Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 6 Die Wahrheit Seite II. ich mich, ohne meinem von mir sorgsam gehüteten Ruf zu schaden, dieser Gesellschaft anschließen. Zndem sind einige erhabene Matronen unter uns, welche das Amt von Gardedamen versehen werden.'' Frau Sommer kämpfte einen schweren inneren Kampf. 'Endlich gab sie nach. Fast freute sie sich auf ein gänzliches Alleinsein. Die junge Frau , war glücklich. Sie sollte wieder hinaus in die Welt mit einer heiteren, lebenslustigen Gesellschaft, sollte die wunderbare Stadt Hamburg gründlich kennen lernen, die Vergnügungen. welche sie bot, genießen. Wozu war sie denn jung und schön und reich? Das Strandleben eckelte.sie an. Ohne gelegentliche Ausflüge und Geselligkeit schien es ihr noch langweiliger zu sein als ihr elendes Heimatsdorf Drahabil, das sie einst um jeden Preis los werden wollte, und lieber die Frau eines alten, ungeliebten Mannes geworden, als länger diese --Eintönigkeit und Langeweile zu ertragen. . XI. Die Gesellschaft war in bester Stimmung im Hafen angekommen. Jeder der Teilnehmer trug eine mehr oder minder schwere Handtasche, worin die zu dem kurzen Aufenthalte notwendigen, oder für notwendig erachteten Effekten eingepackt waren. Sie wurden wie die anderen Passagiere von Gepäckträgern umringt, welche sich auböten, ihnen das Gepäck abznnehmen und zu tragen. Inmitten dieser fremden Gestalten erblickte Klara auch einen Mann, der ihr seltsam bekannt vorkam. Sie war von ihm nicht bemerkt worden, und um ferner unerkannt zu bleiben, zog -sie den dichten Schleier ihres Neisehütchens über das Gesicht, so daß sie nicht leicht zu erkennen war und dämpfte ihre Stimme. Diesen Mann winkte sie zu sich heran, übergab ihm ihr leichtes Gepäck, und hieß ihn mit den anderen Trägern unter Aufsicht eines der Herren aus der Gesellschaft in das Hotel gehen, wo für die Reisegesellschaft Zimmer bestellt waren. Sie gab ihm ihre Karte, damit er ihr nach der Ankunft im Hotel die Sachen übergeben - und die Zahlung für seinen Dienst in 'Empfang nehmen könne. Auf der Karte stand der Name: Frau Jack Popper. Prag. Gespannt blickte Klara auf ihren Träger, ob ihm dieser .Name nicht bekannt war. Erleichtert atmetete sie auf. als sie erkannte, daß keine Miene seines Gesichtes sich verzog, als er diesen, ihm offenbar fremden Namen, las. Er hatte sie also nicht -erkannt, wohl auch nicht gewußt, daß und wen sie unterdessen -geheiratet. In unheimlicher Eile durchschwirrten die abenteuerlicher Pläne ihren Kopf. Erlösung winkte ihr. Erlösung aus den schweren Fesseln einer übereilt geschlossenen Ehe. — Im Hotel angelangt, ließ sie sich ein Zimmer anweisen -und den ihrer bereits harrenden Träger rufen. Bescheiden blieb 'dieser bei der Türe stehen, seine Kappe in den Händen haltend, 'und erwartete so die Bezahlung für seinen der Dame geleisteten Dienst, vielleicht auch die Aufforderung zu fernerer Dienstleistung. Wie der junge Mensch anssah. konnte er einige Mark 'Verdienst wohl brauchen. Er war sehr bleich und abgemagert, wie nach einer schweren Krankheit oder von ungenügender Ernährung bei ungewohnter, harter Arbeit. Auch Seelenschmerz -mochte zu diesem Aussehen beigetragen haben. (Fortsetzung folgt.) Zwei in einer Woche. Von Josef Grob. Kaum sind wir mit schwerem Herzen vom kalten Grab, dem wir die irdischen Reste des einen teueren, unvergeßlichen -Kollegen und Freundes anvertraut. haben, znrückgekehri und schon harrte unser die Hiobspost von dem Verluste des zweiten. .Zwei in einer Woche! Und welche zwei? Jecheskel Wittmann und Jsak Schkolnik. Wohin, auch die Trauerknnde dringen wird, wird man begreifen, welchen schweren Verlust der gesamte Kantorenstand erlitten hat. Kantorenstand sage ich. denn in einer alten Sage heißt es: aus einem Chasen kann sehr leicht ein Kantor werden, sehr schwer, oder fast unmöglich ist -es aber, aus einem Kantor ein Chasen zu werden. Und das waren zwei Chasonim, ja vielleicht die letzten zwei Säulen des alt-traditionellen Chasonus. Jecheskel Wittmann und Jsak Schkolnik. Der eine im Westen, der andere im Osten und doch, wer beide gekannt hat, wie zwei Brüder. Ich hatte die .T37, beide zu kennen und bei beiden zu lernen, und wenn ich -von dem einen sagen möchte, daß er ein vorzüglicher, echt jüdischer Chasen war, dessen „Sagen" Tränen entlockte, ein Mann, dessen Herzensgüte keine Grenzen kannte, schlicht, edel, wohltätig, mit einem stets liebenswürdigen Lächeln für alle seine älteren und jüngeren Kollegen, so habe ich gleichzeitig den anderen charakterisiert. Der würdige Präsident unseres Vereines, Herr Oberkantor Bauer, hat trotz seiner Rekonvaleszenz sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, beiden Kollegen, die uns entrissen wurden, warme und verdiente Nachrufe zu halten. Er hat gewiß viel Gutes ihnen nachzusagen gehabt und dafür die richtigen Worte gesunden. Als ich aber im strömenden Regen bei der Totenkammer im Rothschild-Spital an der Seite des Redners stand und seine letzten Worte an der Bahre Jsak Schkolniks verhallt waren, die da lauteten : „mit stummem, geschlossenem Munde kehrst du zurück in deine Gemeinde", da glaubte ich ans dem verzinnten Sarge und aus dem stummen Munde ein bip re eine Antwort zu hören: „Jawohl! Mit geschlossenem Mnnde kehre ich in die Gemeinde zurück, in welcher ich Jahrzehnte lang gesagt, gesungen und gehungert habe, aber eines. Kollegen, hat euch noch dieser stumme Mund vor seiner letzten Fahrt zu sagen : Haltet fest zusammen! Auf fremdem Boden, fern von der Heimat habe ich alter Chasen ausgernngen. Niemand kam, kein Vorsteher, keine Mitglieder, und doch kamen manche, die mich nie gehört und die ich nie gesehen habe. Das find meine Kollegen, meine Fachgenossen. welche mir durch ihre warmen Tränen den weiten und letzten Weg erleichterten. Darum, Kollegen, haltet fest und seid einig!" Und wahrlich, möchte ich schließen, nur durch strammes Zusammenhalten und aufrichtige innige kollegiale Freundschaft werden wir das Andenken der beiden Toten aufs beste ehren können. Eine Kantoren-Deputation beim Prager Oberrabbiner. Zufolge eines jüngst bei einer Kantoren-Versammlung ge» faßten Beschlusses fand sich am 28. Jänner eine Deputation, bestehend aus den Herren B r e i n i g, G o l d b a u m, G ru s ch ka, M i r s k y und P r e m i t k e beim Herrn Oberrabbiuer Dr. Heinrich Br ody behufs Beglückwünschung zu feiner Ernennung als Oberrabbiner ein. Herr Oberkantor Mirsky hielt an Sr. Ehrwürden folgende Ansprache: „Euer Ehrwürdeu! Dem Grundsätze huldigend: n-iirr \-r sniaa "pn erachten es die Kantoren Prags und der Vororte als geziemend. Euer Ehrwürden zur jüngsten Ernennung als Oberrabbiner von Präg ehrfurchtsvoll zu beglückwünschen. Die Kantoren Prags und der Vororte erbitten und erhoffen den Schutz und das Wohlwollen Euer Ehrwürdeu für ihre Staudesehre und Berufsinteressen. In der nächsten Zeit schon werden Sie, Herr Oberrabbiner, Gelegenheit haben, Ihren vielvermögenden Schutz den Kantoren angedeihen zu lassen und dieses auf einem Gebiete, ans welchem der selige Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld ^-L-7 .12 “rum*? enpa rr:n •■pnbx 'rr'npayösrn 'a -pmm nbxrr manan Pa -p^jrKai» „Und es werden über dich kommen alle diese Segenswünsche und sie werden dich treffen, wenn die Gott geweihte Stimme der Berufskantoren Erhörung finden wird." Herr Oberrabbiner Dr. Brody bedankte sich für die huldigenden Worte und versprach, warm und wo immer, sowohl die moralischen als auch die materiellen Interessen des Kantorenstandes zu schätzen und zu fördern. Nachdem Sr. Ehrwürdeu jedes einzelne Mitglied der Deputation ins Gespräch gezogen hatte, entließ er dieselbe in huldvollster Weise. B. G.