Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Die Wahrheit Lette A. Marga. | Von Jda Böck (Forrsetznng.) Selbst der Vater war fort. Eines der Kinder schwebte mehrere Tage zwischen Leben nnd Tod . . . Nach der Krisis war -er wie umgewandelt, sanft, aufmerksam nnd von überraschender Rücksicht. Sein Bruder verharrte noch kurze Zeit in seiner Verstocktheit, übertraf aber bald den anderen an Zärtlichkeit. Sie erzählten dem Dienstmädchen, daß sie Mutter, diese Mutter oft weinen gesehen hätten, daß diese einmal, als sie die Kinder schlafend wähnte, so innig die Hände gefaltet und geflüstert habe: Gütiger Gott, lasse sie doch wieder gesund werden, o, .lasse sie doch gesund werden!" Damals sahen sie, daß Mutter, .diese Mutter, nicht böse oder gar eine Hexe sei." Marga. * 4. Liebe Hedi! Der jüngste meiner Vettern, ein allerliebster -achtjähriger Range, hals besonders auf mich abgesehen. Er unterhalt sich vorzüglich, wenn er mich verlegen sieht und beschwört nun geschickt manche Gelegenheit herauf, die mir das Helle Rot ins Gesicht treibt. „Hast du schon heute Sefiro gezahlt?', fragte er gestern Abend, als ich eben in Gesellschaft der ganzen Familie vor die Tür trat, um einen Spaziergang ,zn unternehmen. „Was ist denn das?" Da dreht er sich um die eigene Achse, lacht so unverschämt auf, daß die kleine Naemi -mich an die Hand nimmt und mich fragt: „Weißt dn's wirklich nicht, Marga?" „Nein. Naemi. Das Wort kommt mir bekannt vor, aber ich habe es jedenfalls schon seit Jahren nicht gehört." Otto, der Dreizehnjährige, war uns nachgeeilt. Er erklärte mir, -weshalb man Sefiro zähle, erbot sich, es allabendlich mit mir zu tun. „Ich habe ein Sefirobüchlein, Marga", sagte Naemi, „denke dir, habe Heuer noch kein einzigesmal zu zählen vergessen und darf somit die Broche sagen." Und in ihren großen Kinderaugen leuchtete es auf, als ob ihr ein wirkliches Glück widerfahren wäre. Leo, der Uebermut, harte aber noch nicht genug, Er war wieder an meiner Seite, musterte mich wohlgefällig und jagte harmlos: „Das ist ein nettes Kleid, sieht aus wie neu. Hast du's schon oft getragen, Marga?" Heute zum erstenmal." „So, so, in den Sefirotagen legt man neue Gewänder an. Ei, ei!" Ich sah erstaunt von einem zum'andern, mußte ein recht dummes Gesicht aufgesetzt haben, denn selbst Lea, die neunzehnjährige Lea konnte das Lachen nicht unterdrücken. Nun weiß ich auch das schon und werde meine beiden andern Kleider erst, wie sagte doch Otto, warte, ich habe mirs eingeprägt. Lagbeanmer ansführen. Bewunderst du nicht meine Kenntnisse? Deine Marga. 5. Meine liebe Hedi! Deine Befürchtungen sind übertrieben. -Glaube mir, Jlma wird sich durchsetzen. Nun erst, da sie überfiedelte und die Verwandten der Kinder weniger oft Gelegenheit haben iverden, ihren Einfluß geltend zu machen. Du schreibst -mir, sie wäre recht niedergeschlagen und nahe daran, alles zu verlassen. Hoffentlich kommts nicht so schlimm. Ich bin überzeugt, daß die Klugheit und Geduld Deiner Schwester obsiegen werden. Sei mir nur wieder fröhlich, Hedi, und sieh Dich auf Gottes herrlicher Erde um, die in ihrer unvergleichlichen Maieuchracht seine Allmacht predigt. In einem Winkel unseres Gartens steht eine riesige Eiche. Onkel sagte, mau erzähle, sie stamme noch aus der Zeit, in welcher hier ein Stadtwäldchen war nnd sei nebst mehreren anderen in der Nachbarschaft aus Ehrfurcht stehen gelassen worden. Sie sollen in schweren Tagen von einem hartgeprüften Försterehepaar gepffanzt worden sein, das während der Cholera seine acht blühenden Kinder verloren hatte, deren Andenken sie die Bäume widmeten. Diese gediehen unter ihrer liebevollen Pflege ausnehmend prächtig, wurden ihr Trost, füllten die Oede ihres Herzens aus. Sie nannten die Schößlinge ihre -Kinder, die nach ihrem Tode gleich ihren natürlichen Nachkommen noch lang auf Erden sein würden. Sie beobachteten mehr denn je die ewigen Gesetze der Natur, beugten sich vor Gottes unendlicher Weisheit, fanden ihre Heiterkeit wieder und galten um ganzen Lande' als Beispiel wirklicher Seelengröße, Jede Eiche soll irgendwo den Buchstaben tragen, mit dem der Name jedes Kindes begann, dem es gewidmet ward. Ich will mich bemühen, ihn anfznfinden. Die Knaben versprachen, mich dabei zu unterstützen. Marga. 6. Guten Morgen, Hedi! Bist schon ausgeschlafen? Ich komme bereits von einem weiten Spaziergang durch Feld und Flur. Du liebst sie ja, diese Morgenpromenaden, und hast mir oft von ihrer Schönheit geschwärmt. Nun muß ich aber in die Küche, bin doch eigentlich hier, um wirtschaften zu lernen. Haft Dn's schon vergessen? Bater fragte in seinem Schreiben scherzend, ob ich gute Fortschritte mache. Da wurde ich von Pflichtgefühl ergriffen. Und nun an die Arbeit. Marga. 7. Liebe Hedi? Heute erklärte Tantchen, sie könne sich schon beim Koschermachen des Fleisches ans mich verlassen und das will viel sagen. Ich sei pünktlich und aufmerksam. Also erst das Wasser im Gefäß, dann erst das Fleisch hinein, nach einer halben Stunde dieses auf dem abschüssigen Breit Stelle um Stelle besalzt. die Knochen oberhalb gelegt. Weiß ich's nicht schon gut? Und daß die nunmehr abfließenden Blutstropfen unbedingt trefe sind, weiß ich auch schon. Hedi, warum lächelst Du so überlegen. Daß ich Dir von Dingen spreche, die selbstverständlich sind? Für dich schon. Aber was wußte ich bis nun davon? Bei uns daheim wird dergleichen nur so von obenhin behandelt. Ob das Fleisch genau eine Stunde im Salz liegt, ob weniger oder viel länger, darauf kommts dort nicht an. Mama hat die Leber, wie ich zufällig sah. ganz ruhig dabei gelassen, sie ans dem Herd gebraten. Das Dienstmädchen begießt das Fleisch ohne Aufsicht und das sollte doch nicht sein, meint Lea. Für' jetzt Schluß, ich werde gerufen. Marga. (Fortsetzung folgt.) , Verzeichnis der ^erstorbenen vom 9. bis inklusive Io. März 1913. Israel Fischel, Friseurgehilfe 55 I. Nathalie Roth geb. Balban, Private 41 I. Ruth Aschermann, Jugemeurskind 1 Monat. Karl Czervenka, Pfründner 70 I. David Max Rosler, ohne Beruf 19 I. Anna Bondy geb. Reach. Kanfmannswirwe 81 I. Therese Plaschges, ohne Berns 70 I. Regina Anspitz, Private 61 I. Felix Sadger, Handelsschüler 17 I. Moritz Bruchstein gen. Kellner, 4 I. 6 M. Franziska Pollak geb. Willeuz, Private 62 I. Rosa Reumann geb. Frankl, Beamreusgattin 57 I. Heinrich Niederhofheim. Bankbeamter 57 I. 6 M. Walter Kirschner, Pflegling 1 Monat. Dr. Emil Frischauer. Hof- und Gerichtsadvokar 59 I. Paula Fink. Privareuskind 6 I. Hella Fischt, Arbeiterkind 3 I. Fanny Sommer. Privare 69 I. Asriel Berstein, Kaufmann 61 I. Siegmund Sorer, Kaufmann. Privat 61 I. 6 M. Leopold Fleischer, Handelsagent 72 I. Sali Fiichl, Privare 71 I. Lina Hirschfeld, Arztensgallin 76 I. Helene Pollak geb. Weiß, Arzrenswitwe 75 I. Tobias Robotschik, Gastwirt 60 I. Hsrnline Reumann geb. Weißmanrel, Kaufmannsgartin 58 I. Salomon Fehl, Uhrmachergehilse 19 I. Anna Klein geb. Singer, Privare 73 I. Josef Heimer, Branurweinschänker 68 I. Karoline Kohn, Privare 67 I. 6 M. Samuel Schnitz. Agenr 58 I. Bernhard Brunner, Bertreler 61 I. Hugo Kirschner, Pflegling 3 Wochen. Antonie Hoffmanu geborene Scheuer, Reisendensgartin 55 I. Adolf Kohn, Kaufmann 74 I. Katharina Landesmann, Wirtschafterin 68 I. Salomon Stengel, Agent 45 I. Rosa Pelzwerger auch Lemperr, Schneidergehilfensgattin 39 I. Mina Krall geb. Teweles, Kaufmannsgatlin 60 I. Jtzig Leib Goldberg, Schenkebesitzer 62 I. Fanny Beck geb. Goldsinger, Privat 77 I. Wanda Leyberg, Kind 2 I. Samuel Brust. Invalid 26 I. Anna Weiß. Privat 66 I. Joies Alrmann. Hausierer 63 I. 6 M. Zäzilie Polaischek, ohne Berns 51 Jahre. Hersch Boxer, Pflegling 78 I. Walter Berger, Kind 5 I. Charlorre Kohn geb. Deutsch, ohne Berus. 65 I. Nathan Klein, Privar88J. Abraham Ber Ellenbogen, Fischhändler 53 I. Isaak Pollak, Pfründner 77 Jahre. Agnes Blei geb. Altschnl, ohne Beruf 81 I. Lramuel Schleicher, ohne Beruf 17 Jahre. Austritte ans dem Judentum. Goldarbeiter Ernst, Staatsgewerbeschüler, geb. 10. September 1893 in Wien. VIII., Josesstädterstraße 58. _ Eisenschütz Emil Dr., Arzt, geb. 6. Jänner 1870 in Wien. VIII., Piaristengasie 18. O r n st e i n Jonas, Tapezierer, geb. 6. März 1883 in St. Pölten. Wien, VT. Leimgrubengasse 3. B l e d y Laura, Private, geb. 19. April 1889 in Budapest. Wien, II., Untere Donaustraße 47. Glaser Jda, Private, geb. 21. Dezember 1890 in Eifgarn. Wien, II., Sternekplatz 11.