Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Die Wahrheit Seite 9. Feuilleton. Die Tage der Uorzeit. Bon Ballette Fried, Prag. (Fortsetzung.) XII. Andern Tags kam Fra» Tommer an. Seit dem Empfange Les Telegrammes ans Hamburg halte die gnre Fran in furchtbarer Angst gelebt, was ihre extravagante Tochter wieder ansgeheckt haben mochte. Und sie wünschte nichts so sehr als Ruhe, um bald wieder nach Hanse zu ihrem Manne und Kindern, sowie ihrem sich in fremden Händen befindlichen Haushalte iornmen zu können. Wie angenehm war sie daher überrascht, als sie die wahre Ursache dieses Telegrammes ersnhr. Mit mütterlicher Zärtlichkeit kam sie dem jungen Manne entgegen, erbot sich, ihn mit nach Hause zn nehmen. Ihr Mann werde ihn mit offenen Armen bei sich anfnehmeu und ihm eine Stelle in seinem Unternehmen anweisen. die es ihm ermöglichte, seinen alten Vater genügend zu unterstützen. Alles, alles hätte sie gerne für David getan. Verdankte ffie ja diesem unvorhergesehenen Zusammentreffen mit ihrer Tochter und dem günstigen Einfluß, den er ans diese ansgeübt, 'deren Entschluß, zu ihrem Manne znrückznkehren und fortab als echtes jüdisches Weib zn leben. In diesem Sinne schrieb sie auch an Klaras Gatten. Dieser hatte kaum von der glücklichen Sinnesänderung seiner Frau vernommen, als er Haus und Geschäft in Prag im Stiche ließ und sich anfmachte, seine Fran abzuholeu, die er -dann wie im Triumphe heimführte. Glücklich darüber, daß der schwere Kummer von seiner Seele genommen wurde, hatte er kein Wort des Vorwurfes für diejenige, die es so reichlich verdient hätte. Auch drängte er die wohlberechtigte Frage zurück: Wem danke ich deine Sinnesänderung? Hat sie ein Zllfall herbeigeführt oder ist sie die Folge eigenen Nachdenkens, bei welchem das Fünkchen von Zuneigung, welches sie vrranlaßte, die Seine zu werden, zur helllodernden Flamme entfacht wurde, wenn er das erloschene Herdffeuer häuslichen Glückes wieder anzünden konnte. Er war so selig, daß er sich fürchtete, mit rauher Hand das zarte Seelenleben seiner Frau zn berühren, um nicht etwa einen Mißton heraufzubeschwören. Der herzliche Empfang, der ihr in der geschmückten Wohnung von der Dienerschaft und den alten, von ihr ganz vernachlässigten Freunden des Hauses geworden, zeigte der jungen Fran ganz deutlich, wie willkommen sie war, und die guten Vorsätze, die sie gefaßt hatte, verwandelten sich in ebenso viele Eidschwüre, -alles aufznbieten, um des edlen Mannes, der ihr so großherzig die ihm zugefügten Kränkungen vergeben hatte, würdig zn Werden und zu bleiben. Die Schmarotzer, welche sich sonst an der stets vollbesetzten Tafel des Popperischen Hauses gütlich getan und im Stillen die eitle Fran. welche sich in ihre Kreise drängte, verspotteten, erfuhren nichts von Klaras Heimkehr. Auch später kam keine Einladung an sie, so daß sie einl'ehen mußten, daß die vielverspottete Jüdin, deren Gastfreundschaft und gelegentliche Hilfeleistung man sich gerne gefallen ließ, Zeinen sehnsüchtigeren Wunsch hatte, als alle diese Bekanntschaften abzuschütteln. Klara Popper aber fand ein reines Glück an der Seite -ihres liebevollen Gatten und der Ausübung einer wahren Wohltätigkeit und Religiosität. Frau Sommer war ebenfalls nach Hanse gekommen und von den Ihren herzlich begrüßt worden. In ihrer Begleitung befand sich David Borgstein, der unterdessen in einem Gasthause abgestiegen war und daselbst der Entscheidung harrte, die Frau Sommer ehestens herbeiführen wollte. Dazu gab sich ihr bald Gelegenheit. Ihr Gatte erging ffich in Lobsprüchen über ihre Klugheit und Energie, mit welcher sie die eigensinnige Tochter wieder auf den rechten Weg gebracht hatte. Bescheiden lehnte sie dieses Lob ab und bekannte, daß der Zufall oder eigentlich die göttliche Vorsehung ihr jemanden zur Hilfe gesandt habe, dem sie unendlichen Dank schuldig wären. Sie erzählte von David Borgstein. Als sie endlich mir der Wahrheit herauskam, daß sich der bisher Vermißte in allernächster Nähe befinde, da entrang sich der Brnst des Fabriksherru ein inniges Daukgebet zu dem Gott Israels, dem großen Schicksallenker. Die schwere Last war von seiner Seele genommen; er konnte dem trauernden Vater seinen Sohn wiedergeben. Erst dem väterlichen Freunde gegenüber zeigte sich David bereit, von seinen Schicksalen zu sprechen, was er den Damen gegenüber aus falscher Scham bisher vermieden hatte. „Ich hatte", so erzählte er, „dem Wahnsinn nahe, meine Heimat verlassen. Nur fort wollte ich, weit fort von hier, wo mir jeder Stein meine Schmach vorgehalten hätte. Erst wollte ich irgendwohin, wo mich niemand kannte. Dort wollte ich ein neues Leben beginnen und. wenn es mir glückte, etwas zu erreichen. woran ich nicht im geringsten zweifelte, wollte ich meinen alten Eltern ein sorgenloses Alter bereiten. Zurück zu ihnen aber mochte ich um keinen Preis der Welt. Es war aber anders gekommen, als ich dachte. Was war unter diesen Verhältnissen natürlicher, als daß ich versuchte, dieses neue Leben in der neuen Welt zn beginnen. Meine mitgebrachten Ersparnisse sollten mich in der ersten Zeit vor Not schützen, meine Sprachkenntnisse, mein kaufmännisches Rechnen sollten mir zn einer behaglichen Existenz behilflich sein. Ich hatte aber die Zeit schlecht gewählt. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wohin ich mich gewendet hatte, war eben eine geschäftliche Krisis ausgebrochen, welche alle Neuangekommenen Hilfskräfte entbehrlich machte. Auch mit meinen Sprachkenntnissen war es nicht weit her. Ich hatte dieselben aus Büchern und durch Selbstunterricht erworben und meine Allssprache und überhaupt Kenntnis des Englischen, war nicht hinreichend, mich zn empfehlen. Ich war auf die Arbeit meiner Hände angewiesen. Zn jeder anderen Zeit hätte ich mich auf diese Art doch durchgeschlagen. Aber Hunderte, ja Tausende, gleich mir Arbeitswillige, welche aber mit Kenntnis der Sprache und Ortsverhältnisse ausgerüstet waren, verdrängten mich überall. Mein kleines Kapital war bereits aufgezehrt, meine Kleider und Wüsche schadhaft geworden; ich sank von Stufe zn Stufe. Da machte mich ein mitleidiger Landsmann, dem ich die Hoffnungslosigkeit meiner Lage schilderte, darauf aufmerksam, daß in New-Iork ein jüdischer Verein bestehe, der die Rückbeförderung arbeitsloser Juden in ihre Heimat zum Zwecke habe. An diesen wendete ich mich mit der Bitte, mir die Mittel zur Rückkehr in die Heimat zn bewilligen. Ich erhielt eine Schiffskarte, die mir sicherheitwegen an Bord des Schiffes von einem Angestellten des Vereines eingehändigt wurde, nebst etwas Reisegeld. So langte ich in Hambnrg an. Daselbst erfuhr ich zufällig von dem Ableben meiner guten Mutter und da fand ich vollends nicht den Mut. heimzukehreu und beschloß, in Hambilrg zn verbleiben. Die Geschäftsstocknng da drüben hatte auch schädigend auf die Hambilrger Verhältnisse gewirkt. Es war mir nicht möglich, daselbst eine Anstellung zu bekommen und ich mußte zn dem Mittel greifen, womit ich auch in Amerika mein Leben gefristet — indem ich im Hafen meine Dienste als Träger anbot. Ich verdiente so viel, um zu leben, hoffte aber immer noch, daß ich Gelegenheit finden werde, meine kaufmännischen Fähigkeiten nutzbringend zu verwenden. In einer Zeit völliger Mutlosigkeit, nach so vielen mißglückten Versuchen, meine Lage zn verbessern, traf ich mit Ihrer Fran Tochter zusammen, deren hinreißende Beredsamkeit meinen Entschluß, der Heimat ferne zu bleiben, ins Wanken brachte. Das Uebrige wird Ihnen Ihre Frau Gemahlin erzählt haben." (Schluß folgt.)