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Die Wahrheit · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Als der gottbegnadete, redegewaltige Prophet Jesaias, der um das Wohl Israels, wie ein treuer, zärtlicher, aufopfernder; Vater um das Heil und Wohl seiner Kinder stets besorgt war, das Herz seines unglücklichen, schwergeprüften und tiefgebeugten Volkes aufrichten und in dem Glauben an den gerechten befreienden, erlösenden Gott bestärken wollte, rief er ihm tröstend zu: „ Jisroel noscha baadonai teschiiot olomim, Israel wird durch Gott erlöst in ewiger Erlösung." Hiezu bemerken unsere Weisen: „In vergangenen Tagen seid ihr durch Menschen befreit worden, in Aegypten durch Moses und Ahron u. s. w. und weil die Befreiung durch Menschen geschah, deshalb war sie nicht von langer Dauer und ihr seid aufs neue geknechtet worden; in Zukunft aber werde ich selbst euch befreien, aus der Knechtschaft erlösen, und so werdet ihr nicht mehr geknechtet werden." Wie! Unsere Ahnen sind nicht durch Gott selbst, sondern durch Menschenkinder ans der Knechtschaft Aegyptens befreit worden? Stimmt diese.Ansicht unserer Weisen mit der Vorstellung, die wir von der Befreiung Israels aus dem Golus Mizraim haben, überein, ist sie nicht vielmehr geeignet den Unglauben, den Skeptizismus zu fördern? Heißt es nicht ausdrücklich in der heiligen Schrift: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen, ihr Jammern und Wehklagen habe ich vernommen, daher ließ ich mich herab, sie zu befreien?" Wenn wir jedoch den Kultur- und Bildungsgrad unserer Ahnen, die Jahrhunderte lang in der finsteren Nacht des ägyptischen Druckes schmachteten, in Berechnung ziehen, werden wir auch den hier erwähnten Ausspruch unserer Weisen vollkommen gerechtfertigt finden. Das kostbarste Gut, das höchste, unschätzbarste Glück der Menschen ist unstreitig die Freiheit, die persönliche Freiheit. Mag. jemand noch so sehr vom Glücke begünstigt sein und sich des blühendsten Wohlstandes erfreuen, sobald er von der Laune und Willkür anderer machtbesitzender Leute abhängig ist und in seinem Wirken und Schaffen, in seinem Tun und Lassen die Meinungen und Ansichten Anderer berücksichtigen und respektieren muß, selbst wenn sie ihm nicht förderlich zu sein scheinen, verdient er nicht mehr glücklich genannt zu werden, denn ein Mensch, der seiner persönlichen Freiheit beraubt wird, ist ein Sklave und ein Sklave ist das unglücklichste Geschöpf aus Erden. Deshalb lautet das erste Wort, das Gott am Sinai gesprochen : „Ich, Adonai, bin dein Gott". Ich allein bin der Schöpfer, Erhalter und Regierer des Weltalls. Ich allein bin der Vateraller Menschen, der es wünscht, daß seine Kinder glücklich und zufrieden auf Erden leben, daß sie nicht bedrückt und verfolgt, geächtet und geknechtet werden. Und weil ich ein liebreicher Menschenvater bin, der die Freiheit als das höchste Gut seiner Kinder betrachtet, deshalb ließ ich dich aus dem Lande Mizraim, ans dem Sklaveuhause befreien; denn nur freie Menschen, die einen selbständigen Willen hüben, können Großes leisten, herrliche Ideen durch die Tat verwirklichen, treffliche Werke schaffen, gemeinnützige Anstalten ins Leben rufen, sogar Paradiese in der ödesten Wüstenei gründen. Für die Freiheit jedoch sind in der Regel nur diejenigen erglüht, die auf einer höheren Stnfe der Kultur und Bildung stehen, die frühzeitig mit den Grundlehren der Religion, mit den herrlichen menschenbeglückenden Satzungen der Thora vertrant gemacht und für den Glauben der Väter sowohl im Hause als in der Schule durch Wort und Tat begeistert wurden. Die gründliche Kenntnis der Thora verleiht ihnen Kraft und Mnt für ihren Glauben, wie für ihre Freiheit zu kämpfen, und Menschen, die denken gelernt und die Fähigkeit besitzen, ihre Meinung unerschrocken znm Ausdruck zu bringen, stehen nicht wehrlos da, können sich immer die Freiheit erringen, da man überall die „öffentliche Mein» n g" respektieren muß. Diejenigen aber, die in der finsteren Nacht der Unwissenheit schmachten, haben auch gar keinen Sinn für echte Freiheit, besonders für Glaubensfreiheit, daher sie gar oft den Glauben der Väter — den sie überhaupt gar nicht kennen — bei der geringsten Unannehmlichkeit, die ihnen um seinetwillen bereitet wird, verschachern, verhandeln. „Die echten Freiheitsmänner sind diejenigen, die die Thora Hochhalten, im Sinne und im Geiste ihrer Lehren wirken und schaffen." In Aegypten wurden die Söhne Israels nicht nur physisch, sondern mehr noch geistig geknechtet, denn den Pharaonen — die die edelsten Kräfte des eingewanderten geistig begabten Volkes Israel zu Staatszwecken auszunützen beabsichtigten — war der Freisinn der Hebräer verhaßt, daher die Parole ausgegeben: tichbad boaboda: „Die Arbeit muß diesen Leuten schwer gemacht werden, damit sie nicht Zeit und Muße gewinnen, sich mit höheren Idealen, mit Freiheitsgedanken zu beschäftigen." In der Tat wurde das Volk im Laufe der Zeit durch die schweren Arbeiten, die es verrichten mußte, so sehr abgestumpft, daß es, als Moses im göttlichen Aufträge ihm eine glorreiche Zukunft prognostizierte, anfangs für dessen herrlichen Ideen und Freiheitsgedanken keinen Sinn und kein Verständnis hatte. „Sie gaben Moses kein Gehör wegen Kürze des Odems und schwerer Arbeit."

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