M ü.nn von Geist, Herz und Gemüt und lege deine Hand auf ihn usw. Moses tat, wie Gott befohlen, er nahm den Josua, stellte ihn dem Priester und der ganzen Gemeinde als seinen Nachfolger vor, legte seine Hände auf ihn (als Zeichen, daß er ihm im Namen Gottes die Autorisation zur Bekleidung dieses hochwichtigen Amtes erteile) und erteilte ihm Befehle, wie der Ewige es angeordnet hatte." Wie Moses, ebenso haben später die Propheten und nach ihnen auch die Chaehme lla Talmud, große Männer der talmudischen Zeit, das heilige, unbesoldete Lehramt äußerst würdevoll bekleidet, ohne je dabei auf irgend einen materiellen Vorteil reflektiert zu haben. Selbst im Mittelalter noch haben die Rabbiner, die doch zumeist hervorragende Autoritäten waren, das Lehramt im Sinne des unsterblichen Lehrers Moses behinom, u n entgel tlich bekleidet. Ihren Lebensbedarf hingegen suchten sie durch einen weltlichen Berns, den sie nebst ihren talmudischen und religionsphilosophischen Studien wählten — die meisten waren nebenbei Aerzte — zn decken. Als jedoch später die Juden hüben wie drüben grausam verfolgt, bedrückt, gequält, gemartert und gefoltert und ihnen überhaupt alle zur Erreichung eines Erwerbes führenden Wege unzugänglich, der Kamps um das Dasein so schwer als möglich gemacht wurde, hatte man begründete Ursache, der Befürchtung Raum geben zn müssen, daß — da der Gelehrte wie der Laie den größten Teil seiner Zeit und Kraft dem Broterwerb widmen mußten, die Kenntnis der Thora aus Israel schwinden würde. Man entschloß sich daher, gestützt auf das Wort des Psalmisten “frmn narr m»2?b w „Wenn es gilt die Religion zu erhalten, darf man selbst so manches Gebot außer Kraft setzen" zu gestatten, dem jeweiligen Rabbi (Lehrer) eineu Gehalt zu gewähren, als Aeqnivalent für den Entgaug eines anderen Broderwerbes. Diese Reform jedoch war für das Judentum ein harter Schlag, dessen Folgen sich erst später fühlbar machten. Solange die Juden in Golus lebten und mit der Außenwelt äußerst selten in nähere Berührung kamen, war es die Religion, die ihnen Trost, Kraft und Milt verlieh, das härteste Geschick geduldig und gottergeben zn ertragen. Für die ihnen draußen die ganze Woche hindurch bereiteten Qnalen, Leiden und Demütigitngen fanden sie an Sabbathen tind Festtagen in der Familie und in der Gemeinde reichen Ersatz. Da schaarten sie sich um ihren stammen Seelenhirten, um den Rabbi, den sie als (Megin hador), ihren Schntzgeist betrachteten und wie einen Heiligen verehrten — denn in der Tat verdienten ja die alten Rabbinen, fast ausnahmslos höchst ehrenwerte Würdenträger, wie es im Talmud (Gittin 26) heißt: a'sbfc np’« ps-i „die Fürsten in Israel sind die Lehrer des Volkes" — fügten sich bereitwilligst seinen Anordnungen, befolgten und beherzigten seine Lehren, Ermahnungen und Zurechtweisungen, obwohl er von ihnen besoldet wurde. Und weil der jeweilige Rabbi auch nach der Einführimg der in Rede stehenden Reform in seiner Ge-