Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Seite 11. . Die . Wahrheit Marga. Von Jda Bock. (Fortsetzung.) 8. Liebe Hedi! Tante meinte, ich möchte mich ein wenig 'hinlegen und ruhen. Die ungewohnte Arbeit spanne mich doch noch ab. Aber ich ziehe es vor, mit Dir zu plaudern. Heute war also mein erster großer Tag. Tante nahm sich eine Häckelei, letzte sich ans Küchenfenster und. sagte: „Marga, Onkel kommt erst am Abend. Du wirst allein kochen." Leo kicherte ein wenig, Mqeini aber hüpfte umher und rief fröhlich: „Da gibts heut was Gutes!" Wir aber wurde doch ein wenig ängstlich zumute. Ich betrachtete scheu die Gans, das Messer nebenan und fragte, Meine Erregung verbergend: „Was wünschest du denn heute zu Mittag, Tantchen?" ..Na, meinetwegen Kartoffelsuppe, -Gansleber wieder mit Kartoffeln, du weißt, wie wir sie alle mögen und nachher Omeletten. Doch spnte dich, Kind, es ist bald acht/ die Gans muß noch geöffnet und koscher gemacht werden." Ich schürzte befangen die Aermel auf, band die große Schürze fester und ging beklommen ans Werk. Erst gestern hatte ich znm zweitenmale zugesehen. — „Ring weg," mahnte Tante. Hast du ihn etwa beim Händewaschen auch an? Und jetzt: Ja, ganz richtig, zuerst den Weschet heraus, den trägt Leo noch rasch zum Dajan. Oder willst du ihn erst selbst Nachsehen? Drehe ihn um und schäle ihn vorsichtig. Nur ohne ^Ziererei au die Lippen. Blase nur fest." Ich blies, während die kleinen Leutchen neben mir ans Herzenslust auflachten. Ich fühlte, wie meine Wangen glühten. Dann aberentfernte ich die Beinchen im Kopf und schnilt, wenn auch mit stillem Granen in den Leib. „Das überwindet man," lächelte Otto, der eben mit seinen Büchern ins Gymnasium-wollte. „Siehst du, Marga, ich will Arzt werden, werde mich nicht leicht ans Sezieren gewöhnen. Aber wenns-sein muß!" „Nein, eine solche Arbeit ist aber doch ekelhaft," meinte Naemi bekümmert, indem sie mich teilnahmsvoll anblickte. „Aber der Braten schmeckt!" nickte Leo und sah anfinerksam zu, wie ich die verbotenen Adern entfernte. Tante hatte sich erhoben. „Alles rein?" fragte sie und sah nach der Galle. Ich dnrchschnitt den Magen. Mein Messer glitt ein wenig ab, ich mußte vorsichtig nachhelfen. ..Ein Nagel!" rief ich erstaunt. Tante legte die Häckelei weg. Sie betrachtete den 'Magen, drehte ihn hin und her und entschied: „Wir werden eine Schaalo machen. Leo rasch zu Bettelheim." Morgen schreibe ich wieder. Marga. 9. Liebe Hedi! Na, aber heute bin ich aber wirklich ein bischen müde. Wir hatten viel zu tun, buken und brieten. Nun werde ich wieder einmal einen wirklichen Sabbath begrüßen. Ich freue mich darauf, Hedi. Onkel sagte heute mit seinem feinen gewinnenden Lächeln: „Marga, in dir steckt ein echt jüdisches Weib, wie wirs in unseren Jngendträumen zu sehen -pflegen." Ein leichter Nachklaug von Ironie in seiner Stimme ließ ' mich nur noch mehr werden. „Wie du deiner Mutter ähnelst, mein Kind, so war auch sie. Stets begeistert für ^jede gute Sache, immer fröhlich und sanft und wirklich fromm. Wir Brüder sahen zu dem jüngeren Schwesterchen bewundernd ans und hatten an ihr eine verläßliche, stets hilfsbereite Gefährtin, der wir unsere kleinen Sünden beichteten, die uns Buben über manche Klippe hinweghalf, uns manches Vergnügen vermittelte." Er fuhr mir leicht übers Haar, seine Augen waren feucht. „Und ich war recht eifersüchtig auf deine selige Mutter", sagte Tante, als er gegangen war. „Onkel wollte, daß ich ihr gleiche und ich konnte sie doch beim besten 'Willen nicht erreichen. Sie war der hebräischen Sprache ziemlich mächtig, hatte sich viel mit jüdischer Geschichte befaßt, war in einem Kreise herangewachsen, der von dem meinen grundverschieden erschien, dem ich mich erst anpasseu, in dessen Boden ach erst Wurzel fassen mußte. Ich hatte meine Ausbildung einem Pensionat zu verdanken, das dem Namen nach jüdisch war, hatte mich später, an Romanen vollgeleseu und . wußte wenig von wissenschaftlicheii Werken und idealen Zwecken. Ich chatte Onkel sehr lieb und ging aufrichtigen Mutes daran, mich nach seinem Willen nmzngestalten. Aber viel heimliche Tränen flössen und oft wähnte ich voll Verzweiflung, es würde mir nie gelingen, ihm zu genügen. Heute muß ich darüber lächeln, aber damals fühlte ich mich oft wirlich unglücklich, weil mir eine helle Singstimme versagt blieb. Ich fürchtete fast den Sabbath, da ich in Onkels Schirhamaalaus nicht einstimmen konnte, fühlte, wie Onkel es herunterleierte, während sein Blick stets die Ferne suchte. In der Ferne aber wußte ich deine Mutter, deren weicher Sopran ihm so sehr fehlte. Ich habe mir ihn so vom Herzen gewünscht, daß ich überzeugt war. er werde meinem Kinde zu eigen sein, dem ich bald darauf das Leben schenkte. Und Leo besitzt ihn." Nun will ich noch rasch zur Post, mich dann ein wenig umkleiden, um des Sabbarhs würdig zu fern. Ein wohliger Hauch schwebt durch das Haus, mir ist so friedlich zumute und mein Bild aus dem Spiegel gegenüber sieht mich ruhig und freundlich an, als wollte es sagen: „Gelt, Marga, hier bist du doch endlich daheim." Ein Schatten flog jetzt überfeine Stirne: „Wer wird heute Vaters Sabbathlichter anzündeu? O, ich weiß, heute fehle ich ihm gewiß." Marga. (Fortsetzung folgt.) Merzeichnis der H>ertlaröenen vom 16. bis inklusive 22. März 1913. Moni Hirsch geb. Krcmar, Kapellmeistersgattiu. 38 I. Helene Folkmann, Kind, 8 Tage. Clara Löwit, Bahnbeamrensgattin, 46 I. Ignatz Maulhner, gewes. Gastwirt, 34 I. Jakob Deutsch, gewes. Brauer. 64 I. Salomo» Pollak, - Kaufmann, 88 I. Leo Rosemhal, Landwirt, 84 I. Amalra Sucharipa geb. Mai, Private. 64 I. Nelli Tschernychower, Jilgeuieursrochter, 5 Monate. Alexander Heller, Kaufmann, 57 I. Dr. Max Frisch, Advokat, 68 I. Bella Löwy geb. Rosenthal, Kanfmannswitwe, 58 I. Simon Fehl, Kommis. 27 I. Leopold Livanec. Markörssohn, 6 Monate. Jetti Tannenbanm. Dlenstmannsgartin, 40 I. Julie Deutsch, Lehrerswirwe, 80 I. Elisabeih Marauz geb. Feldser, Fabriksdirekrorsgattin, 50 I. Samuel Koller, Kaufmann, 76 I. Jehudas Rosenkranz, Studierender der Medizin, 27 I. Jonas Aichkenas, Advokatnrsbeamter, 59% I. Ludwig Löw, Kaufmann, 64 I. Therese Kohn geb. Marmocftein, Pflegling, 88 I. Lotti Schlösinger geb. Straßberg, Private, 71 I. Nora Wolfram, Beamtensgattin, 53 I. Josef Zuckermann. Wechselstnbenbesitzer. 66 I. Richard Ferber, Kaufmann, 53 I. Josef Leopold Donnebaum. Kaufmann. 36 I. Anna Seidler, Privat, 74 I. Rosa Mandl, Privat. 84 I. Julie Mach geb. Erbsteiu ohne Beruf. 83 I. Regine Goldstein geb. Löb, Konfektionärsgattin, 30 I. Esther Steinharz. Private, Alter fehlt. Toni Nußbaum, geb. Lampel. Kanfmannsgattin, 80 I. Sofie Schüller, Handelsangestellcenskind, 6 Monate. Ignatz Wolf, Fabrikant, 56% I. Jakob Silbermann ohne Beruf, 21 I. Adele Großmann. Privatensklnd. 2% I. Karl Taufstein ohne Beruf, 17% I. Elsa Stern geb. Heller, Beamtensgattln, 25 I. William Friedmann. Bankier, 59 I. Elsa Stein, Reisendensgattin, 28 I. Margarete Zerner, Private, 26% I. Helene Waldmann geb. Fried ohne Beruf, 64 I. Inda Schreier, Händler, 40 I. Hedwig Srignitz. Jonrnalistensgattiu, 32 I. Josef Rettig, Hansiererinskind, 4 Monate. Mendel Optowitzer, Hilfsbeamter, 35 I. Julius Haas, Privatbeamter, 38 I. Josef Levirus, städt. Beamter i. P., 77 I. Josef Herlitzka, Dienstmann. 61 I. Austritte ans dem Judentum. Pfeifer Malviue, Kontoriftin. geb. 18. Februar 1887 in Wien. XV.. Sorbaitgafie 4. Plank Otto. Privatbeamter, geb. 24. Dezember 1684 in Wien. IV., Sch llemgafie 22. Tafler Geor, Dr.» Privat, geb. 30. April 1888 in Wien. III., Barichgaffe 13. Bene sch Rosa. Erzieherin, geb. 14. Februar 1876 in Wien. II.. Hofeuedergasse 1. Läufer Siegfried, Schneidergehilfe, geb. 16. Oktober 1888 in Wien. XVII.. Nattergasse 15. L ö w i Martha, Privatbeamrin, geb. 26. April 1891 in Prag. Wien, IX. Altmüllergasse 4. W e tz l e r Katharina, geb. 10. März 1891 in Ungarn. Wien, II., Bernholzgasfe 157. Re ach geb. Hynek Sahra Anna, geb. 26. Juli 1838 in Kremsier. Wien, XVI., Thaliastraße 132. Weinberger Wilhelmine, geb. 18: August 1892 in Wien. XX., Klosternenburgerstraße 47. Fränkel Lina, Kafiierin, geb. 16. September 1886 in Wien. VII., Kirchengasse 15. Blau Sandor (Max), Realschüler, geb. 8. März 1898 in Agram. Wien, VIII., Fuhrmaunsgasse 1. Hermann Sonia. Opernsängerin, geb. 30. März 1879 in Rußland. Wien, VII., Lerchenfelderstraße 31.