Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.1 Die Wahrheit Seite 9 Herren knis. Rat T o f f l e r und Ellis R o t h b e r g Anregungen betreffs Anwerbung und Aufnahme'neuer Mitglieder. ' Nach durchgefnhrtem Skrntinium wird das Wahlresultat cherknndet. Es erscheineu als wiedergewählt die Herren: Doktor Jakob E n g e I, kais. Rat' Friedrich Pollak und Leopold Waller; neugewählt Herr Leopold Sou r i e. Hierauf wird .die Generalversammlung vom Vorsitzenden geschlossen. Der Kabbi und der Uorsteher. Eine Reminiszenz. Als vor ungefähr zwei Dezennien das neue, die inneren Angelegenheiten der israelitischen Gemeinden regelnde Kultusgesetz — wonach eine jede Kultnsgemeinde, wenn sie als solche unerkannt werden will, einen Rabbiner zu bestellen verpflichtet fei. — die Sanktion erhalten hatte, befanden sich die kleineren "Gemeinden in Böhmen in größter Verlegenheit. Ihrer Autonomie wollte selbst die kleinste Gemeinde -um keinen Preis verlustig werden nnd einen akademisch und seminaristisch gebildeten Rabbiner anznsteÜen, waren sie nicht in der Lage, da ein solcher, der sich mit einem jährlichen fixen Gehalt von 500 oder 600 Dulden begnügt hätte, nicht zu finden, war. In dieser Zeit der "Not entstand ihnen plötzlich in der Person eines energievolleu Rösch-hakohol — des Herrn T. in Tr.!— ein wahrer -Erlöser. | Als nämlich um jene Zeit in einer Vorstandssitzung, in der die Besetzung des seit Jahren vakant gewesenen Rabbiner- Kostens auf der Tagesordnung stand, über die Lösung der Rabbinerfrage stark debattiert wurde, stellte der Präses der Tr . . er Gemeinde, Herr T. folgenden Antrag : „Das Kultusgesetz schreibt t)bi\ daß der zu bestellende Rabbiner vor allem allgemeine Bildung besitzen müsse. In gewissen Fällen jedoch steht es der "Behörde frei, ihm diesbezüglich Dispeps zu erteilen. Was die theologischen, resp/talmudischen Kenntnisse betrifft, ist es Sache der Kultnsgemeinde. sich hievon selber Ueberzengnng zu verschaffen. Nun denn,, in unserer Gemeinde hier wirkt seit einer Reihe von Jahren ein sehr intelligenter Volksschullehrer, der zweifellos von der politischen-Behörde bezüglich des Nachweises der allgemeinen Bildung den Dispens erhalten werde. Diesen Mann wollen wir zum Rabbiner bestellen, indem wir ihn von der Kenntnis des veralteten, von der Knltur der Zeit überholten 'Talmud — der'für uns schon längst gegenstandslos geworden -— dispensieren. Bis jetzt hat er einen jährlichen Gehalt von GOO Gulden bezogen, so-wollen wir ihm von heute ab diesen Gehalt um 400 Gulden erhöhen, und zwar als Remuneration für die rabbinischen Funktionett. wir machen dabei ein gutes De schüft und der gute Mann kann auch sehr zufrieden sein." 'Dieser Antrag wurde per Akklamation akzeptiert. Nach Schluß der Sitzung ließ der Präses den Herrn Kehrer G. zu sich bitten, der auch sofort vor dem Allgewaltigen ehrfurchtsvoll erschien. „Ich habe Ihnen", sagte der'Vorsteher, „eine 'erfreuliche Mitteilung zu machen. Sie wurden in -der heute -stattgefnndenen Sitzung einstimmig zum Rabbiner der hiesigen -Kultnsgemeinde ernannt". Der Lehrer G. stand.ganz frappiert da. Wie! rief er verwundert ans. Ich, der ich mich nie mit tälmndischeu Studien befaßt habe, soll als der Rabbiner der Hiesigen Gemeinde, in der stets hervorragende rabbinische Antolltäten als Seelsorger gewirkt, figurieren? Dazu kann ich mich dvch nicht hergeben! ' M Seien Sie nicht so kindisch, eutgegnete ihm der Herr "Präses, man verlangte doch von Ihnen nicht.- daß Sie ein Kenner des Talmuds sein müssen, mit Schaalos und rituellen Fragen wird man Sie nicht belästigen, dafür sorgen schon unsere Frauen. .-Kanzelpredigten brauchen Sie nicht zu Halten und die paar Gelegeuheitsredeu, die im Laufe des Jahres abzuhalteu sind, werden Sie als intelligenter Mann schon zustande bringen. Ilebrigens zwingen kann ich Sie zur Annahme dieser Stelle 'uicht, muH -Sie aber darauf aufmerksam machen, daß-im Falle Sie durchaus diesen Ihnen gestellten annehmbaren Antrag nicht akzeptieren wollen, tvir zu unserem Bedauern gezwungen sein werden. Sie entlassen zu müssenum einen anderen Lehrer, der mit offenen Armen nach diesem Rabbiner-Lehrerposten greifen wird, zu akzeptieren. Was hätte nun der arme Lehrer, der Familienvater war, tun sollen? Er mußte gute Miene zum bösen Spiele machen und den Antrag des Vorstandes mit Freuden (?) akzeptierend Am nächsten Sabbat erschien schon der Herr Lehrer im vollen Ornate als Rabbiner im Tempel, wo er beim Ans- und Einheben der Thora die üblichen deutschen Gebete vor offener Bnndeslade vornug und als „Schlischi" zur Thora gerufen wurde. Nach Beendigung des Gottesdienstes stattete er dem Herrn Präses eine Staatsvisite ab und dankte ihm herzlichft für das ihm verliehene Ehrenamt. Ich staune, rief der Herr Vorsteher, daß Sie mir noch danken, da Sie doch anfangs diese Stelle um keinen Preis annehmeu wollten! Bevor ich Ihre Frage beantworte, erwiderte der Herr Rabbiner, will ich vorerst eine Episode erzählen, aus der Sie sofort die Lösung Ihrer Frage finden werden. Rabbi Saroch Eidlitz in Prag, einer der hervorragendsten Schüler des berühmten Rabbi Jonathan Eibenschütz, wollte durchaus ein nicht besoldetes Rabbineramt bekleiden. Um seine Familie erhallen zu können, errichtete er sich eine kleine Buchdrnckerei. Als jedoch, bevor der Rabbiner Landan in Prag eintraf, eine vakant gewordene Appellantenstelle besetzt werden sollte, wurde Eidlitz vom Borstande als die geeignetste Persönlichkeit für diese Stelle vorgeschlagen. Eidlitz aber weigerte sich entschieden dieselbe anznnehmen. Der Gemeindevorstand aber rekurrierte und Rabbi sah sich g e z w u n g e n, dem Gubernialbefehl Folge zu leisten und Appellant zu werden. Bald nach seiner Ernennung ging er znm Präsidenten der Gemeinde, um ihm seinen Dank auszudrückeu. Auf dessen große Verwunderung versetzte Eidlitz: „Ich wollte gewiß nicht Appellant werden, da mau aber doch das sein muß, wozu der Vorsteher einen vorschlägt, so danke ich, daß man mich znm Appellanten und nicht zum Nachtwächter vorgeschlagen hat." Auch ich danke, sagte der Herr Rabbiner-Lehrer, daß ich znm Rabbiner ernannt und nicht mit meiner Familie brodlos gemacht wurde. Beritas. Verschiedene Ilnchrichten Wien. Freitag, am 3. Jänner l. I.. abends, Predigt des Herrn Rabbiner Dr. M. Rosen mann im Floridsdorfer Tempel. Wien. (Israelitische Kultnsgemeinde Wien.) Sonntag, den 5. Jänner 1913, halb 11 llhr vormittags, findet eine'öffentliche Plenarversammlung des Boxstandes der israelitischen Kultnsgemeinde I., Seitenstettengaffe 4, 2. Stock, statt. - Tagesordnung: Konstituierung des Kulmsvorstandes: 1. Wahl des Präsidenten, 2. Wahl des Ersten Bize-Präsidenten, 3. Wahl des Zweiten Bize-Präsidenten, 4. Wahl von 8 Mitgliedern des Vertreter-Kollegiums und ö. Wahl der Mitglieder in die Kommissionen und Komitees. Betreffend den in voriger Nummer unseres Blattes veröffentlichten Bericht über die öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes vom 22. Dezember v. I. werden wir vom Präsidenten der israelitischen Kultusge'meinde,' Herrn Dr-. Alfred Stern, um Aufnahme folgender Berichtigung ersucht: Wien, 30. Dezember 1912. Geehrter Herr Redakteur l In Ihrem Berichte über die letzte öffentliche Sitzung des Kultus» vonstandes wird erwähnt, daß ich der Erwartung Ausdrrrck gegeben habe, „daß es der Gemeinde in absehbarer Zeit möglich sein werde, ein neues Alntshaus zu bauen, das nicht nur allgemein als Bedürfnis empfunden werde, sondern auch einen alten Lieblingswuusch des Redners bildet." Nur auf die letzte mir in den Mund gelegte Aeußernng erstreckt sich meine Berichtigung. Ich anerkenne die Notwendigkeit eines neuen Amtshanses, da das gegenwärtige den vorhandenen Bedürfnissen lange