Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Gelte 7. Nr. 6 Interesse, .entgegenbringk Seine jungen Kinder beherrschen selbstverständlich das Hebräische als Mnttersprache. Sein Studien- .Linnner ist,ein.interessantes Mnsenm und er liefert zugleich für enropäische rlgturhistorische Sammlungen Exemplare interessanter .Lebewesen aller Art. Ans dem Arbeitstische liegen durcheinander die althebräis.chen Bibelkommentare, Talmndbände und die neuesten englischen und deutschen fachwissenschaftlichen Forschungen. Er -ist Mitarbeiter zahlreicher gelehrter Zeitschriften n. a. der in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift für O o l o g i e, welche auch der N i d o l o g i e gewidmet ist. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, daß es für die Eier- und Nestkuude spezielle gelehrte ^Organe gibt. Man kann also jetzt in einer hebräischen Kolonie auch seine wissenschaftlichen Kenntnisse bereichern. „Awira, d’erez Israel machkim.“ Man kann in der guten Luft von Rechoboth weilen, Forschungen betreiben und in Europa einen Namen erlangen. Eine einzigeBttte hatte Aharoui: Ich möchte in Europa dahin wirken, daß ein Natnrhistorisches Museum in Palästina begründet werde —- welchen Wunsch ich einstweilen hochherzigen 'Lesern dieser Briese weitergebe. Die Schaffung eines derartigen .Jnstitntes durch Juden würde in gleicher Weise der internationalen Wissenschaft dienen und zur Förderung des Ansehens des IndentNmes beitragen. So groß die Freude des Wiedersehens war, ich mußte .mich von dem interessanten Forscher verabschieden, um wenigstens .noch einen Teil des Abends einer Sitzung des Gemeinderates von Rechoboth beiznwohnen. Es war bereits nach 10 Uhr, als ich in die Gemeindestttbe trat. Rund um einen Tisch sitzen die „Aeltesten" des Ortes, darunter granbärtige Männer. In einer Ecke sieht man eine eiserne Kasse I das nimmt wohl mit einigem Recht zugunsten der Leute ein. Wo eine eiserne Kasse ist, laß dich ruhig nieder. Böse Menschen haben nichts Wertvolles anfzubewahren. Ich glaube, Wedekind sagt es: Sünde ist nur eine pathetische Bezeichnung für schlechte Geschäfte; bei unserer Gesellschaftsordnung ^sind gute Geschäfte nur durch einen tugendhaften und rechtschaffenen Lebenswandel möglich. Das ist es ja, was unsere ..giftigen Lobredner von Bileam bis ans Werner Sombart mit Ingrimm erfüllt. Ans der Tagesordtinng steht die Wasserversorgung und die Verteilung der-Kosten der Wasserbeschaffnug nach einem gerechten Schlüssel ans die einzelnen Häuser. Die Sprache der Verhandlung ist, da es lauter ältere Leute sind, vorwiegend jüdisch-deutsch, aber mit einer merkwürdigen Färbung, welche sehr lehrreich ist. Diese Sprache hat bekanntlich in ihrem Vokabular einen festen, jedoch immer mehr zusammenschrumpfenden, aus dem Deutschen übernommenen Kern; - dann aber variable Elemente und Formen, die in verschiedenen Ländern von der Landessprache und dem Kulturleben der Umgebung geliefert werden. Dadurch ist z. B. der russifizierte Jargon von dem anglizisierten (in Ost-London und New-Aork) grundverschieden. Die variablen Elemente sind ^ein Maßstav. für die Assimilation und die Akkommodiernng an die Umgebung. Nun höre ich in. Rechoboth einen Jargon, ifcer mit neuen technischen Ausdrücken ans dem Hebräischen durchsetzt ist. Es wird von Zinnoroth“ (Wasserröhren), vom ^;Moded ha-majim“ (Wassermesser), von jjHozaoth Kelalioth“ <(Allgemeine Spesen) gesprochen und man merkt, wie der Jargon sich hier an das Hebräische als unumgängliche Landes- und 'Kultursprache assimiliert hat. Wir wandern nach Hause, in das gemütliche, einfache und saubere Hotel des Herrn Kliwitzki. Am tiefblauen Himmel leuchtet der Vollmond wie zur Zeit des Ethan ha-Esrachi. Hebet* die stillgewordeneu Wohnungen der Dörfer und die träumenden Hügel der Landschaft Judäa. Kejareack ikkön olam. So vieles gibt es zu beobachten und zu studieren. Es würde sich verlohnen, direkt hieher zit kommen, um hier Ferienwochen zu verbringen. Aber zunächst müssen wir frühmorgens mit dem Wagen weiterfahren, um vor 9 Uhr den Zug in Ramleh .zu erreichen. Wir waren am folgenden Tage rechtzeitig bei der Station. Der Ort hat jetzt nur wenige jüdische Bewohner, aber welche Wut von Erinnerungen strömt ans der Umgebung zu. In einer ^Entfernung von drei Kilometern liegt Lydda, das in der Meligionsgeschichte eine .so große Rolle spielt. Dort tagte im zweiten Jahrhunderte die rabbinische Synode, welche sestgestellt hat. daß im Kampfe gegen den Abfall, gegen Unkenschheit und gegen Blutvergießen der Jude mit Einsetzung seines Lebens sein Bekenntnis zu vertreten hat. Es war die Zeit der großen Verfolgung unter Kaiser Hadrian und das Martyrium wurde damals in ein System gebracht. Es wurde entschieden, in welchen.Fällen der Jude, ohne nachzndenken, Tod und Marter als etwas Selbstverständliches zur Heiligung des göttlichen Namens zu erleiden hat. Und die großen Männer, welche die Regeln ansftellten, gingen selbst mit dem Beispiele voran und starben als Blutzeugen für ihre religiös-sittliche Weltanschauung. Es war ja in Vieser Gegend nicht zum erstenmale, daß Charakterstärke und religiöse Begeisterung eine' große historische Bedeutung erlangten. In der Nähe liegt der Orr M o d e i n, der Stammsitz der Makkabäer. Dort wohnte der greise Priester Mattathias. der seine fünf Heldensöhne zum großen Besreinngskampse angefenert hat. Nach dem Berichte des ersten Makkabäerbuches hat später der znm Fürsten gewählte Hasmouäer Simon in Modein ein stolzes Grabdenkmal zu Ehren seines heldenmütigen Vaters, seiner Mutter und seiner Brüder errichtet. Sieben Pyramiden ragten so hoch hervor, daß die Seefahrer sie von den Schissen aus sehen konnten. Das Denkmal ist, wie so vieles andere, vom Erdboden verschwunden, aber in allen fünf Weltteilen werden bis ans den heutigen Tag alljährlich acht Abende hindurch die Siege jener Helden gefeiert. Wenn während eines einzigen Chanukafestes in allen jüdischen Gemeinden der Welt eine Spendensammlung veranstalret werden würde, so würde mit Leichtigkeit ein genügend großer Fonds aufgebracht werden, um den hasmonäischen Stammsitz zu erwerben und dort nicht nur ein neues Ehrendenkmal zu errichten, sondern auch durch eine jüdische Kolonie ein lebendiges Andenken an die großen Heldentaten zu stiften. Uebrigens hat die ehemalige Kreisstadt Lydda nicht nur für die jüdische Religionsgeschichte eine große Bedeinnng. Sie ist auch nicht bloß deshalb interessant, weil sich dort — zur Zeit der Römerherrschast — die znm Judentum übergetretene Königin Helene niedergelassen hatte und am Lanbhüttenseste mit ihren sieben Kindern in einem riesigen, etwas zu hoch geratenen Sukka ihre Mahlzeiten einnahm. Der Ort hat sich eigentümlicherweise auch in der Handelsgeschichte Palästinas eine Erinnerung gesichert. Es war allgemein eingeführt, daß der Käufer eines Gegenstandes das Recht hatte, nachträglich den Kaufvertrag zu annullieren, wenn sich heransstellte, daß er den Gegenstand lim ein Sechstel des Wertes überzahlt hatte. Die Frist für die Anfechtung des Geschäftes war jedoch nur ans die kurze Zeit beschränkt, die der Käufer brauchte, um den Gegenstand durch Freunde oder Sachverständige abschätzen zu lassen. Als nun Rabbi Tarphon, ein selbst sehr reicher, frommer und wohltätiger Mann, in Lydda Richter war, entschied er. daß eine Ausnützung der Unerfahrenheit und damit das Recht ans Annullierung eines Kaufgeschäftes erst bei einer Ueberzahlung um ein volles Drittel des Wertes beginnt. Darüber herrschte, wie die Mischna erzählt, eine große Freude in der Kaufmannschaft von Lydda (Taggare Lud), welche sich offenbar darauf verstand, die Waren sehr vorteilhaft abznsetzeu. Als aber bald darauf Rabbi Tarphon eine zweite Entscheidung fällte, wonach die Frist für die Anfechtung ans einen vollen Tag ausgedehnt wurde, war unter den Kaufleuten eine große Enttäuschung. Sie schickten eine Deputation zum Richter mit der Bitte: ..Möchte der Rabbi uns nicht lieber bei den alten Handels-Usancen lassen?" Nun ist weit und breit nichts von den Denkmälern des Heldentums, nichts von der Sukka der Königin und anch nichts mehr von den großen Geschäftshäusern des zweiten Jahrhunderts zu sehen. Ein Araber sitzt zu Boden aus dem Perron mit übereinandergeschlagenen Beinen, das ist der Repräsentant der Kaufmannschaft der Umgebung. Er hält einen Korb mit Apfelsinen zum Verkauf, das ist das Buffet der Station Ramleh. Das Züglein keucht endlich heran. Es braucht volle vier Stunden, um die 87 Kilometer von Jaffa bis Jerusalem zurückznlegen. Eine Stunde ist erspart, dadurch, daß wir die Eisenbahn-' fahrt erst in Ramleh beginnen. Es sind im ganzen zwei Wagen, einer