Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 46 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063669--08184-3075331- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion und Sldnunistration: Wien. 11,', Avvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Auabhängige Heitfchrifi für Mische Verna»prei»: <Miuijiiit>vi|t.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938 II. R. k. üsterr. Vostspartafsa- Slvrck-Konro Nr. 100.918. Interessen. Für Nnlttt-Veuiiitr: Jufevate: Die viermal geivalten- Ronparcille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ilreilag. Für -?illSlu»d: AdonnclncnlS- und Insertion«- >d»„„ziny»jg.H Mark betrage und in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ß!>!»vel oder Iß yrc» |lv. 46. Wien. 29 November Inhalt: Die Annäherung der Deutschen und Magyaren in Oesterreich-Ungarn. — Kein Märchen. — Wo bleibt das Recht? — Die Wiener Knltus- . wählen. — Präsidentenwahl in der Bndapester Kultnsgemeinde. — Josef Jelinek. — Verein zur Ausspeisnng armer israelitischer Schulkinder des 12., 13., 14. und 15. Bezirkes. — Der Allianzkonflikt in Deutschland. — Die Alexaudruiischen Bücherschätze. — Der hundertste Geburtstag von Oberrabbiner Josef Meiste s. A. — Die Psalmen als Erholungslektüre für Kranke. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Analphabeten". — Eine Aktion des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines. Die Annäherung der Dentjchen und Magyaren in Oesterreich-Ungarn. Gelegentlich der letzten Tagung der österreichisch-ungarischen Delegation wurde von den Delegierten v. Heltai und Dobernik die Annäherung der Deutschen und Magyaren wirkungsvoll eiugeleitet und in der letzten Sonntagsnummer der „Neuen Freien Presse" werden deutschnationale, ungarische Stimmen und sogar — eine christlich-soziale angeführt, welche für diese Annäherung eintreten. Besonders bemerkenswert ist die Aenßerung des christlich-sozialen Abgeord- . neten Freiherrn von Fuchs, der eine solche Annäherung der Deutschen und — Judäomagyaren „höchst erfreulich und wünschenswert" findet, eine weitere Fühlungnahme zll diesem Zwecke als „ein Gebot der Notwendigkeit" betrachtet und auffordert, eine solche „nicht erkalten zu lassen". Der in Folge der letzten Siege des Balkanbundes in Oesterreich drohende Trialismus hat diese neueste Allianz gezeitigt und Dentschnationale und Christlichsoziale für diesen Plan gewonnen. Die Deutschen Oesterreichs glauben durch ein solches Bündnis eine südslavische Vergrößerung des jüngst annektierten Staatsgebietes verhindern und in der zisleithanischen Reichshälfte die Hegemonie der Deutschen und die deutsche Staatssprache ebenso restlos durchznsühren zu können, wie dies den Magyaren in Ungarn gelungen ist. Man kann in diesem Belange kein Prophet sein und nicht Voraussagen, ob solche Bestrebungen heute noch ausführbar sind. Die Tschechen in Oesterreich stehen nämlich in der österreichischen Reichshälfte weder numerisch, noch kulturell so weit hinter den Deutschen zurück, wie die Slaven den Magyaren in Ungarn. Zudem ist bekanntlich die ungarische Gesetzgebung viel freisinniger und darum volkstümlicher als in der österreichischen Reichshälfte. In Ungarn wurden beispielsweise dem Klerikalismns die Flügel derart nachdrücklich zngestntzt, daß er es dort nicht unternehmen kann, die Staatsgewalt und die Schule erfolgreich zu überwuchern. Erkennt doch der bekannte Deutschenführer Dr. Steinwender die „anererbten politischen Talente" der Ungarn schrankenlos an. Der deutschradikale Abgeordnete K. H. Wolf meint, die panslavistische Gefahr zwinge gegenwärtig Deutsche und Magyaren zum Einvernehmen, die Wiener Deutschnationalen Denk und Ganser versprechen sich von dieser Allianz eine Minderung der Lebensmitteltenerung und eine Besserung der industriellen Tätigkeit. Obgleich nun eine solche Allianz ihre Spitze naturgemäß gegen die slavischen und romanischen Nationen in Oesterreich kehren müßte, vergessen die Deutschnationalen Wolf, Wedra, Markhl, Heine doch nicht, von den Magyaren eine besondere Rücksicht für die Deutschen in Ungarn zu fordern. Da. Bauer, ist es was anderes! Aber in Wien werden Straßendemonstra» tionen wegen einer tschechischen Privatschule aufgeführt. Die charakterfesten Inden haben nun wohl keine Ursache,' gegen eine Annäherung der Deutschen und Magyaren Verwahrung einzulegen, weil dadurch die österreichische Freiheit und der österreichische Freisinn nur gewinnen könnte. Dies aber nur dann, wenn man nur mit den wirtschaftlichen und kulturellen Mitteln die Hegemonie der genannten Nationen zu erhalten sucht und auf gewaltsame, ungerechte Unterdrückung anderer Völker in diesem Staate verzichtet. Will man aber das Deutschtum in Oesterreich mit allen Mitteln und unter allen Umständen ans Kosten der anderen Nationen einseitig fördern, dann wird auch diese Allianz die Ruhe und den Frieden in Oesterreich nicht bringen. Die Juden werden nach den Tatsachen der letzten Jahre, nachdem Minister aus dem deutschnationalen und christlichsozialen Lager Volkswirtschaft und Schule auf einen seit vierzig Jahren nicht dagewesenen Tiefstand gebracht haben, vorerst ihren Pessimismus nicht abzulegeu vermögen. Die besten Staatsmänner und Diplomaten haben bis nun auch die Deutsch» nationalen nicht geliefert. Mögen sie durch eine engere Verbrüderung mit den herrschenden Magyaren gefördert und gebessert werden! Nur durch Aufgabe der engherzigen Angst vor jeder anderen Nation und durch wahrhaft freie Gesetze und deren gerechte und unparteiische Anwendung können sowohl Deutsche, wie Magyaren ihre bis zur Gegenwart behauptete Hegemonie auch weiter erhalten. Die Deutschen Oesterreichs müßten zu diesem Zwecke es den Magyaren auch in dem Belange gleichtun, daß sie es aufgeben, die Deutschen mosaischer Konfession, die Juden Oesterreichs, ans niedrigen, angeblich rasseninstinktiven Gründen, beleidigend abznstößen, sie in jedem Belange zu boykottieren und zu verdächtigen. Wenn sich die Deutschen nun so sehr bedroht sehen, dann stimmt es nicht, Elemente, die bereit sind, mit Gut und Blut, mit ihrer Arbeit und ihrem Wissen an der gemeinsamen deutschen Kultur in Oesterreich mitznarbeiteu, als Fremdlinge von sich zu stoßen. Die Rassenfrage ist gegenwärtig nur mehr ein demagogischer Behelf, es gibt tatsächlich kein rassenreines Volk mehr. Nur Sprache und gemeinsame Kultur bilden gegenwärtig noch den Rahmen für die verschiedenen Nationen. Es gibt wohl unbestritten Juden in Oesterreich, die länger im Besitze deutscher Sprache und Kultur stehen, als un-