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Die Wahrheit · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Leite 10. Die Wahrheit. Nr. 15. sie zu überwinden hatte, die sie voraussichlich. noch zu bewältigen werde. Lea hatte sich zu uns gesellt. „Ich habe erst kürzlich mit Vater darüber gesprochen," sagte sie. „Gerade das jüdische Weib bedarf der Aerztiu. Es ist keuscher, schamhafter als jedes andere. Ich glaube, daß der weibliche Arzt im Laufe der nächsten hundert Jahre manches Gebiet erobern werde, auf dem er naturgemäß zu walten berufen ist. Ich kenne mehrere Mädchen und Frauen, die niemals einen Doktor aufsuchen, nicht begreifen, wie andere sich so leicht dazu entschließen Das Vorurteil gegen weibliche Aerzte wird bald schwinden. Sie müssen sich durchsetzen." Was du wohl dazu gesagt haben würdest, Hedi? Denke dir doch, eine Aerztiu in unserer Stadt? Marga. Zionismus schadet, dann würdet ihr eure Zunge hüten. Euer Nationalismus ohne Religion ist ein Unding, muß euch in Widersprüche verwickeln, aus denen ein Entrinnen nicht möglich ist. Eines ist mil den andern untrennbar verwachsen. Das- Aufleben der hebräischen Spräche, das Erblühen einer neuen. Literatur, die Vertiefung in jüdische Geschichte, die Begeisterung., für unser Land, für unsere Kultur, die rege Tätigkeit, die allenthalben entfacht wird, sind ja äußerst erfreuliche Tatsachen, aber sie reichen nicht hin, um den Schaden aufzuwiegen, vermögest die Wunden nicht zu heilen, die unserm Judentum durch das Feldgeschrei geschlagen werden: Indische Nation ohne religiöse- Basis." ~ Marga. 13. 12. Liebe Hedi! Seit gestern haben wir Besuch hier. Ein Verwandler von Taute, ein Hochschüler, kam aus einige Tage her. Er. ist ein fröhlicher, gewinnender Mensch, -dessen Lachen und Singen bald hier, bald dort, durchs Hans zu hören ist. Sein Frohsinn steckt uns alle an. Wir treiben allerlei Ulk, kommen nicht recht zur Arbeit, und wenn Tantchen streng werden will, wenn Onkel die Stirne runzelt, dann faltet der Tollkopf die Hände oder wirft sich gar vor den Grollenden hin. fleht um Vergebung oder springt in die Küche, um mitzuhelfeu, nimmt unsere Stickerei oder hält unversehens einen Vortrag über des Lebens Vergänglichkeit, über die Pflicht, jeder Stunde eitrige sorglose Minuten abzuringeu, daß die Heiterkeit nur noch erhöht erscheint. Vorhin schleppte er eine Leiter in den Garten. Er müsse die alte Eiche absuchen, tvolle den Buchstaben finden, welchen jenes Försterpaar im frouimen Glauben einschnilt. Wir umstanden den Riesenbanm, dessen gewaltige Krone einer Unzahl lieblicher Sänger ein Heim gibt. Leo war gleich einem Eichkätzchen hinaufgestiegen rmd sah lachend auf uns herab, während Rudi, auf den obersten. Sprossen stehend, eine tiefernste Rede begann, die er den Manen der Dahingeschiedenen widmete, welche so oft den Schatten dieses Plätzchens in rührender Ergebenheit und beseligendem Herzensfrieden genossen. Rudi fuhr sich über die Augen und begann mit schluchzender Stimme: „Wie sie so sanft ruhen . . ." Es war zu komisch. Leo lachte, daß es in den Zweigen rauschte. Plötzlich ein Angstschrei und gleich darauf ein Fall. Ich hatte zu allererst meine Geistesgegenwart wieder und stürzte nach dem Orte, an dem ich Leo wußte. Gott sei Dank, er war heil! Wie durch ein Wunder war er auf einen Grashaufen gefallen, der erst vor wenigen Stunden, zusammengerecht worden war. Der Knabe war schreckensbleich und preßte die Hand aufs Herz. „Leo hast du dich beschädigt?" fragte ich. ihm aufhelfend. ^Nein, aber angenehm war es nicht". Und er lachte wieder in feiner lieben Art. Rudi war von der Leiter gesprungen, war mit einem Satze bei uns, Lea und Neami sahen fast so blaß ans wie ihr Bruder. „Du mußt G-ommel benschen" sagte erftere ernst, fast feierlich. Rudi hatte seine Heiterkeit gleich wiedergewonneu: „Kinder, jetzt lassen wir Bier holen und trinken Eins auf den überstandenen Schreck." „Wie du doch schon unjüdisch geworden bist" meinte Lea und etwas wie Verachtung lag in ihrer sonst so sanften Stimme. Ja, er. ist nnjüdisch geworden, dieser Rudi. Seine Eltern sind sehr religiös. Er kam nach der Matura in die Großstadt an die Hochschule, legte manches ab, wurde allmählich „fortschrittlich" und zählt sich nun zu den modernen Juden. „Ich lege noch täglich Teffilin, esse nur koscher, schreibe am Sabbath nicht. Mehr kann niemand von mir beanspruchen". Onkel sah ihm zu, wie er sich ohne weiteres übers Gabelfrühstück hermachte. „Aber Rudi, du wäscht dich nicht unb setzt auch den Hut nicht auf," sagte Naemi und pflanzte sich vor ihm hin. _Parrrrrdon, Habs wieder mal vergessen!" „Und ein Arba- Kanfos trägst du auch nicht, das habe ich ganz gut gesehen", eiferte sie weiter, bist schon wirklich ein Goi!" „So was haben kleine Mädels gar nicht zu bemerken", scherzte er und wies auf sein Konleurband: „Dafür trage ich dies". Onkel nickte: „Wenn ihr Leichtfüße doch nur wüßtet, wie sehr solch Gerede dem Liebe Hedi! Rudi.ist bereits fort und ich denke, er kommt nicht sobald wieder. Onkels sichtliche Verstimmung ließ ihn seine Abreise beschleunigen. Daß Rudi sich niemals anschloß, wenn die andern in die Synagoge gingen, wurde mit keinem Wort berührt, aber als er gestern Abend mit knrzgeschnittenen Haaren und rasiertem Antlitz ins Zimmer trat, verfinsterte sich Onkels- Stirne und er sagte schroff: „Das hättest du meinem Hause in den Sefirotagen wirklich ersparen können!" Rudi wechselte die Farbe und blieb betroffen stehen: „Pardon, ich habe wirklich vergessen . . ." „Pardon, ich habe wirklich vergessen . . ." „Das ist es ja.eben: Dn vergißt, zu Maris zu gehen, Sefiro zu zählen, vergißt, auf die Gefühle anderer Rücksicht zu nehmen und wirst auch bald vergessen, daß du Jude bist. Oder wird dich dein Knleurband daran erinnern?" Tante erhob sich undschlug einen Spaziergang vor. So hatte die unerquickliche Sache einen raschen Abschluß. Vorhin begleiteten wir Rudi zur Bahn. Er stellte uns dort einen hochaufgeschossenen jungen Mann vor, dessen feines, edles Gesicht das Gepräge tiefen Ernstes trug. Er sei der Führer ihrer Verbindung, meinte Rudi und fügte einige Worte dev - Anerkennung hinzu. Lea erzählte mir auf dem Heimweg, dieser Nabel habe mit seinen Eltern arge Auftritte gehabt, weil er sich in hervorragender Weise als Zionist betätigte und seinen getauften Verwandten ans dem Wege gehe. Er sei im Vorjahre nur unter der Bedingung zu Weihnachten heimgekommen, daß. kein Baum ins Haus dürfe, daß er selbst eine Menohra mitbringen, Lichtchen zünden dürfe. Der Vater, ein sehr reicher" Fabrikant, schrieb, daß er ans den Besuch des Neurers verzichte. Der Brief kam nicht rechtzeitig an und so geschah es, daß. Robert Nabel eben in die Stube trat, als seine Mutter mit dem Schmücken des Baumes zu Ende war. Er sprang hinzu, riß alles hinab, zerbrach das Stammchen unb schleuderte die Stücke in den Kamin. Dann küßte er seiner verblüfften Mamn die Hand, kehrte um und fuhr mit dem nächsten Zug davon. Der Vater drohte hierauf, ihm jede Unterstützung zu verweigern, verbot ihm das Haus, kam ihm jedoch wieder entgegen' aus Furcht, in den zionistischen Blättern an den Pranger gestellt zu werden. „Dieser.Assimilant, dieser Erzantisemit!" rief Otto, der schweigend zugehört hatte. „Außer seinem Betriebsleiter hat er keinen Juden in der Fabrik, nimmt grundsätzlich keinen auf und den einen zwingt er, selbst am Jomkippur zu arbeiten. Einer seiner Söhne, Hagen heißt er ausgerechnet, besucht mit mir das Gymnasium. Der wird seinen Väterchen noch mehr zu schaffen geben als Robert. Er lernt die hebräische Sprache, bezahlt den Unterricht vonst Taschengeld, will anläßlich seiner Barmizwo ein großes Fest veranstalten, kauft da neulich für sich und seine Geschwister, die alle in Roberts Bann stehen, Zionsabzeichen, die allerdings vom Alten ins Feuer geschlendert wurden, kurz kehrt bei jeder Gelegenheit den Inden heraus." Es beginnt leise zu regnen. Süßduftender Odem entströmt der dürstenden Erde. Die Vöglein erheben ihre laute Stimme. Durch die Wipfel geht ein heimliches Rannen. Ich glaube, die Natur sammelt sich zu einem innigen Dankgebet. In mir, selbst ist es so andachtsvoll. Gottes Güte schwebt über uns.. (Fortsetzung folgt.) Marga.-

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