Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9. Nr. 11. Die Wahrheit Marga . Bon Jda Bötk 1. Liebe Hedi! Da tränst deinen- Angen nicht, wendest den Briest hin und wieder? Ja, ja, er ist wirklich von mir, von Deiner fröhlichen Marga, die wenige Stunden nach Vaters -Einwilligung zur Reise davonfnhr, damit er nicht Zeit fände, -sie-hinauszusckieben. Und nun bin ich hier und fühle mich so wohl, so zu Hause, so behaglich, als wäre hier mein eigentliches Heim, hätte diese lieben Menschen seit langem gekannt, die sich mit mir zu freuen scheinen. Aber ich merke schon, ich werde?echt aufpassen, viel lernen müssen, um gegen nichts zu verstoßen. Und ich will es so gern! Mein Herz erhebt sich frei und leicht in dieser Atmosphäre, in der ich als Kind an der Seite meiner Mutter geatmet habe. Ihr großes Bild hängt über Onkel Gustavs Schreibtisch. In meiner Erinnerung ist sie weniger •jung und gar nicht so frisch. Tante und Onkel sagten, sie hätten mich am Bahnhof sofort erkannt, denn ich gliche ihr ganz, sehe bloß ernster drein. Es ist Schlafenszeit. Marga. 2. Guteir Morgen, Hedi! Die Nachtigallen im blühenden Fliederbusch vor meinen Fenstern weckten mich so früh, daß ich Lachte, sie wollten mir ein Begrüßungslied vortragen, eigens für Mich erfunden. Ich erhob mich darum ganz leise, um ihnen Lnzunicken. Und wie ich den Kopf znm Fenster hinausstecke, umfängt mich die köstlichste Morgenluft, die blitzenden Tropfen auf Blumen und Gras locken mich unwiderstehlich und mit -einem lautlosen Sprung bin ich drunten. Ringsum alles menschensttill, still, und friedvoll. Das Hans liegt ein wenig außerhalb der Stadt. Der Garten ist nicht gerade groß aber schön und besitzt eine dichte Laube. Ich setzte mich hin und kam mir wie •verwandelt vor. Ich dachte an nichts, sah bald auf die zutraulichen Vöglein, bald auf die tanzenden Sonnenstrahlen oder einen gaukelnden Falter und freute mich so recht innig meines Daseins. Onkel blieb überrasch vor mir stehen. Ich schämte mich ^in wenig, hatte, ihn wohl ans der Türe gehen sehen, aber gehofft, daß er mich nicht bemerken werde. Ich bot ihm die Hand und erzählte ihm etwas verwirrt, wieso ich hergekommen wäre. Er lächelte: „Und haben die Mädchen gar nicht gehört, wie dn dich wuschest?" — „Gewaschen habe ich mich noch nicht, mir bloß ein wenig die Haare geordnet." Er zog die Stirne kraus, sagte aber dann in seiner lieben Weise: „Kind, verlasse doch nächstens nicht den Schlafranm, ohne dir vorher Lie Hände begossen zu haben." Er ließ seine Rechte sinken, in der vorhin meine geruht hatte und die eben den Tephillinbeutel wieder erfasset! wollte. Dann wandte er sich zurück und sah den drei Knaben entgegen, die mit ihren Gebetbüchern herangesprungen waren. „Keine Hand zum Morgengruß,Marga," meinte er sanft, „sonst müssen sie die ihren nochmals waschen." Sie lachten mich tüchtig, ans, die kleine und große Kusine. Ich dürfe nicht gleich bestürzt sein. Freilich sei es geboten, vom Bett direkt znm Waschtisch zu gehen, eines der ungefüllten Gläser mit der Rechten ztl nehmen, es der anderen zu geben, um jene zuerst und. dann wieder diese, jede im ganzen dreimal -abzugießen. Die siebenjährige Naemi kicherte, als ich glich mit -ängstlicher Sorgfalt über die Waschschüssel beugte. — „Hieher, Marga, Nägelwasser gehört in den Kübel. Vater sagt, es sei unreiner als jedes andere." Mit diesen Worten trocknete sie ihr Gesichtchen und die Hände, sagte kaum hörbar die Broche und Las Schma. Ich kanns noch ein wenig von der Schule her, wills aber ganz heimlich übem Am besten jetzt. Marga. V ' 3. Guten Tag, Hedi! Der Himmel hat ein graues Kleid angetan. Sein Gesicht ist ernst und stimmt nachdenklich. Oder hat dies Dein Brief bewirkt? Es tut mir so leid, daß die Ermartungen Deiner Schwester Jlma getäuscht erscheinen. Ihr freundliches, gewinnendes Wesen, das wahrer Herzensgüte entl'pringt, ließ hoffen, daß sie aller Schwierigkeiten. bald Herr werden würde. Zweifellos sind nur die Verwandten der Kleinen schuldtragend. Tante, der ich davon erzählte, meinte, sie hätte solch einen Fall hier im Hanse beobachtet. Da hätte sich ein Witwer mir einem gutmütigen, klugen Mädchen verlobt, das sich bis dahin als Kindergärtnerin bewährt hatte, sie erfreute sich allgemeiner Beliebtheit und kam den Kindern ihres Bräutigams mit aufrichtiger Herzlichkeit entgegen. Diese waren von ihrer Mutter sehr gut erzogen worden, wurden jedoch nach ihrem Ableben von den Verwandten verwöhnt, von den Dienstboten unverständig behandelt, ihre Umgebung hatte bald unter ihrer Launenhaftigkeit zu leiden und drohte wiederholt mit einer recht strengen, recht bösen Stiefmutter, die den Kindern schon beikommen werde. Da wars denn kein Wunder, daß die Waisen der Braut ihres Vaters mit Widerstreben, ja mit augenscheinlichem Trotz entgegentraten, daß sie jedes Geschenk, jede Liebkosung mürrisch zurückwiesen und durch nichts zu gewinnen waren. Sie waren eben mißtrauisch geworden und wurden durch das nunmehr hervortretende Mitleid der Angehörigen ihrer Mutter in ihrem unbestimmten Gefühl bestärkt. Tante erzählt, sie sei einmal wirklich böse geworden, als eine Verwandte den ungezogenen Kindern, die eben an einem Stiegengeländer hinabglitten, znrief: „Tollet euch nur ans. meine armen Buben, bald ists ja mit eurer Freiheit vorbei. Jetzt gehts euch noch gut! Wo ist Vater? Der hat nun wenig Zeit für euch, was? O, ihr armen, gottverlassenen Geschöpfchen!" — „Ich konnte mich nicht halten," sagte Tante, ging auf die Frau zu und sagte: „Kennen Sie die zukünftige Mutter dieser Kinder? Weshalb erschweren Sie ihr die übernommene Aufgabe? Diese nunmehr verwilderten, störrischen Knaben mögen dem Himmel danken, daß er ihnen solch ein gutes, verständiges Wesen zuführte." „Aber als Stiefmutter . . ." „Gebrauchen Sie dieses Wort doch nicht in dieser wegwerfenden Weise. Mir hat es Mitleid oder Achtung oder gar Bewunderung abgernngen. Es wird ihnen nicht schwer fallen, die Familienzuftände einzelner Leute in Erfahrung zu bringen, deren Namen ich Ihnen nennen werde. Daun dürften Sie sich einer besseren Einsicht nicht verschließen. Dies wäre für Sie wie für alle Ihre Angehörigen sehr wünschenswert. Sie unterlassen es dann voraussichtlich, dem biederen Mädchen, das hier Mutterpflichten zu üben haben wird, ein Märtyrertum auszubürden." Damit ließ sie die verdutzte Frau stehen. Seither sind einige Jahre verflossen, die der Iungvermählten bitterböse Stunden brachten. Sie ließ den Kindern anfangs freien Willen, wollte sü allmählich beeinflussen. Da hieß es, sie kümmere sich gar nicht, habe früher nur gegen Bezahlung ihre Pflicht erfüllt, habe jetzt nur Zeit für sich. Aber schon ihre mäßige Strenge rief den Tadel der ganzen Sippe hervor, die nun wissen wollte, die Stiefmutter werfe jetzt eine süße Maske ab, zeige sich nun in ihrer wahren Gestalt. Ein Zufall führte eine glückliche Wendung herbei: Die Kinder erkrankten an Scharlach. Niemand durfte die Wohnung betreten, in der die jnuge Frau mit einem Dienstmädchen die Pflege teilte. (Fortsetzung folgt.) Union-Bank. D i e dreiundvierzigfte ordentliche Generalversammlung der Aktionäre der Union-Bank findet Donnerstag, den 27. März 1913 um Hl Uhr vormittags im Anstalrsgebände, I., Renngaffe Nr. 1, statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Berwattungsrates und Vorlage des Bilanz-Ab» schlnffes pro 1912. 2. Bericht des Revisions-Ausschusses und Beschlußfassung hierüber. 3. Beschlußfaffung über die Verwendung des Reingewinnes. 4. Wahlen iu den Verwaltungsrat. 5. Wahl des Revisions-Ausschusses für das Jahr 1913. Die stimmberechtigten Herren Aktionäre, welche an der Generalversammlung teilzunehmen wünschen, wollen ihre Aktien in Gemäßheit des § 27 der Statuten spätestens am 19. März d. I. deponieren, und zwar: in Wien bei der Liqnidatur der Union-Bank: in Triest bei der Filiale der Union-Bank; in Lemberg bei der Union-Bank, Filiale Lemberg; in Berlin bei dem A. Schaafhausenschen Bankverein oder bei der Dresdner Bank; in Frankfurt a. M. bei der Deutschen Effekten- und Wechsekbank oder bei der Dresdner Bank in Frankfurt, a. M.; in München bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank oder bei der Dresdner Bank, Filiale München; in Nürnberg bei der Dresdner Bank, Filiale Nürnberg; in Basel, Gens,' St. Gallen und Zürich bei dem Schweizerischen Bankverein oder bei der Eidgenössischen Bank (A. G.).