Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 44 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 44, Die Wahrheit Deite LI. Feuilleton. Analphabeten. Eine Episode au» dem russisch-japanischen Kriege. Bon Babette Fried, Prag. In dem russisch-polnischen Dorfe Kretschowa wußte man -bisher wenig'von den schweren Zeiten, die über das ganze große Reich hereingevrochen waren.. Nicht als ob die Bewohner dieses Dorfes in Üeberflnß oder auch nur in Wohlstand gelebt hätten —1 nein, nur durch die schwerste Arbeit und kümmerlichste Lebensweise gelang es ihnen, das tägliche Brot zu erwerben. .Und auch das ist nur bildlich . gesagt; denn selbst das B r o t galt bei diesen Armen als Leckerbissen, als eine oft unerschwinglich Festspeise. Und dennoch lebten diese Leute ruhig und friedlich nebeneinander, halfen sich gegenseitig nach Möglichkeit ans, und wußten nur soviel von den Händeln der Welt, als ihnen der katholische Pfarrer des Dorfes von der Kanzel verkündete. Dieser war der einzige, der eine Zeitung las, deren Inhalt er hie und da, soweit er es für tunlich hielt, seiner Gemeinde ans diese Weise mitteilte. In der letzten Zeit hatten die Blätter sehr ernste Nachrichten gebracht, von Krieg und verlorenen Schlachten. In der Kölnischen Bevölkerung des Landes hatten diese Übeln Nachrichten vom Kriegsschauplätze nur insofern betrübend gewirkt, als sie Opfer au Gut und Blut in Form von Steuern und der Rekrutierung ihrer Söhne der Kriegsfurie bringen mußten Im innersten Herzen, wo ein unauslöschlicher Groll gegen den rücksichtslosen Unterdrücker, gegen den geborenen und geschworenen Erzfeind: „Rußland" wurzelte, da schlich sich, wenn auch uneingestanden, eine leise Schadenfreude ein. Freilich war diese von dem Wunsche begleitet, daß den unablässig ans einander folgenden Niederlagen endlich der Friede folgen möge, der dieser 'Menschenschlächterei ein Ende bereite. Die Armen! Sie ahnten ja nicht, daß die Schrecken des ^Krieges noch nicht zu Ende seien, und noch viele weitere Opfer fordern werden. Sie kamen wie sonst in der einzigen Schenke des Dorfes 'beisammen, woselbst der alte Abraham Goldfinger ihnen unverfälschte Wodka kredenzte, und den Vermögendern, die es sich bieten konnten, grünlich schillernden Borovicka verkaufte. Seinen oft sehr weisen Rat gab er auf Verlangen gratis zu. In den Augen der Krecover Bauern galt der Jnde Abraham in jeder Weise als Autorität. Er konnte lesen, wenn auch wicht polnisch oder gar russisch, so doch sein jiddisch, und wußte ihnen gar manches von Welt und Leuten zu erzählen, was ihnen sonst ganz unbekannt geblieben wäre. Wenn der Abraham seinen Branntwein trinkenden Gästen Geschichten erzählte und Gleichnisse vorbrachte, so ahnte es niemand, daß der Erzähler ans einem Werke schöpfte, das niemand von ihnen auch nur dem Namen nach kannte — dem Talmud, dessen Studium Reb Awrom noch immer oblag, obzwar er außer seinem ältesten Sohne Chajim, niemanden hatte, mit dem -er disputieren oder seine Ansichten austauschen konnte.; Eines Tages kam Nachbar Petrn zu ungewohnter Stunde in die Gaststube. „Wißt ihr schon Abraham, was Neues ist? Es geht euch so gut an, als mich." „Nichts weiß ich, Petruska," antwortete der Wirt, am ganzen Leibe bebend, denn er wußte aus Erfahrung, daß alles Nene etwas Trauriges barg. „Was ist los?" „Genug Trauriges, daß mein Franzel und euer Chajim znm Militär müssen." „Unmöglich!" rief Abraham aus, „sie sind ja noch zu jung, sie haben noch nicht die Jahre." „Das macht nichts. Väterchen braucht Soldaten, und da muß alles einrücken, jung und alt." „Leider leider!" sagte Abraham, mit einem tiefen Seufzer. „Aber, wer hat es euch gesagt? Vielleicht ist die ganze Sache nicht wahr, und wir ängstigen uns umsonst?" Wahr, wahr ist es, so wahr als wir da sitzen. Awromkn. Heute nach der heiligen Messe hat der Herr Pfarrer es vorgelesen, daß sich in acht Tagen alle Jungens von 17 Jahren aufwärts zu stellen haben. Und dabei sind unsere Buben auch." „Gott seis geklagt," sagte Reb Awrom, „mein schönes Kind, so ein seiner Junge, und jetzt muß er unter die Soldaten!" Petrn rückte dem im stummen Schmerz dasitzenden Vater nach einer Weile näher und flüsterte ihm ins Ohr: „Wie wäre es, Awromkn, wenn wir die Kinder wo versteckten, wo sie niemand findet, ihr werdet schon wissen, ihr seid ja. so ein kluger Mann. Es bleibt doch unter uns." Entrüstet stieß Abraham den Versucher von sich. Das geht nicht, Nachbar, das ist nicht dnrchznführen. Mit so was kommt mir nicht mehr. Das kann nicht sein." Abends kam Chajim nach Hause. Er hielt sich tagsüber in der nahen Khille ans, wo er inmitten einer Schaar lernbegieriger Talmndjünger zu Füßen des Rabbi, eines weltbekannten Talmndgelehrten, als Talmndschüler saß, um sein Wissen zu bereichern und seinen Geisi zn schärfen. Er hatte schon unterwegs die traurige Neuigkeit gehört, und tiefe Wehmut hatte ihn ersaßt. Doch war seine Liebe und Verehrung für seinen Vater noch größer, als seine schmerzliche Sorge, und so brachte er es über sich, scheinbar ruhig und gelassen, so als ginge die Sache ihn persönlich nicht an, darüber zu sprechen. Diese zur Schau getragene Gleichmut, verbunden mit den Trostesworten, die er dem unerschöpflichen Borne der heiligen Schriften und dem Talmud entlehnt hatte, brachten es zustande, den schier verzweifelten Vater einigermaßen zu beruhigen. Nur die Worte: „Gott Lob, daß deine fromme Mutter den Tag nicht erlebt hat. wie du hinaus in dell blutigen Krieg mußt; das wäre bitterer für sie als der Tod gewesen," verrieten die Tiefe seines Schmerzes. 4° * * Die wenigen Gäste hatten das Lokal verlassen, und Vater und Sohn saßen allein in der ranchersüllten Stube, in ernste Gespräche vertieft. Da wurde die Türe heftig aufgerissen, und zwei verspätete Gäste traten lärmend in die Schankstnbe. Es waren dies ebenfalls Vater und Sohn: der Holzfäller Petrn und Franzek, sein Sohn. Jener mit wild rollenden Augen, in einem Zustand furchtbarer Aufregung, dieser totenbleich, mit schlotternden Beinen sich mühsam sortschleppend. „Zwei Glas Branntwein her, aber starken, ungewässerten, Jnd, damit wir den Schreck herunter saufen!" Abraham stand auf und trat zu dem ungestümen Gaste, ihm beruhigend die Hand ans die Schulter legend. „Ihr habt schon genug getrunken für heute. Laßt es gehen, morgen ist auch noch ein Tag." „Wahr, morgen ist ein Tag, aber inzwischen ist eine Nacht, wo wir nicht schlafen können, ich ans Zorn und der Franzek da ans Furcht, da muß uns der Schnaps zum Schlafe helfen." Nein, das wird er nicht. Er wird euch um das bischen Verstand, das ihr habt, bringen, und in unserer schweren Zeit braucht man nichts so sehr als gerade den." Franzek fing zu weinen an. und Chajim sprach zu ihm: „Schämst du dich nicht, Franzek. zn heulen wie ein altes Weib. Sei stolz daraus, daß du berufen bist, zn kämpfen für Kaiser und Vaterland." Auf Franzek machten diese Worte keinen Eindruck, doch .Petrn entgeguete: „Unser Vaterland ist nicht Rußland, sondern Polen, und für Polen möchte ich kämpfen, so alt ich bin, und gern in den Tod gehen, aber für Rußland" — und er spie verächtlich aus. Abraham unterbrach den Aufgeregten, indem er ihn zur Vorsicht mahnte. „Das darfman nicht sagen, Nachbar, solche Worte vor verräterischen Menschelt gesprochen, können euch ins Unglück stürzen. Jedenfalls Helsen sie nichts, und wir müssen uns fügen." „Fügen! Ja, euch ist gut zn reden, Ihr habt noch mehr Kinder, nud ich nur den einen. Und doch kann ench der Chajim schreiben, er ist ja ein Gelehrter." (Fortsetzung folgt.)